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SENDETERMIN Di, 17.9.2019 | 12:15 Uhr | Das Erste

Akut oder schon chronisch? Schmerzen - das können Sie tun!

23 Millionen chronisch schmerzkranke Menschen gibt es in Deutschland. Die Lebensqualität der Betroffenen ist stark beeinträchtigt. Dabei sind Schmerzen selbst bei schwersten Krankheiten nicht schicksalhaft, sondern gut zu behandeln.

Wann gilt Schmerz als chronisch?

  • Die Schmerzen bestehen seit 6 Monaten oder länger.
  • In dieser Zeit sind sie dauernd da oder kehren immer wieder.

Die 3 größten Irrtümer

  1. "Schmerz muss man einfach mal aushalten können", heißt es oft im Volksmund. Das ist falsch. Auch akute, kurzfristige Schmerzen, etwa durch eine Verletzung, sollten behandelt werden. Geschieht das nicht, besteht die Gefahr, dass sich die Schmerzempfindung in Gehirn und Rückenmark "eingräbt". Die (starken) unangenehmen Gefühle werden so chronisch. Sie treten sogar dann noch auf, wenn die Ursache der Schmerzen längst behoben ist. Weitere Gefahr: Einigen Studien zufolge können anhaltende Schmerzen sogar die Nervenzellen im Rückenmark teilweise zerstören.
  2. "An die Schmerzen werde ich mich gewöhnen", sagen manche Menschen. Doch niemand kann sich durch Schmerzen abhärten. Im Gegenteil. Die Schmerzschwelle der Betroffenen sinkt, so dass sie noch empfindlicher werden.
  3. "Mit einem guten Medikament bekomme ich meine Dauerqualen in den Griff", glauben viele. Doch so einfach ist das nicht. Chronische Schmerzen lassen sich meist nur mit einer kombinierten Behandlung nachhaltig bekämpfen, bei der Medikamente nur einen Baustein darstellen.

Schmerzstillende Medikamente

Es stehen eine ganze Reihe von schmerzstillenden Präparten zur Auswahl: Häufig genommen werden Präparate mit den bekannten Wirkstoffen Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) und Ibuprofen. Gegen Migräneattacken werden zum Beispiel Vertreter aus der Wirkstoffgruppe der Triptane verschrieben. Sie greifen direkt in den Stoffwechsel der Nervenzellen ein und hemmen Entzündungsreaktionen im Gehirn. Bei sehr starken Schmerzen, nicht nur bei Tumorkranken, werden oft Opioide gewählt, das sind morphinähnliche Wirkstoffe. Dazu muss der Arzt ein spezielles Betäubungsmittelrezept verschreiben. Vorteil: Die Opiat-Pflaster erlauben auch niedrige Dosierungen. Wer unter neuropathischen Schmerzen leidet, bekommt vom Arzt meist ein lokales Betäubungsmittel in die Nähe des Nervs gespritzt.

Schmerzgedächtnis

Starke, anhaltende Schmerzreize hinterlassen sehr schnell bleibende Spuren im Gehirn: Nervenzellen erhöhen ihre Reaktionsbereitschaft und setzen verstärkt erregende Botenstoffe wie Glutamat und Substanz P frei. Gleichzeitig vermehren sich deren Bindungsstellen und verändern ihre Eigenschaften. Die Reizübertragung funktioniert jetzt so effektiv, dass die Nervenzellen schon bei schwachen oder sogar ganz ohne auslösende Reize Schmerzsignale an das Gehirn leiten. Neue Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass chronischer Schmerz nicht nur die Funktion von Gehirnzellen verändert, sondern auch ihre Feinstruktur. Dies kann eventuell die geistige Leistungsfähigkeit einschränken und bleibende Schäden verursachen.

Gefahr des Dauerschmerzens

Ständige Schmerzen sind purer Stress, der unter anderem zu hohem Blutdruck, Herzproblemen, verspannten Muskeln und Schlafstörungen führt. Die Patienten entwickeln eine ängstliche Erwartungshaltung mit ausgeprägtem Vermeidungsverhalten, bewegen sich kaum noch und schränken sich immer mehr ein. Irgendwann bestimmt die Angst vor dem Schmerz das ganze Leben.

Lösung: Beim sogenannten „Relearning“ versucht man, das Schmerzgedächtnis zu überschreiben. Ohne die Mitarbeit des Patienten ist das jedoch nicht möglich. Er muss selbst aktiv werden, wobei seine Wünsche und Vorlieben berücksichtigt werden. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, einem Opernfreund die Anschaffung eines Hundes zu empfehlen, damit er mehr spazieren geht. Man muss ihm vielmehr in Aussicht stellen, dass er wieder in die Oper gehen kann. Der Patient muss also nichts Neues lernen, sondern nimmt wieder auf, was er schon immer gern gemacht hat. Statt ein Schmerztagebuch zu führen, sollte er aufschreiben, was er wieder kann, weil ihn das zusätzlich motiviert.

Am Anfang braucht der Patient eventuell kurzfristig ein starkes Schmerzmittel, damit er den Opernbesuch auch genießen kann. Ziel der multimodalen Therapie ist jedoch, Medikamente zu reduzieren. Begleitende Maßnahmen wie Psycho- und Physiotherapie sollten dagegen fortgesetzt werden. Wie bei anderen chronischen Erkrankungen kann eine Schmerztherapie eventuell zur Dauertherapie werden. Vor allem müssen wir die Patienten zu mehr Aktivität und Bewegung motivieren.

Therapien bei chronischen Schmerzen

Neben der Behandlung mit Medikamenten werden alternative Verfahren wie etwa Akupunktur angewandt, unter Umständen eine Psychotherapie empfohlen und oft auch Verhaltensänderungen des Patienten. Neben einer Therapie mit Medikamenten ist aber auch die Mitarbeit des Betroffenen gefragt, etwa bei Rückenschmerzen. Sie sind meist die Folge von Muskelverspannungen, deren Ursache ein Haltungsschaden ist. Dagegen hilft ein krankengymnastisches Training oder Physiotherapie. Früher zielte die Schmerztherapie sehr auf Entspannung und Schonung ab. Heute weiß man, dass dieser Ansatz falsch war. Die Patienten müssen lernen, aktiv gegen ihren Schmerz vorzugehen und ihren Alltag zu meistern. Passivität macht einen letztlich erst zum Patienten.

Weiterführende Links

Schmerzmedizinische Einrichtungen finden:
www.dgss.org/schmerztherapeuten

Links zum Thema Schmerz:
www.dgss.org/patienteninformationen