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Waldsterben? Nein: Forststerben!

01.08.2019, von

Wald im Donautal (c) Axel Weiß

Ach Du Deutscher Wald, was ist nur aus Dir geworden?! Mühsam hatten wir Dich aufgepäppelt nach den mittelalterlichen Misshandlungen, auch die letzten Reparationshiebe nach dem 2. Weltkrieg schienen verkraftet, die Wunden flächendeckend befichtet. Und jetzt das: 100 Millionen, ja, 100 Millionen Altbäume sind bereits abgestorben, sagt der Bund Deutscher Forstleute, und viele Millionen weitere Bäume werden folgen. Ein Festmahl für Kupferstecher und Buchdrucker sowie diverse Pilze. Und was die nicht mögen vertrocknet. Also, es wird doch noch Ernst mit dem Waldsterben.

In den 1980er-Jahren war davon ja schon mal die Rede, aber weil der Schwefel aus Schornsteinen verbannt wurde lichteten sich zwar massiv die Kronen, aber der Wald als solcher blieb meistens stehen. Und so kehrte wieder Ruhe ein über allen Wipfeln. 
Friedhofsruhe. Der Waldschadensbericht wurde zum Waldzustandsbericht und der, nunja, hat in den letzten Jahren kaum noch jemanden hinterm Holzofen vorgelockt. Er stand ja noch, der Wald. Dass zwei Drittel aller Bäume nicht gesund waren, achgottchen, Schwamm drüber. Nur: Wer schon kränkelt, wird schnell richtig krank. Ein paar Grad mehr, ein paar Liter Niederschlag reichen. Mit dem Wald geht’s uns wie mit dem Gesundheitswesen: Kostengünstiges Vorbeugen wird selten bezahlt, die teure OP später dann schon. 
Betroffen sind jetzt nicht mehr nur Fichten, sondern auch Kiefern und selbst Ahorn, Eschen, Buchen vertrocknen.
Die Forstwirtschaft, die jetzt alles auf den Klimawandel abschieben will, muss sich freilich einige Fragen gefallen lassen: Habt ihr den Forst auch in der Praxis so konsequent naturnah umgebaut wie das auf dem Papier schon seit einem Vierteljahrhundert gefordert war? Also: Keine Alterklassen mehr sondern auch altersmäßig gut durchmischte Wälder mit hohem Laubholzanteil? Oder seid ihr den unvermindert lockenden Sirenenklängen der Sägeindustrie erlegen: mehr Nadelholz, mehr Nadelholz, der Weltmarkt droht! Wurde die ungeeignete Fichte einfach vielerorts durch die leider auch ungeeignete Douglasie ersetzt? Wieviel mächtige große Bäume älter als 140 Jahre stehen eigentlich noch im Deutschen Wald – oder ist der unter diesem Aspekt eher ein biomasse-armes „Deutsches Wäldchen“, weil ihr nach und nach alle schattenspendenden Mutterbäume entfernt habt? 
Und noch etwas: Wurde in den letzten zwanzig Jahren nicht der Holzeinschlag mal eben verdoppelt? Haben erst schwere Maschinen und Vollernter die Böden verdichtet, die jetzt kein Wasser mehr ausreichend speichern können, jahrelang alle 20 Meter eine Rückegasse? Und nun verdunsten die durch die Gier nach schwarzen Zahlen aufgelichteten warmen Wälder jetzt mehr als ihnen gut tut? Das muss uns nicht wundern, Stichwort: Schirmschlag, Lichtwuchsbetrieb.

Dass es den größeren Buchen selbst im Nationalpark Hainich in Thüringen auch nicht gut geht: leider kein Trost, der Hainich wurde jahrelang übernutzt bevor er Schutzgebiet wurde, das korrigiert sich nicht in wenigen Jahren. 
Ein letztes: Sehen Förster eigentlich den Wald vor lauter Holz in ihren Großrevieren noch? Oder wurde der alte Generationenvertrag, das Denken in Jahrhunderten, den rabiaten Einsparungen in der Verwaltung und aufgeblähten Reviergrößen geopfert? Die Hälfte aller Försterstellen wurde in den letzten 25 Jahren nicht wieder besetzt.

