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S21 und die Folgen: Und ewig zahlt das Murmeltier

31.07.2019, von

Die Kosten für das überdimensionierte Immobilienprojekt namens Stuttgart21 steigen, der Bahn aber fehlt hinten und vorne das Geld, schreibt das Handelsblatt. Wird Stuttgart21 zum Finanzdesaster? Gute Frage. Antworten kann bei dem 100 Prozent in öffentlicher Hand befindlichen Verkehrsmittel nur die Politik geben. Fakt ist: Geld würde bei der Bahn eh dringendst gebraucht, um die herabgewirtschaftete Schiene als Alternative zu Auto und Flieger wieder flott zu machen. Denn die diversen Bahnchefs samt Politik haben unser eigentlich umweltfreundlichstes Verkehrsmittel in den letzten Jahren bereits dermaßen in Richtung schierer Unberechenbarkeit, ja, gar Unbenutzbarkeit getrieben, dass Bahnfahren derzeit nur noch eingeschränkt zu empfehlen ist. Als Vielfahrer weiß ich das aus Erfahrung. Allein die letzten drei längeren Bahnfahrten: Verspätung einmal 25′, einmal 1h20 mit Zugtotalausfall, einmal 10′. Typisch. Bahnfahren kann man eigentlich nur empfehlen, wenn man a)jünger und noch spurstark ist, um Anschlüsse noch zu erreichen oder b)nicht umsteigen muss und Zeit hat oder c)sowieso gelassen in der Welt steht. Jeder andere hat ein Problem mit der real existierenden Bahnpraxis. Über 70 Prozent Pünktlichkeit der Fernzüge laut offiziellen Zahlen – niemals.

Pünktlich ist die Ausnahme, sagt die Erfahrung, und nicht nur meine. Die Regel sind eher, Beispiele aus der letzten Woche: Nicht näher bezeichnete technische Störungen in Mainz. Defekte Klos und Klimaanlagen und gesperrte Zugteile in Köln, die später zum Zugausfall führen. Großräumige Signalstörungen in Bonn mit Langsamfahrten. Dazu – kein Wunder – überfordertes Personal wie in Düsseldorf am völlig überfüllten Regionalexpress: „Der Zug fährt erst weiter, wenn der Rollstuhlfahrer drin ist!“ Geht klar, funktioniert aber nur, wenn der Bahnangestellte auch den Leuten drinnen im Zug sagt, dass sie mal Platz machen sollen. Bis das jemand anders dann für ihn gemacht hat waren 10′ Verspätung bereits erreicht.

Die immer noch letztlich in staatlichem Besitz befindliche Bahn (also: UNSERE Bahn) muss dringendst saniert werden. Ich bin gespannt wie das gelingen kann. Zwar verspricht der Bund neuerdings Zuschüsse über 60 Milliarden um Brücken etc. zu reparieren. Da laut Eisenbahnergewerkschaft aber allein der Investitionsstau 60 Milliarden Euro beträgt, sieht das nach einem Nullsummenspiel aus. Fehlen also unterm Strich 60 Milliarden.  Steigende Einnahmen gibt’s auch nicht. Und dann kommen noch Dauerbelastungen für Stuttgart21 dazu. Zehn Milliarden Euro wird uns (Steuerzahlende und Bahnfahrende) der von Beginn an verkorkste Modernisierungswahn in Stuttgart wohl kosten, wenn er denn tatsächlich – 17 Jahre später als geplant – fertig wird. Und, nein, das lag nicht alles am Widerstand gegen dieses Bauvorhaben.

Dabei würde das Geld dringend woanders gebraucht: Da ist etwa der marode Duisburger Hauptbahnhof (140 Mio. veranschlagte Kosten und Baustopp), oder die lahmende Rheintalbahn zur Schweiz (mehr als 7 Milliarden Euro prognostiziert), da wären Strecken wie die Bahnstrecke zum Flughafen Hahn im Hunsrück, die schon aus Umweltgründen reaktiviert werden sollte und vieles mehr. Aber statt dessen hat eine schwarz-gelbe Koalition vor einigen Jahren in weiser Voraussicht (!?) das Eisenbahngesetz geändert und uns damit Flixbus&Co. beschert. So verlagert man Verkehr auf die Straße. Bahnfahren? War gestern!?

(Foto: DB Webcam)

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