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SENDETERMIN Mi, 7.8.2019 | 12:15 Uhr | Das Erste

Gesundheit Was tun gegen Zähneknirschen?

Wenn nachts jemand mit den Zähnen knirscht, hört sich das gruselig an. Und es ist darüber hinaus auch schädlich für den Knirscher. Da es sich jedoch um ein unbewusstes Tun handelt, ist es gar nicht so einfach, das Zähneknirschen in den Griff zu bekommen.

Dr. David Engels

Dr. med. dent. David Engels

Wie viele Menschen knirschen mit den Zähnen?

Dr. David Engels: Studien zeigen, dass ungefähr ein Drittel der erwachsenen Menschen einen Bruxismus entwickeln, also mit den Zähnen knirschen oder pressen. 

Bei Kindern ist ein solcher übermäßiger Zahnkontakt sogar in bis zur Hälfte aller Fälle nachweisbar. 

Passiert das nur nachts?

Grundsätzlich gibt es den Schlaf- und den Wachbruxismus. Während der Schlafbruxismus in der Regel nachts stattfindet und vom Patienten selbst oft nicht wahrgenommen wird, ist der Wachbruxismus ein Knirschen oder Pressen der Zähne tagsüber. 

Durch Selbstkontrolle kann man über den Tag verteilt immer wieder prüfen, ob die Zähne im Ober- und Unterkiefer Kontakt zueinander haben. Natürlicherweise haben die Kiefer nur über 20 Minuten von 24 Stunden Zahnkontakt, alles darüber hinaus kann ein Hinweis auf einen Wachbruxismus sein.

Wie sehen Sie als Zahnarzt, ob ein Patient knirscht?

Häufig kann man auf den trockenen Zähnen glänzend-glatt polierte Stellen sehen, wo sich Zahn und Gegenzahn gegeneinander abgeschliffen haben. Sind solche Schliffspuren mit einer Lupe betrachtet aufgeraut, stammt der Defekt von einem bereits vergangenem Bruxismus. Sind sie dagegen wie hochglanzpoliert, ist das ein Hinweis auf ein aktives Zähneknirschen. 

Darüber hinaus kann man die Kaumuskulatur und die Kiefergelenke abtasten, und natürlich die/den Patientin/en befragen:  Häufig leiden diese Patienten unter chronischen Nackenverspannungen und Kopf- oder Ohrenschmerz, manchmal bemerkt die/der Partner/in sogar nachts Knirschgeräusche.

Was ist daran gefährlich oder ungut für die Patienten?

Zunächst mal kann es an den gesunden Zähnen, aber auch an Keramiken oder Füllungen zu Schäden kommen. Zähne sind zwar sehr widerstandsfähig, so dass gravierende Defekte in der Regel viele Jahre massiver Knirschbelastung brauchen. Langfristig können die Zähne aber so stark abgeknirscht werden, das die Kauflächen immer flacher werden und der Biss immer tiefer einsinkt. 

Deutlich eher treten allerdings an den Zahnhälsen Kälte- oder Säureempfindlichkeiten auf, verursacht durch Mikrorisse infolge der hohen Knirsch- oder Pressbelastung. Oft steht das Knirschen aber in Verbindung mit starken Verspannungen der Nacken- und Schultermuskulatur, die wiederum Schäden der Halswirbelsäule oder anderer Teile des Skelettsystems verursachen können. 

Eine langfristige Fehlbelastung der Kiefergelenke kann chronische Schmerzen im betroffenen Gelenk verursachen, die meist als stechender Ohrenschmerz wahrgenommen werden.  

Warum knirscht man überhaupt mit den Zähnen?

Knirschen bewirkt über unser Stammhirn unter anderem eine Ausschüttung von Serotonin, also eines beruhigend wirkenden Hormons. Dieses Serotonin hilft bei der Bewältigung von Stress und anderen Belastungen und gehört zur natürlichen Regulierung unseres Wohlbefindens.

Wodurch wird dieses Knirschen dann schädlich?

