Bitte warten...

SENDETERMIN Mo, 6.1.2020 | 12:16 Uhr | Das Erste

Restless legs Abends sind meine Beine hellwach!

Millionen von Menschen müssen nachts raus. Nein, nicht wegen Blasenschwäche. Ihre Beine befehlen ihnen, aus dem Bett zu steigen. Es ist ein Kribbeln, ein Brennen, ein Ziehen, ein Reißen in den Waden. Das einzige, was hilft, ist aufzustehen und herumzulaufen. Man läuft und läuft, um den Küchentisch, raus, rein, legt sich wieder hin, steht wieder auf. Nur um das Gefühl in den Beinen loszuwerden. So ergeht es regelmäßig fünf Prozent der Deutschen, also vier Millionen Menschen, überwiegend Frauen.

Wie finde ich heraus, dass ich unter Restless legs leide?

5 Testfragen:

  1. Haben Sie gelegentlich Schmerzen oder Missempfindungen in den Beinen: Ziehen, Zerren, Kribbeln, Jucken oder Brennen?
  2. Sind diese verbunden mit dem Drang, die Beine zu bewegen, und verschwinden die Beschwerden bei Bewegung?
  3. Treten die Missempfindungen ausschließlich in Ruhe und Entspannung auf?
  4. Treten Beschwerden besonders abends auf?
  5. Neigen Ihre Beine dazu, sich nachts von selbst zu bewegen? (Bei 80 Prozent der RLS-Patienten treten nachts periodische Beinbewegungen auf. Sie sind ein weiteres Indiz für die Erkrankung jedoch kein festes Kriterium. Periodische Beinbewegungen können auch ohne eine RLS-Erkrankung auftreten.)

Wenn Sie vier der fünf Fragen mit Ja beantwortet haben, sollten Sie Ihren Hausarzt oder Neurologen konsultieren.

Ein Arzt sollte zunächst Ihre Eisenspeicherwerte untersuchen und einen eventuellen Mangel behandeln. Die Werte sollten nicht unter 50mcg/l liegen. Bestehen die Symptome weiter, sollte er mit einer einmaligen Gabe von L-Dopa überprüfen, ob sich die Symptome schlagartig verbessern (L-Dopa-Test). Abschließend kann er noch einen sogenannten SIT-Test durchführen: Patienten legen sich ruhig ins Bett, ohne sich bewegen zu dürfen. RLS-Patienten halten dies abends kaum länger als 30 Minuten durch.

Die richtige Diagnose

Ärzte vermuten oft zuerst eine Neuropathie, eine Erkrankung der Nervenbahnen, oder ein Venenleiden, Diabetes, Muskelkrämpfe. Aber in den Beinen ist alles vollkommen normal: Durchblutung, Nervenleitfähigkeit, Reflexe. Kein Ausschlag, keine Entzündung. Alles nur Einbildung? Manchmal braucht es Jahre, bis ein Arzt die richtige Diagnose stellt: RLS – restless legs syndrome, das Syndrom der unruhigen Beine. Es ist nach der Migräne die zweithäufigste neurologische Erkrankung und die häufigste neurologische Ursache für chronische Ein- und Durchschlafstörungen.

Warum die Beine und selten die Arme kribbeln

Warum treten die Beschwerden zunächst und vornehmlich in den Beinen auf? Die Ausläufer der Nervenzellen aus dem Hypothalamus gehören zu den längsten im ganzen Körper. Stellen Sie sich vor, der Zellkörper einer Nervenzelle hätte die Größe einer Schulsporthalle, dann wäre sein Ausläufer ins Rückenmark (Axon) in diesem Verhältnis eine Röhre von 1 Meter Durchmesser, die 1000 km von Freiburg im Breisgau bis Flensburg reichte. Über diese Strecke würden innerhalb von 24 Stunden kleinste Baustoffe von der Größe eines Radiergummis zielgenau zu einer kleinen Box am anderen Ende der Röhre transportiert. Da kann man nur staunen, wie selten es zu Transportfehlern kommt! Mit steigendem Alter gerät der Transport von Gütern in unseren Nervenzellen häufiger ins Stocken und dann kommt es zu Produktionsengpässen am Ende der Zelle, in unserem Fall an der Nervenendigung im Rückenmark. Die Nerven, die die Sensorik für die Beine verschalten, liegen maximal weit vom Kopf entfernt in den unteren Rückenmarkssegmenten – viel weiter weg als die für die Arme verantwortlichen Nerven. Transportprobleme sind hier am wahrscheinlichsten und damit auch Missempfindungen in den Beinen.

