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SENDETERMIN Mi, 8.7.2020 | 14:15 Uhr | SWR Fernsehen

Folge 805 Taiwan - kleine Insel, großes Bahnland

Taiwan, die schöne Insel, wie die Portugiesen schon vor 400 Jahren sagten, ist so unbekannt, wie fantastisch. Faszinierend ist auch eine Bahnfahrt rund um die Insel, die so groß ist, wie Baden-Württemberg.

Wenn man die Taiwan besucht, fällt auf, dass die Insel einen traditionellen Osten und einen dynamischen Westteil besitzt. Während im Osten die Züge noch langsam auf meterspurigen Gleisen entlang zuckeln, überwindet der normalspurige Shinkansen seit 2007 die 345 Kilometer zwischen den beiden Metropolen Taipeh und Kaohsiung in sagenhaften 96 Minuten.

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Folge 805

Taiwan - kleine Insel, großes Bahnland

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Wir machen Station in Jiufen. Taiwans Nordküste zieren zerklüftete und ausgeschwemmte Felsen, eine wildromantische Gegend am  Ostchinesischen Meer.

Wir machen Station in Jiufen. Taiwans Nordküste zieren zerklüftete und ausgeschwemmte Felsen, eine wildromantische Gegend am  Ostchinesischen Meer.

Für uns Europäer ist Taiwan ein ziemlich unbekanntes Land. Seine Bewohner lieben das Zweirad – hunderttausende sind täglich damit unterwegs-, aber sie lieben auch die Eisenbahn. Immer bleibt Zeit für einen höflichen Umgang miteinander. Das fällt dem Besucher als erstes auf. Die portugiesischen Eroberer nannten Taiwan „Ilha formosa“, die schöne Insel.... und sie hatten recht.

Der Zugbetrieb unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in Europa. Hier wie dort sind im Einsatz Vorort- und Regionalzüge, lokbespannte Personenzüge und Triebwagen, mal schnelle, mal langsame. Vorne am Zug: eine Lokomotive vom Typ E, gebaut in Korea. 64 Maschinen dieses Typs sind auf der Insel stationiert und hauptsächlich im elektrifizierten Nordosten im Einsatz vor Personen-  und Güterzügen. Ursprünglich waren die Bahnen der Ost- und Westküste unabhängige Gesellschaften mit unterschiedlichen Spurweiten. 1989 wurde die Spur  auf 1067 Millimeter vereinheitlicht und der Ring um die Insel geschlossen.

Man nennt sie die schönste Schlucht Asiens: die Taroko-Schlucht im Nordosten Taiwans. In diesem Gebirge aus Marmor und Granit hat sich in Jahrmillionen der Fluss Liwu gut 500 Meter durch das Gestein nach unten gegraben. Der Taroko-Nationalpark ist Kandidat für die Weltnaturerbe-Liste der UNESCO. Von einem Stamm der Ureinwohner, den Taroko, hat die knapp 20 Kilometer lange Schlucht ihren Namen erhalten. Die  Schlucht ist eine der meistbesuchten Naturattraktionen Taiwans, aber für Besucher zugänglich erst seit 50 Jahren, als man ihre Infrastruktur durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verbesserte.

Der „Schrein des ewigen Frühlings“. Mehrere Male wurde der Tempel durch Unwetter zerstört, bis er an seinem jetzigen Platz neu aufgebaut wurde. Er dient dem Andenken an die 226 Soldaten, die beim Straßenbau ihr Leben lassen mussten.

Auch in dem buddhistischen Tempel direkt nebenan wird gebetet und der Toten gedacht. Für jeden Verunglückten gibt es hier einen Eintrag der Erinnerung.

Formosa U-Bahn-Station in Kaohsiung mit beeindruckenden Glasmalereien. Sie ist lt. einer Homepage über den 15 schönsten U-Bahn-Statoionen der Welt, die Zweitschönste. Es handelt sich um ein öffentliches Kunstwerk. Die Lichtkuppel wurde von dem italienischen Künstler Narcissus Quagliata entworfen. Bis zur Fertigstellung hat es 4-5 Jahre gebraucht. Jedes einzelne Teil wurde ausschließlich aus Glas hergestellt.