Nach meiner Erfahrung sind die drei wichtigsten Ursachen für ein behandlungsbedürftiges Zähneknirschen bei jedem Patienten mit unterschiedlicher Gewichtung zu finden. Da sind zum einen die Zähne selber, da störende Kauflächen oder fehlende Zähne als Reizpunkte im Biss ein sonst vielleicht unproblematisches Knirschen verstärken. 

Eine weitere Ursache kann in orthopädischen Belastungen liegen: Die Kaumuskulatur ist gemeinsam mit der Hals-, Brust- und Bauchmuskulatur die Ausgleichsmuskulatur des Rückens und Nackens. Verkrampft sich also die hintere Körperhälfte, kann die vordere sich daraufhin auch verspannen. 

Am wichtigsten ist aber der mentale Einfluss, alles was unser Bedürfnis nach Serotonin steigert. Das kann jede Form von Stress oder Belastung sein, aber auch Dinge, die wir bewusst gar nicht als problematisch einordnen würden. Unbewusst werden diese Zusammenhänge nämlich manchmal ganz anders bewertet.

Welche Abhilfe gibt es?

Auf die Passung und den Mechanismus unseres Bisses kann man mit Aufbissschienen relativ einfach Einfluss nehmen. Dabei ist es häufig sinnvoll, parallel mit Physiotherapie, Chiropraktik oder eventuell auch Osteopathie die orthopädische Seite des Knirschens zu behandeln. Die mentalen Ursachen können mit geeigneten Entspannungstechniken oder einer Veränderung eventuell problematischer Verhaltensmuster ebenfalls effektiv bearbeitet werden. 

Eine zeitgleiche Kombination dieser Behandlungsmöglichkeiten, und zwar möglichst individuell auf den Patienten abgestimmt, ist meiner Erfahrung nach die wirksamste Therapie.  Im Idealfall wird der für eine Aufbissschiene im Oberkiefer eingestellte Biss in direkter Zusammenarbeit mit einem Physiotherapeuten oder Chiropraktiker erarbeitet, während gleichzeitig die mentale Ursache mit geeigneten Techniken (z.B. Hypnose) angegangen wird.

Was bezahlt die Krankenkasse?

Eine relativ einfach konstruierte Schiene zur unmittelbaren Linderung von Beschwerden, die durch den Biss verursacht werden, ist in den meisten Kassenbezirken von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Aufwendiger konstruierte Schienen benötigen allerdings Zuzahlungen oder sind sogar reine Privatleistung. 

Ob eine solche Schiene sinnvoll ist, kann nur durch eine sorgfältige Erkundung der Knirschursachen und eine gute Beratung mit dem behandelnden Zahnarzt festgestellt werden. Physiotherapie ist ebenfalls in aller Regel und in den üblichen Budgetgrenzen durch den Zahnarzt verschreibbar. In entsprechend gravierenden Fällen kann darüber hinaus auch eine psychotherapeutische Behandlung von den Krankenkassen übernommen werden.

Was ist Ihr Rat für Betroffene?

Eine gründliche Untersuchung durch den Zahnarzt, möglichst durch einen entsprechend fortgebildeten Kollegen, ist unerlässlich. Die standardisierte Anfertigung einer einfachen Schiene ist häufig nicht erfolgversprechend, da kann allerdings ein entsprechendes Beratungsgespräch mit dem Zahnarzt helfen. 

Ganz sicher ist es immer vernünftig und hilfreich, ein Knirschen als Warnsignal des Unbewussten aufzunehmen - häufig sind einem belastende oder stressende Lebensumstände selbst bewusst. Und Serotonin wird nicht nur durch Knirschen ausgeschüttet, sondern auch durch viel angenehmere Dinge: Spazierengehen, Sport, Ruhe, und eben all die Dinge, die Spaß machen und vielleicht sonst etwas zu kurz kommen.



aus der Sendung vom

Mi, 7.8.2019 | 12:15 Uhr

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