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SENDETERMIN Mo, 2.7.2018 | 12:15 Uhr | Das Erste

Vogelbestand geht zurück Vögel füttern im Sommer

Für einheimische Sing- und Zugvögel ist das Insektensterben eine große Bedrohung, warnt Prof. Peter Berthold, Ornithologe und langjähriger Direktor der Vogelwarte Radolfzell. Kleinvögel – egal ob Insekten- oder Körnerfresser - sind für die Aufzucht ihrer Jungen alle auf Insekten als Nahrung angewiesen. Bertholds Credo nach 60 Jahren Forschung: Durch gezieltes ganzjähriges Füttern vor allem der Klein- und Zugvögel lassen sich die heimischen Vogelbestände retten und auf lange Sichte wieder aufbauen.

Nach Untersuchungen des Naturschutzbundes (Nabu) ist die Bevölkerungsdichte der Insekten in den letzten 30 Jahren um bis zu 80 Prozent zurückgegangen. Diese habe nicht nur eine „Bestäubungskrise“ ausgelöst, sondern auch Vogelarten wie Blaukehlchen, Mehlschwalbe oder die Dorngrasmücke, bekommen dadurch Probleme ihren Nachwuchs groß zu ziehen.

Vogelbestand um 80 Prozent zurückgegangen

Am schlechtesten sind die Vogelarten dran, die für die Aufzucht ihrer Jungen Insekten benötigen sowie auch die Zugvögel, die mit einer Reihe verschiedener Lebensräume zurechtkommen müssen, erläutert Peter Berthold. Der Kranich, der Star als Vogel des Jahres 2018, die Rauchschwalbe und sogar der Haussperling sind „auf der Verliererseite“, meldet der Nabu. Die Vogelwarte Radolfzell analysiert die Bestandsentwicklung der heimischen Vögel seit 1946.

Die Wissenschaftler haben festgestellt: In den vergangenen rund 220 Jahren ist der Vogelbestand in Deutschland um 80 Prozent zurückgegangen. Von insgesamt 268 Brutvogelarten sind 10 Arten bereits ausgestorben, 30 sind vom baldigem Aussterben bedroht. Mehr als die Hälfte aller heimischen Vogelarten nimmt im Bestand ab. Der Rest schlägt sich wacker und ein Teil - vor allem neue Arten aus Afrika und Südeuropa - nehmen im Bestand zu.

Fettes Futter für fette Beute

Gerade während der Brutzeit sind die Vogeleltern oftmals von früh um 4 bis nachts um 22 Uhr auf Achse, um genügend Nahrung für ihre Jungen zu organisieren. In dieser Zeit, so Berthold, leben die Vögel vom „Schnabel in den Magen“. Da bräuchten sie energiehaltige fettreiche Nahrung, wie z.B. Meisenknödel, um so gestärkt die wenigen noch vorhandenen Insekten für ihre Brut fangen zu können. „Um eine Brut erfolgreich aufzuziehen, müssen Kohlmeisen etwa drei Wochen lang täglich rund 350-mal die Bruthöhle mit Futter anfliegen, das zu nächst mit viel Aufwand gesammelt werden muss“, berichtet Berthold in seinem Buch „Vögel füttern – aber richtig“.

Erst mit Beginn des Herbstes schieben viele Vögel dann im wahrsten Sinne des Wortes eine „ruhige“ Kugel. Goldammern reduzieren zum Bespiel, gesteuert von ihrer inneren biologischen Uhr, ihre Bewegungsaktivität im Winter um 40 Prozent, erklärt der Ornithologe. Denn gerade das Fliegen und Futtersuchen verbraucht bis zum 30-fachen des Grundumsatzes und das sparen sich Vögel bei Kälte nach Möglichkeit ein.

Ein meisengroßer Vogel mit rund 20 Gramm Körpergewicht verliert in einer frostigen Winternacht etwa zwei bis vier Gramm, also 10 bis 20 Prozent seiner Körpermasse, um seine hohe Körpertemperatur von 40 Grad Celsius aufrecht erhalten zu können. Das allein erklärt die Notwendigkeit der „Winterfütterung“. Am besten sei es, die Standortvögel spätestens ab September mit ihrer Futterstelle vertraut zu machen, so dass es im Winter zu keinen Engpässen für die Tiere kommt.

Naturnahgestaltete Gärten helfen

Bertholds Forschung hat ergeben: Auf lange Frist helfe den Vögeln für den Erhalt der Artenvielfalt nur ein Plus an Naturschutz- und Biotopflächen. Durch naturnahgestaltete Gärten könnte vielen heimischen Vögeln schnell geholfen werden, wieder ausreichend Brutplätze zu finden. Als Soforthilfe aber empfiehlt er, gerade einheimische Singvögel auch im Sommer, also das ganze Jahr hindurch, zu füttern.

Wildlebende Vögel ließen sich auch bei bestem Futterangebot an Futterstellen nicht „durchfüttern“, sondern nutzten die Futterstellen nur als zusätzliches Angebot, so der Ornithologe: „Jungvögeln hilft derartiges Futter in unserer an Insekten immer ärmer werdenden Zeit, Engpässe in der Nahrungsbeschaffung durch ihre Eltern zu überleben.“ Denn trotz des Körnerangebotes im Sommer gehen Elternvögel für ihre Jungen unbeirrt weiter auf Insektenfang.

Richtig Füttern – eine saubere Sache

Hygienische Bedenken hat Berthold keine. Die Vögel seien seit Jahrhunderten darauf eingerichtet, ihr Futter aus Misthaufen zu ziehen, sagt er. Untersuchungen eines Tierarztes an 1.200 Tieren hätten keinerlei Auffälligkeiten ergeben. Gut sei es die Futterstellen und Futterhäuschen regelmäßig zu reinigen, bevor Sie neue Körner nachfüllen. Meisenknödel, Erdnussspender und Futtersilos sind besonders hygienisch. Katzensicher ist eine Futterstelle, wenn sie frei auf einem glatten Stab befestigt steht, und mindestens 1,5 Meter über dem Boden angebracht ist.

Wer Haus- oder Gartenbesitzer ist, darf auf seinem Grundstück grundsätzlich Wildvögel füttern. Dazu zählen selbst Krähenvögel, da sie zu den inzwischen geschützten Singvögeln gehören. Wer eine Eigentumswohnung hat oder zur Miete wohnt, sollte sich mit der Hausgemeinschaft bzw. seinem Vermieter absprechen. Kleinvögel auf dem Balkon zu füttern ist erlaubt, solange der unter dieser Wohnung lebende Nachbar dadurch nicht gestört wird.

Ein Fütterungsverbot gilt für Tauben und Wasservögel

Viele Vogelarten profitieren von ihrem Zusammenleben mit den Menschen. Allen voran die Wasservögel wie Schwäne, Gänse und Enten und auch „Allesfresser“ wie Möwen, Tauben und Rabenvögel, denen Abfälle unserer Wohlstandsgesellschaft zugutekommen. Sie zu füttern ist im Sinne des Natur- und Umweltschutzes kontraproduktiv, sagt Berthold.

Quelle: „Vögel füttern – aber richtig“, Peter Berthold / Gabriele Mohr, Kosmos-Verlag

aus der Sendung vom

Mo, 2.7.2018 | 12:15 Uhr

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