Das alles sind Fragen, die will jetzt keiner hören. Wir sind im Katastrophenmodus und jetzt muss gehandelt werden, zackzack. Zu Hilfe, der Klimawandel kommt. Krisengipfel, Masterplan! Milliardeninvestitionen! Frau Merkel: betroffen! Frau Klöckner: betroffen! Und prompt geht’s wieder genau in die falsche Richtung. Aufforsten! Nur: Womit eigentlich?

Wir haben keine Ahnung, welche Baumarten, welche Waldtypen tatsächlich zukunftsfest sind. Wer hält Käfern und Pilzen und Wasserentzug und Starkregen stand – und auch noch, sobald in Massen angebaut wird? Solange wir Spätfröste haben nutzen hitzeresistente Mittelmeerarten wenig. Kippt der Golfstrom, kriegen wir eh ein Kälteklima wie in Nordkanada.
Wer Fachleute nach zukünftigen Baumarten fragt erntet ehrlicherweise hilflose Ratlosigkeit. Libanonzeder? Roteiche? Niemand weiß es. Aber zum Ausprobieren fehlt die Zeit: Wir reden schließlich über die Verantwortung für hundert, 150, 200 Jahre!

Wir müssen JETZT den Wald der Zukunft schaffen. Nachhaltigkeit allein reicht schon lange nicht mehr, wir brauchen Naturnähe und Vielfalt. Wie am Aktienmarkt: nicht alles auf eine Karte setzen, sondern Risiken streuen. Wir brauchen vor allem keine aktionistische Wiederaufforstung: Was wir brauchen ist eine echte Wiederbewaldung. Die Natur erst mal machen lassen, bevor wir korrigieren.

Wirklich naturnahe Buchenwälder zeigen bisher kaum negative Reaktionen auf die Erwärmung. Aber die haben auch mindestens die doppelte Biomasse wie Wirtschaftswälder. Sie sind kleinräumig strukturiert, ihre Arten durch natürliche Selektion angepasst. Ein weitgehend geschlossenes Kronendach hält die Feuchtigkeit darunter.
Und: Wir werden damit leben müssen, mit weniger Holz auszukommen. Auch Holz ist eine wertvolle Ressource, kein Wegwerfartikel. Das bisherige Konzept der Forste ist jedenfalls gescheitert. Um das zu erkennen reicht derzeit ein Blick auf den vielerorts traurigen Zustand unserer Baumplantagen, die wir so liebevoll wie falsch „Wald“ nennen. 

Kommentare zu „Waldsterben? Nein: Forststerben!“

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Susanne Ecker
    schreibt am 2. August 2019 08:01 :

    Danke Herr Weiß – sie bringen alles haarklein auf den Punkt und legen den Finger in die Wunden. Bevor sich die Ministerien und ihre Berater selbst für ihre angeblich so vorausschauende waldbauliche Aktivität loben, sollten sie gemeinsam mit Bürgern in die harvesterverwüsteteten und vom Schirmschlag gepeinigten Buchenwälder und sogar Naturschutzgebiete gehen und dort den Beweis vor Ort antreten. Zurückhaltung ist angesagt.

