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40 Jahre Vogelschutz sind nicht genug

28.03.2019, von

Bunte Wiesen sind Nahrungsgrundlage und Lebensraum für viele Tiere – und selten geworden

Um das mal ganz klar zu sagen: ohne die im April 1979 verabschiedete Vogelschutzrichtlinie der EU wäre der Naturschutz in Europa so gut wie tot, auch in Deutschland. Man kann den Wert der Europäischen Vogelschutzrichtlinie also gar nicht hoch genug schätzen. Zusammen mit der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie der EU ist sie seit vierzig Jahren ein Bollwerk gegen lokale und regionale Begehrlichkeiten zu Lasten der Natur, das im Lauf von jetzt vier Jahrzehnten viele wichtige Lebensräume für wilde Tiere und Pflanzen gerettet hat.

Die Vogelschutzrichtlinie allein gilt für manche Naturschützer als Grund, ein glühender Anhänger der Europäischen Union zu sein. Und zwar zu Recht. Es gibt weltweit kaum vergleichbare Regelungen. Mal eben per order de mufti Schutzgebiete zu verkleinern wie das Donald Trump in den USA oder Jair Bolsonaro in Brasilien praktizieren ist in der EU so nicht denkbar. 
Natürlich spielen auch in Europa ökonomische Überlegungen eine wichtige Rolle, oft genug zu Lasten der Natur. Ein Europäisches Vogelschutzgebiet wird aber zunächst nach rein ornithologisch-fachlichen Kriterien ausgewiesen, das hat der Europäische Gerichtshof mehrfach bekräftigt. Erst danach kommen dann wirtschaftliche und soziale Überlegungen mit ins Spiel. Das ist nicht unwichtig, weil damit zunächst der Wert eines Gebiete deutlich gemacht wird, der nicht ohne handfest nachgewiesene Gründe gemindert werden darf. 

Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie bilden die Rechtsgrundlage für die sogenannten Natura-2000-Gebiete der EU, Flächen, für deren Schutz die Mitgliedsstaaten eine besondere Verantwortung haben, über den sie auch immer wieder Rechenschaft ablegen müssen. Sie umfassen inzwischen ein Fünftel der Fläche Europas. Das ist nicht wenig.

Entstanden ist das alles als in den 1970-er Jahren unübersehbar deutlich wurde, dass die Vogelbestände europaweit abnahmen, nicht zuletzt auch durch die massenhafte Jagd auf Singvögel im Mittelmeerraum. Um diesen Vogelmord einzudämmen waren staatenübergreifende Lösungen nötig, die neben dem konkreten Artenschutz auch den Schutz von Lebensräumen für gefährdete Arten umfassen sollten. Die Staaten, auch Deutschland, taten sich zum Teil extrem schwer, das in die Praxis umzusetzen. Jahrelang kämpften ehrenamtliche Naturschützer darum, dass die Naturschutzverwaltung ihre Hausaufgaben machen sollten. Oft endete es damit, dass von der Verwaltung teils massiv verschleppten Datengrundlagen dann direkt von den Ehrenämtlern nach Brüssel gemeldet wurden. 
Immerhin, es gelang, die wichtigsten Gebiete auszuweisen. 
Mitte der 2010-er Jahre bangten die Naturschützer dann allerdings wieder, dass Brüssel auf Druck der Agrarlobby beim sogenannten „Fitness-Check“ die Naturschutz-Richtlinien aufweichen könnten. Hunderttausende setzten sich bei der EU für Vogelschutz und Co ein und die Richtlinien blieben erhalten. 
Dennoch: ich muss das so deutlich sagen: ihr eigentliches Ziel „Vogelschutz“ hat die Vogelschutzrichtlinie unterm Strich ganz klar verfehlt: die Vogelbestände in Europa sind im steilen Sinkflug begriffen. Die Zahl der Vögel in der Feldflur, der offenen Kulturlandschaft, hat sich halbiert. Besonders hart betroffen: Bodenbrüter und Zugvögel. Der Kiebitz: minus 88 Prozent, das Rebhuhn: noch in den 1950-er, 60-er Jahren jährlich 100.000fach geschossen – heute leben nicht mal mehr 50.000 dieser Vögel bundesweit. Nur zwei Beispiele. Und der Trend beschleunigt sich, jetzt vor allem auch bei den insektenfressenden Vögeln. 

Bremsen ließe sich diese Entwicklung, wenn endlich für alle Natura-2000-Schutzgebiete konkrete Managementpläne erstellt wären, anhand deren sich eine gezielte Pflege für bestimmte Arten durchführen ließe. Doch da lässt sich manche Verwaltung noch viel Zeit, klagen Naturschützer. Es gibt zwar für knapp 30 weltweit bedrohte Vogelarten sogenannte Aktionspläne nach der Vogelschutzrichtlinie, aber, so klagt etwa der Dachverband Deutscher Avifaunisten, in Deutschland werde kein einziger davon wirklich in die Praxis umgesetzt. Erst wenn die Bestände zusammengebrochen sind passiert manchmal etwas, wie beispielsweise im Fall der Großtrappe oder des Schreiadlers. Doch dann ist es eigentlich zu spät, die Richtlinie ist im Grunde durchaus vorbeugend gedacht. 
Eine Schande ist auch, dass es immer noch im großen Stil Vogelfang innerhalb der Europäischen Union gibt. Ja, es ist ein unbestrittener und ganz großer Verdienst der Vogelschutzrichtlinie, den verbreiteten Massenmord an Singvögeln binnen zehn, zwanzig Jahren weitgehend in der Fläche gestoppt zu haben.  Überfällig wäre es freilich, Ländern wie Frankreich oder Malta endlich die dort immer noch gewährten Ausnahmemöglichkeiten zu streichen, die eine Vogeljagd „aus Tradition“ möglich machen. 
Diesem legalen Abschuss, bemängelt das deutsche Komitee gegen Vogelmord, fallen immer noch hunderttausende Vögel jährlich zum Opfer. Ein Drittel der nach der Vogelschutzrichtlinie im Prinzip jagdbaren Vogelarten gilt europaweit als gefährdet – ein EU-weites Jagdverbot wäre also überfällig. Damit nicht etwa in Frankreich unsere Feldlerchen auf dem Zug geschossen werden und in Deutschland die – meist aus Russland kommenden –  Waldschnepfen ihren Rückflug ins Brutgebiet auch überleben. 
Aber, so hart das ist: die Naturschutzrichtlinien allein können und werden den Niedergang unserer Vogelwelt nicht aufhalten. Zu stark hat sich Agrarstruktur gewandelt. Ausgeräumte Landschaften ohne Bäume und Hecken sind großflächiger Standard geworden. Eine pestizidsterile Maismonokultur hat bunte Weiden voller Blüten und insektenhaltiger Kuhfladen abgelöst. Da ist kein Platz mehr für Tiere. Helfen könnte da nur eine ernsthafte Extensivierung der Landwirtschaft und eine beinharte Koppelung der  EU-Förderung an wirklich hilfreiche Agrarumweltmassnahmen. Damit es nicht zum 50-sten Jubiläum der Vogelschutzrichtlinie heißt: die können wir streichen, es ist eh nichts Schützenswertes mehr da.

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