Die  modernen Bahnhöfe Taiwans erinnern sehr an Flughäfen. Überall ist Personal anwesend, das dem Reisenden weiterhilft. Mit einem Ticket öffnet der Reisende die Sperre hinaus auf den Bahnsteig. Es  dient gleichzeitig auch als Platzkarte für den Zug.

Dreißig Shinkansen, die hier die Bezeichnung 700T erhielten, sind im Einsatz - mit einem Fassungsvermögen von jeweils knapp tausend Personen.

Seit 2007 sind japanische Shinkansen auch in Taiwan unterwegs. Hier heißen sie allerdings TSHR (Taiwan High Speed Rail). Eine Fahrt zwischen den Metropolen Taipeh und Kaohsiung dauert etwa anderthalb Stunden.

Für die Fahrt mit dem Shinkansen, der seit 2007 die 350 Kilometer zwischen den beiden Metropolen Kaohsiung und Taipeh in flotten 96 Minuten zurücklegt, kostet das Ticket weniger als 50 €.

762-mm-Schmalspur Zucker-Museumsbahn in Xihi mit der 1948 in Belgien gebauten Dampflok 346.

Gut sechzig Kilometer nördlich liegt Chiayi. Im Herzen dieser Stadt sind in einer parkähnlichen Anlage, dem Betriebswerk der Alishan Forest Railway,  alte Dampflokomotiven und Wagen abgestellt. Hier riecht es schwer nach „Stillstand“. Die mächtigen alten Waldbahnloks sind in gutem Zustand, aber arbeitslos. „Marakot“ heißt des Rätsels Lösung, ein Taifun, der 2009 die 86 Kilometer lange Bahnlinie zu zwei Dritteln zerstörte. 

Nicht nur die Gastronomie entlang der Strecke leidet unter dem Ausfall der Züge. Hier in Fenchihu haben viele Fahrgäste einst Lunchpakete erworben. Auch die Dampflokfreunde wünschen sich wieder Betrieb auf der abenteuerlichen Linie, die mehr als 2.200 Höhenmeter überwindet. Man hofft auf eine baldige teilweise Wiedereröffnung der Strecke. Die durchgehende Fertigstellung wird wohl noch einiges länger dauern.

Es gibt sie noch: die gute alte Dampfeisenbahn. Beispielsweise in der alten Zuckerfabrik von Xihu. Die Fabrik wurde 2002 geschlossen, sie war unrentabel geworden. Fünf Jahre später aber entstand hier ein Museum mit der alten Zuckerrohrbahn. Eine starke kleine Maschine, die Lasten bis zu 250 Tonnen bewegen kann. Nach über 500.000 gefahrenen Kilometern und knapp zwei Millionen Tonnen transportierten Zuckerrohrs ist sie 1977 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Jetzt macht sie eine zweite Karriere als Museumslok.

Von Xihu geht es nur dreißig Kilometer weiter Richtung Osten, zu einer weiteren Touristikbahn, die ebenfalls ursprünglich Güter transportierte, diesmal Holz und Getreide. Es ist die 30 Kilometer lange „Chii-Chii Line“. In Jiji steigen wir zu und begleiten die vielen Wochenendtouristen Richtung Checheng und dem Sonne-Mond-See.

In Checheng ist ein kleiner Eisenbahnpark entstanden mit historischen Fahrzeugen und einem neuen Bahngebäude. Der alte Bahnhof fiel vor einigen Jahren einem Erdbeben zum Opfer. Auf dem Gelände wird den zahlreichen Besuchern nicht nur ein Blick in die Bahnvergangenheit, sondern auch in die Geschichte der Holzverarbeitung auf Taiwan geboten – ein lohnendes Ausflugsziel, die „Chi-chi-Line“.

Fast ein Jahrhundert lang wurde in Taiwan Zucker verarbeitet. In Xihu ist aus einer ehemaligen Raffinerie ein Museum entstanden mit einer sieben Kilometer langen Museumseisenbahn. Weitere touristische Höhepunkte sind die Bahnen zum Sonne-Mond-See und zum Berg Alishan, wobei letztere 2009 Opfer eines Taifuns wurde und Züge nur noch auf einem kurzen Abschnitt verkehren. Am Endpunkt kann man den legendären Sonnenaufgang im Alishan-Gebirge erleben.