  2. Hans Wagner
    schreibt am 3. August 2019 13:37 :

    In Zeiten wie diesen muss nachhaltiges Denken zur Disziplin- und Lebensstrategie werden. Was auch bedeutet, dass man das Auto öfters stehen lassen muss und auch mal auf das Fahrad umsteigen sollte. Ein weltweites Wirtschaftssystem das Leistunssteigerung zur Grundlage hat, muss perspektivlos sein , weil die Ressourcen begrenzt sind: Bodenschätze, Trinkwasser und Atemluft werden knapp. Unser blauer Planet als gigantische Müllkippe, die Ozeane gefüllt mit Plastik – dies ist lang schon keine Sciene-Fiction mehr. Es muss zum Kollaps kommen. Wie er aussieht erkennen wir jetzt schon am dramatischen Sterben unserer Wälder. Es ist die Schizophrenie unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation dass der Großteil der Menschen, vor allem in Politik und Wirtschaft, nicht begreifen will, dass unsere weitere Entwicklung wahrscheinlich tragisch verlaufen wird, wenn wir nicht sofort etwas unternehmen. Vor allem müssen wir unsere Konsum- und Produktionslogik ändern diese schafft nur weitere Probleme. Durch oft sinnloses wirtschaftliches Walten kann die Natur und mit ihr wir Menschen die evolutionär gesetzten zeitlichen Grenzen nicht mehr einhalten was zu einem Zusammenbruch führen muss. Das was wir dieser „Naturvergessenheit“ entgegen setzen müssen ist ökologische Solidarität. Dass „der Versuch, die Ökologie dem Markt und der Wachstumsideologie zu unterwerfen gescheitert ist“ das ist lange schon Fakt. Die Wirtschaft muss in Zukunft der Ökologie unterstehen, ansonsten gibt es irgendwann auch keine Wirtschaft mehr, das ist auch Fakt.
    Um eine machbare Zukunft zu gestalten müssen alle endlich handeln und die Politik muss damit beginnen jene die unsere Natur ausbeuten in die Schranken zu weisen. Es ist vor allem die weltweite Konzernpolitik, die Macht über Menschen und Märkte ausübt und die Natur in die Erschöpfung getrieben hat. Es sind zum großen Teil die Konzernmanager und ihre Helfer in der Politik, die dafür verantwortlich sind, dass unsere Enkel vielleicht einmal ein Leben führen müssen, das überhaupt keine Erinnerung an ein natürliches Leben mehr enthält. Zwar macht sich die Politik „sachkundig“ doch sie bietet weder Lösungen noch Alternativen, um so mehr ist jeder Einzelne gefragt. Es gibt keine ökologische Schönheitsoperationen für den Planeten, für die Gegenwart gibt es nur ökologisches, schnelles Handeln und dies für jeden Einzelnen, an seinem Ort, sei dies in Politik, Wirtschaft oder im eigenen Haus und vor der eigenen Haustür.
    Wir sind aus der Geschichte ausgestiegen und was jetzt auf uns zukommt ist reines Geschehen. Ein Geschehen das wir wahrscheinlich nicht mehr kontrollieren können. Der Historiker Theodor Mommsen hat einmal gesagt für ihn beginne die Geschichte dann, wenn ein verstehbarer, innerlich fortlaufender Geschehensprozess und gleichzeitig das Bewusstsein vorliegt, dass man in einem solchen steht. Die Klimakatasrophe und das Waldsterben sind eine vor langer Zeit schon von Menschenhand eingeleitete Apokalypse.
    Wir haben eine 5000 bis 6000 jährige Zeit wirklich menschlicher Geschichte hinter uns die wir als unsere „innere Geschichte“ bezeichnen können. Also eine Zeit in der die Menschheit begann mythisch und später philosophisch zu denken. Nun scheint es, dass der Punkt gekommen ist, da die Menschheit beginnt aus der menschlichen Geschichte auszusteigen und ihren Verlauf der Naturgeschichte wieder überlässt. Wenn wir die Evolution der Dinosaurier betrachten, die das vierzigfache der unsrigen überschreitet scheinen diese die erfolgreicheren Lebewesen gewesen zu sein. Denn vor allem starben sie nicht auf Grund eigener Schuld aus.
    Die heutige Menschheitsgeschichte ist mit dem in ihr wirkenden apokalyptischen Wahnsinn in ein Stadium getreten dessen Ziel anscheinend die Vernichtung jeglichen höheren Lebens auf unserem Planeten ist.

  3. Mika Latuschek
    schreibt am 4. August 2019 23:19 :

    Ein sehr guter und inhaltsvoller Kommentar, vielen Dank! Aber warum werden solche Beiträge in einem Blog veröffentlicht und nicht von unseren öffentlich-rechtlichen Sendern und seriösen Zeitungen? Stattdessen windelweiche Hudelei sogar von verdienten Umweltjournalisten. Was ist nur los?
    https://www.fr.de/politik/waldsterben-klima-krise-ast-auf-wir-sitzen-12855870.html

  4. Hans Wagner
    schreibt am 5. August 2019 12:34 :

    In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der Ehrgeiz, Konkurrenz und Konsum unser Denken und Handeln bestimmen, muss die Natur notleiden. Vor allem weil diese schneller verbraucht wird als sie nachwächst. Seit vielen Jahrzehnten nutzen wir pro Tag mehr fossile Energie, als die Natur, in tausend Jahren gespeichert hat. Hinzu kommt eine turbokapitalistische Produktionslogik, nämlich dass Produzieren um der Produktion willen. So ist es nicht verwunderlich das die ökologische Wahrheit für die meisten Konsumenten immer einen bitteren Beigeschmack hat.

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