Wenn Nervenzellen sich unterhalten

Neurotransmitter sind Botenstoffe, mit denen die Signale zwischen Nervenzellen weitergegeben werden. Die verschiedenen Typen von Nervenzellen in unserem Gehirn nutzen ganz unterschiedliche Neurotransmitter, um die Signale in unserem Hirn weiterzuleiten. Einer davon ist Dopamin (andere wichtige sind: Serotonin, GABA, Glutamat, Glycin, Acetylcholin und Noradrenalin). Innerhalb einer Nervenzelle wird ein Nervenimpuls elektronisch weitergeleitet. Aber auch Nervenzellen sind endlich und abgeschlossen.

Will eine Nervenzelle nun ein Signal zur anderen weitergeben, so muss sie die Lücke zwischen beiden Zellen überbrücken. Diese Lücke nennt man synaptischen Spalt und überbrückt wird sie mit der Ausschüttung eines Botenstoffs, dem Neurotransmitter. Etwa wie der Pollen einer Blume schwirrt dieser durch den synaptischen Spalt und dockt auf der gegenüberlegenden Seite an die nächstgelegenen Nervenzelle an, die wiederum innerhalb der Zelle das Signal elektrisch weitergibt. Nervenzellen des Belohnungszentrums nutzen Dopamin, sodass es häufig als Glückshormon bezeichnet wird, obwohl es nicht in allen Bereichen des Gehirns als Glücksbote dient. Auch Nervenzellen, die für die Feinsteuerung der Muskelbewegungen zuständig sind, geben ihre Signale mit Dopamin weiter.

Bei Parkinsonpatienten sind in einer kleinen Region des Mittelhirns, der Substantia nigra, Nervenzellen abgestorben, die Dopamin zur Signalübermittlung nutzen. Aufgrund der Signalstörung zittern dann die Hände. Mit der Gabe von L-Dopa unterstützt man die übriggebliebenen Nervenzellen in ihrer Dopaminproduktion. Die verbliebenen Nervenzellen sind nun effektiver in der Ausschüttung des Botenstoffs und das Zittern verschwindet.

Mit der bei Parkinson betroffenen Hirnregion hat das Restless Legs Syndrom jedoch nichts zu tun. Seit kurzem vermuten Forscher, dass die Ursache für RLS in der nur aus wenigen tausend Nervenzellen bestehenden und daher wenig beachteten Region A11 im Zwischenhirn liegt, die an ihren Zellenden auch Dopamin ausschüttet. Nervenzellen dieser Hirnregion haben lange Ausläufer, die bis ins Rückenmark reichen. Da unsere Beinbewegungen und -empfindungen zunächst im Rückenmark verschaltet werden, bevor sie ins Hirn weitergeleitet werden und es sich hier um die einzigen Dopamin ausschüttenden Zellen handelt, scheint diese Spur recht vielversprechend.

Wundermittel Dopamin

1985 hatte der kanadische Arzt Jacques Montplaisir eine gute Idee, vielleicht landete er auch nur einen Glückstreffer. Er verabreichte einem seiner Patienten, der mit unruhigen Beinen zu ihm kam, eine Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, das sogenannte L-Dopa. Und siehe da, die Beschwerden waren verschwunden! Wie konnte das sein? Bereits in den 1960er Jahren hatte der schwedische Pharmakologe Arvid Carsson Patienten, die mit der Parkinson’schen Krankheit zu ihm kamen, L-Dopa in Tablettenform verabreicht und ihre Symptome zum Verschwinden gebracht – eine Entdeckung, die später mit dem Nobelpreis honoriert wurde. Seit Carssons Entdeckung wurde es daher beinahe Mode, bei unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen einfach mal L-Dopa auszuprobieren und abzuwarten, was passieren würde. Montplaisir hatte bei RLS Glück: Nach Einnahme von L-Dopa verschwanden die kribbelnden Missempfindungen in den Beinen kurzzeitig. Gleichzeitig hatte Montplaisir damit entdeckt, dass die Ursache der ruhelosen Beine mit einem Mangel des Botenstoffs Dopamin zusammenhängen musste. Irgendwo im Nervensystem wurde zu wenig von dem Neurotransmitter hergestellt oder ausgeschüttet.

Was die unruhigen Beine mit Eisenmangel zu tun haben

Erst seit einigen Jahren wissen wir: Eine ausreichende Versorgung mit Eisen (sowie Folsäure und Vitamin B12) ist für die Dopamin-Produktion im Gehirn essentiell. Eisen dient als sogenannter Cofaktor, wenn aus Thyrosin die Vorstufe des Dopamins, L-Dopa, hergestellt wird. Besteht eine Mangelernährung, die leicht bei Vegetariern auftreten kann, oder kann der Körper Eisen aufgrund einer Darmerkrankung prinzipiell nicht gut aufnehmen, leeren sich die Eisenspeicher des Körpers. Schließlich wird ungenügend Dopamin produziert. Frauen haben generell einen niedrigeren Eisenspiegel als Männer. Kommt dann noch eine Schwangerschaft hinzu, in der man Eisen „für zwei“ braucht, ist ein Mangel vorprogrammiert. Das Restless Legs Syndrom tritt daher gehäuft bei Schwangeren im letzten Trimester auf. Hier können Eisentabletten, besser noch Eiseninfusionen, die Missempfindungen in den Beinen zum Verschwinden bringen.

