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Greta am Boden?!

17.12.2019, von

Genau das braucht unser Planet nach der UN-Klimakonferenz jetzt am allermeisten: eine intensive Debatte darum, wie lange und ob eine Jugendliche in der Deutschen Bahn wegen Überfüllung auf dem Boden sitzen musste. Geht’s noch? Die Debatte heute müsste darum gehen, warum zum Teufel schon wieder eine Klimakonferenz faktisch gescheitert ist, und, um in Deutschland zu bleiben, wie schaffen wir das, dieses gerade vom Bundesrat abgenickte Klimapaketle irgendwie noch klimawirksam nach zu bessern, damit es wirklich was bringt. Stattdessen: Greta, immer wieder Greta Thunberg.

Manche, wie die „Bild“, machen das vermutlich mit Absicht. Kein niederer Instinkt ist niedrig genug um nicht in Worte gemünzt zu werden. Die Fantasie, dass ein getwittertes Foto der auf dem Wagonboden hockenden Greta Thunberg im überfüllten Zug ein Fake wäre und die unbequeme Klimaikone sich statt dessen wohlig im Platz in der 1. Klasse räkelte: zu schön, um sie nicht zu drucken. So geht Boulevard. So geht auch rechtsextreme Propaganda aus der AfD-Ecke, die im Netz in eine ähnliche Richtung zielte. Irgendwas wird schon hängen bleiben, nicht jeder wird mitkriegen, dass Greta Thunberg wegen ausgefallener Züge erst mal keinen Sitzplatz hatte.

Framing nennt sich sowas: eben nicht über das ungelöste Problem Klimawandel reden sondern über Nebensächlichkeiten. Dass sich die Socialmedia-PR-Truppe der Bahn in Sachen Greta-Reise kräftig blamiert hat, Schwamm drüber, Einzelheiten spar ich mir. Aber dass die bundeseigene Deutsche Bahn als unser wichtigstes klimafreundliches Verkehrsmittel seit Bahnchef Mehdorn systematisch aufs Abstellgleis rangiert wurde bleibt mehr als ein Ärgernis: das ist eine verfehlte klimapolitische Weichenstellung .

Zwar will die Deutsche Bahn in den nächsten Jahren in neue Züge und Infrastruktur kräftig investieren, doch die angekündigten Milliarden werden absehbar bei weitem nicht reichen. Zu groß war der Investitionsstau der letzten Jahrzehnte. Bis 2030 soll sich die Zahl der Bahnfahrenden verdoppeln, so will es die Bundesregierung. Wenn wir da nicht endlich klotzen sondern weiter kleckern werden zunehmend mehr Bahnfahrende wohl auf dem Boden sitzen wie Greta Thunberg. Genieß‘  dein Leben in vollen Zügen! – das ist Klimaschutz in Deutschland 2019.

 

Kommentare zu „Greta am Boden?!“

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  1. Nerdup.me
    schreibt am 29. Februar 2020 09:59 :

    Vielen Dank für diesen tollen Kommentar – er trifft den Nagel auf den Kopf! Es ist ja viel klatschball-tauglicher, die Aktivistin in ihrer Glaubwürdigkeit zu diskredititieren, als sich mit den eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Denn davon möchte in der Bild niemand lesen… :/

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