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Zweite CD des Danish String Quartet mit skandinavischer Folklore Perfekt beherrschtes Handwerk

CD-Tipp vom 10.10.2017

CD-Cover Danish String Quartet

CD

Titel:
Last Leaf
Interpret:
Danish String Quartet
Label:
ECM 2550 481 5746

Viele prägnante Anekdoten im Begleitheft
Der „verrückte Andersson“ aus Lappland stürmte eines Tages in die Kirche und verfluchte Gott. Frau und Kind waren kurz vorher gestorben. Andersson wurde wahnsinnig vor Schmerz, er verlor seine Stellung als Lehrer. Aber man ließ ihn weiter Musik machen, sein Fiedelspiel war einfach nicht zu ersetzen. Die Geschichte vom verrückten Fiedler Johann August Andersson liest man unter vielen prägnanten Anekdoten im Begleitheft der CD. Viel Zeit zum Nachdenken über den traurigen Mann und seine lebenspralle Musik bleibt bei den kurzen Stücken nicht, denn als nächstes lässt man sich auf die uralte skandinavische Geschichte vom Ritter Stig ein, der mit magischen Runen versucht, eine Frau für sich zu gewinnen. Blöderweise erwischt sein Liebeszauber die falsche Frau, der guten Laune der Musik tut auch das keinen Abbruch.

Maßstabsetzend auch bei traditionellen Spieltechniken
Schon Ludwig van Beethoven hat das alte Volkslied vom Ritter Stig vertont. Mit Klassik hat der swingende Folklore-Stallgeruch des Arrangements vom Danish String Quartet aber nur noch wenig zu tun. Auch auf dieser neuen CD des Ensembles kann man dennoch momentweise wieder hören, dass das Weltklasse-Streichquartett auch bei traditionellen Spieltechniken Maßstäbe setzen kann. So zeigt etwa ein kleines Menuett, dessen Grundstruktur den Hörer auch bei Joseph Haydn nicht überraschen würde, wie einfach, wie sauber, wie ausbalanciert, wie wasserklar ein Top-Ensemble den Wechsel von Dur nach Moll zu einem magischen Moment machen kann. Es bedarf dann auch keiner Hexerei, um ein paar Sekunden später schon wieder die Farbe zu wechseln. Nein – Hexerei ist das nicht, nur perfekt beherrschtes Handwerk. Genau das macht diese Aufnahme unwiderstehlich.

Unanfechtbar brillante Aufnahmen von klassischem Repertoire und Neuer Musik
Die CD wäre nun weniger spannend, wenn man als Streichquartett-Fan an ein paar Stellen nicht auch schlucken müsste: Wenn der erste Geiger plötzlich ein Glockenspiel bedient, statt zu fiedeln – ist das schon Kitsch oder noch Kunst? Klar ist das ein geradezu irritierend zuckersüßer Moment. Und wenn man nicht wüsste, dass das Danish String Quartet alle paar Monate unanfechtbar brillante Aufnahmen von klassischem Repertoire oder Neuer Musik auf den Markt bringen würde, könnte man schon auf den Gedanken kommen, hier setze eine Marketingstrategie auf leicht verdauliche Kost. Dazu kommt ja noch ein Extra-Gimmick: Der erste Geiger spielt nicht nur Glockenspiel, sondern auch Harmonium und Klavier, liebäugelt dabei ohne Scheuklappen mit Popharmonien.

Lehrstunde in Sachen Intonation, Sound und idiomatischer Artikulation
Crossover kann ein schlimmes Wort sein, gerade klassisch ausgebildete Musiker aus der Kammermusikfetischabteilung Streichquartett wirken beim Flirt mit anderen Genres leicht verspannt, anbiedernd oder schlicht ahnungslos. Dass auch die zweite Folk-CD des Danish String Quartet eine Lehrstunde in Sachen Intonation, Sound und idiomatischer Artikulation ist, liegt einmal mehr am einfachen Rezept des Ensembles: Exquisites Handwerk entsteht hier auf der Basis guten Geschmacks, und der schützt bekanntlich vor ästhetischen Fehlgriffen. Anders formuliert: Wer so gut spielt, der weiß, was geht!

CD-Tipp vom 10.10. 2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“