Das RLS-Gen

Ein Dopaminmangel in den A11 Nervenzellen kann angeboren sein. Zwei Drittel aller RLS-Patienten berichten, dass weitere Familienmitglieder betroffen sind. Vor ein paar Jahren ist eine Forschergruppe aus Deutschland auf ein Gen namens MEIS1 gestoßen, welches bei RLS-Patienten häufig in veränderter Form vorliegt. Dieses Gen reguliert vermutlich das Speichereiweiß für Eisen, Ferritin. Eine weitere Verbindung zum Eisen! Zusätzlich steuert es die Kontaktbildung zwischen Nervenzellen. Finden während der Entwicklung mehrere Ausläufer Dopamin-produzierender Nervenzellen aus der A11-Region nicht die richtigen Kontaktpartner, wird im Rückenmark weniger Dopamin ausgeschüttet und eine Erkrankung wird wahrscheinlicher.

Mittlerweile wurden weitere Gene gefunden, die RLS auslösen können, wie MAP2K und LBXCOR1. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Muskelzellen und der sensorischen Nervenbahnen, die Schmerz und Berührung weiterleiten. Die Entdeckung der Gene könnte bei Therapien in den nächsten 20 Jahren große Bedeutung erlangen.

RLS ist keine Schlafkrankheit

RLS ist eigentlich keine veritable Schlafkrankheit. Die Missempfindungen treten nur einfach abends auf, zu der Zeit, zu der wir für gewöhnlich schlafen wollen. Das liegt daran, dass wir abends häufiger in Ruhe und unsere Füße damit sensibler für Reize sind. Gleichzeitig wird unsere Dopaminproduktion in den Nervenzellen wie auch der Eisenspiegel im Blut von unserer inneren Uhr bestimmt und hat ihren Tiefpunkt zwischen 18 Uhr abends und 2 Uhr nachts.

Patienten, die eine Reise nach Australien machen, werden in der ersten Woche nachts besser schlafen können. Durch die Zeitumstellung von 10 Stunden wird ein RLS-Patient dort morgens gegen 10 Uhr aufstehen, für seinen Körper wird es jedoch schon 18 Uhr sein, der übliche Beginn der Krankheitssymptome. Er wird nun als ordentlicher Tourist den Tag über durch das Outback laufen und Kängurus angucken, jedenfalls stets auf den Beinen sein, sodass er die bei Ruhe eintretenden Krankheitssymptome kaum spüren wird. Wenn er sich abends um 20 Uhr zum gemütlichen Abendessen auf der Terrasse niederlässt, wird es für seinen Körper bereits 6 Uhr morgens sein, sprich: der Zeitpunkt, zu dem die Krankheitsbeschwerden üblicherweise nachlassen. Also wird er nach dem Abendessen beschwerdefrei zu Bett gehen können – so lange, bis sich die innere Uhr nach etwa 10 Tagen der Ortszeit angepasst hat.

Umstellung der Lebensgewohnheiten

Betroffene können daraus lernen, dass sie mit einer Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten mit der Krankheit gut leben können. Für einen RLS-Betroffenen ist die Spätschicht von 18 Uhr bis 2 Uhr nachts als Lagerist im Kühlhaus der optimale Beruf. Der Trick: Die eigene Aktivitätsphase in die Phase der Symptome verlagern. Viele Betroffene tun dies schon automatisch. Wenige werden Frühaufsteher sein, da sie erst spät in den Schlaf finden und den beschwerdefreien Vormittag nutzen, um Schlaf aufzuholen. Dennoch sollte man nicht versuchen, nach zu starker Anstrengung direkt zu schlafen. Der Körper braucht nach dem Sport immer eine gewisse Zeit zum Runterkommen, um dann in der Lage zu sein abzuschalten.

Quelle:
Warum wir schlafen.
Albrecht Vorster.
Heyne Verlag, 2019.

Weiterführende Literatur:

Restless Legs Syndrom.
Informationsbuch und Ratgeber für behandelnde Ärzte und Betroffene.
RLS e.V. Deutschen Restless Legs Vereinigung, 2019.

Schlaf wirkt Wunder: Alles über das wichtigste Drittel unseres Lebens
Hans-Günter Weeß
Droemer HC, 2018

Das große Buch vom Schlaf: Die enorme Bedeutung des Schlafs.
Beste Vorbeugung gegen Alzheimer, Krebs, Herzinfarkt und vieles mehr.
Prof. Dr. med. Matthew Walker
Goldmann Verlag, 2018

aus der Sendung vom

Mo, 6.1.2020 | 12:16 Uhr

Das Erste

Mehr zum Thema im WWW: