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Land unter in Kurdistan

23.07.2010, von

Demo gegen Staudamm in Dersim - Copyright N.K.
In der Türkei verschwindet gerade wieder ein Stück alte Kulturlandschaft. Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit schreitet der Ausbau der Wasserkraftwerke in Südostanatolien voran. Das so genannte GAP-Projekt macht Fortschritte. Jetzt trifft es die Region von Dersim, den Munzur-Nationalpark. Eine Kollegin war dieser Tage im dortigen Kurdengebiet und ist entsetzt über die Veränderungen. Im Grunde sind die Kritikpunkte ähnlich wie beim Ilisu-Staudamm, der jahrelang für (kleine) Schlagzeilen sorgte. Hier ein Bericht dazu in unserem SWR-Türkei-Blog. 90.000 Menschen werden ihrer Heimat und ihrer Wurzeln beraubt, alte Kulturstätten verschwinden, seltene Tiere und Pflanzen sind durch die Wassermassen bedroht.
Am 21. Dezember 1971 wurde die Region um das Munzur-Tal zum „Munzur Nationalpark“ erklärt. Mit seinen 42.000 Hektar ist einer der größten Nationalparks der Türkischen Republik. Er beinhaltet eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt. Die neuesten Untersuchungen aus dem Jahr 2009 gehen von insgesamt 1518 Pflanzenarten aus. Bei 227 Arten handelt es sich um endemische Arten, die also nur dort vorkommen.

Warum also angesichts solcher Zahlen die Zerstörungen, wie sie geplant sind? Es geht um die Herrschaft über das Wasser im Nahen Osten. Es geht aber auch darum, sagt meine Kollegin, selbst kurdischer Herkunft, den traditionellen Widerstand in der Region zu brechen. Ein Staudamm bietet keine Verstecke mehr und ist leicht zu überwachen. Geplant sind fast zwei Dutzend Großdämme, die Planungen dazu stammen noch aus den 60er Jahren.

Die Gegend um Dersim, heute heisst die Provinz offiziell Tunceli, ist nicht irgendeine Region der Türkei. Dort war Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts der bislang letzte große Kurdenaufstand, seine Niederschlagung ein düsters Kapitel in der Geschichte der Türkei: jeder zehnte Kurde wurde getötet. Und hier wurden auch in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts große Waldareale abgebrannt, viele Dörfer zwangsgeräumt und viele Areale zu verbotenen Zonen erklärt.
Kämpfe gibt es hier immer noch: die Militärpräsenz ist derzeit enorm. Es gibt immer wieder großflächig angelegte Militäroperationen und in den letzten Tagen wurden auch wieder Waldareale in Brand gesetzt, erzählt meine Kollegin. Rund um Dersim gab’s in den letzten Wochen heftige Gefechte, sagt sie: „Es ist schlimmer als ich dachte.“
In einer Woche findet das 10. Munzur Kulturfestival statt, werden internationale Teilnehmer erwartet. „Ich bin gespannt“, sagt meine Kollegin, „ob die Kämpfe dann nachlassen und ob sich der Widerstand gegen die Staudämme danach verstärkt.“ [MEDIA = 9] Ein rheinland-pfälzischer Vogelkundler, der auch gerade in der Südosttürkei unterwegs war, hat mir heute am Telefon von starken Straßenbau-Maßnahmen erzählt, teilweise haben die Baustellen quer durch die Berge zwanzig Kilometer Länge. Das „wilde Kurdistan“ wird offenbar „entwickelt“, wohl auch mit europäischer „Unterstützung“. Nach meinem derzeitigen Eindruck freilich scheint es nicht gerade eine besonders nachhaltige Entwicklung zu sein, vorsichtig ausgedrückt. Im Gegenteil.

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