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Braunkohle und Massenmord

18.11.2017, von

Für ein Bekenntnis zum konkreten (!) Ausstieg aus der Braunkohleverstromung hat’s unserer Kanzlerin bei der Weltklimakonferenz letzte Woche nicht gereicht. Auch nicht zur Allianz für den Kohleausstieg, das überlassen wir Briten und Franzosen usw.. Dabei stehen wir im Klimaranking eh schon nicht besonders da. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht erreichen wir unsere versprochenen Klimaziele also weder bis 2020 noch bis 2050. Und das ist nicht witzig. In der Summe haben jeder Liter Sprit, den wir rausblasen, jeder Liter verflogenes Kerosin, jeder verstromte Brocken Braunkohle mörderische Folgen. Das könnte man im Grunde auch „Massenmord mit weißem Kragen“ nennen, mit Dürreopfern in Afrika und Überschwemmungsleichen in Asien. Und bitte nicht wundern, wenn noch mehr Klimaflüchtige zu uns nach Europa kommen.

Soweit, so seit Jahren bekannt.

Dabei wissen wir wie es gehen könnte. Die Deutsche Energie-Agentur dena zeigt mögliche Richtungen an: Integrierte Energiewende steht auf der Tagesordnung ihres am Montag, 16.11.2017, beginnenden Kongresses und das heißt zunächst einmal eigentlich Selbstverständliches: die Energiewende betrifft nicht nur Energieversorgung, sondern auch Mobilität, Gebäude und Industrieproduktion. Über alle Sektoren hinweg brauchen wir Lösungen, um 2050 nahezu treibhausgasfrei zu wirtschaften. . (Die Landwirtschaft lässt die dena leider aussen vor, auch da besteht dringender Handlungsbedarf, Stichwort: Stickstoff- und Methanemissionen.)

Ein Fünftel der CO2-Emissionen stammt aus dem Verkehr. Was aber nutzen uns Elektroautos – ohne ausreichende Ladeinfrastruktur und ohne Strom ausschließlich aus Erneuerbaren Energien? Nix. Und was nutzen uns Elektroautos, wenn’s davon dann viel zu viele gibt? Auch nix. Wir brauchen auch eine veränderte Mobilität. Undsoweiterundsoweiter. Da wird’s in der Praxis schnell kompliziert, da müssen Rahmenbedingungen abgestimmt und Entwicklungen koordiniert werden. Und die Summen um die es da geht sind gewaltig: allein der nötige Ausbau der Energienetze wird einen dreistelligen Milliardenbetrag erfordern.

Die Autoren einer Leitstudie zum Thema Integrierte Energiewende der dena fordern: wir brauchen mindestens acht Gigawatt pro Jahr weiterhin Ausbau der Erneuerbaren Energien. Bis 2050 muss sich die Stromerzeugung mit Erneuerbaren verdrei- bis vervierfachen. Dazu wir werden dazu wohl jeden Meter Windkraftfläche an Land benötigen und ob die derzeitigen Abstandsregeln zu halten sind ist fraglich. Da wird dann einige Überzeugungsarbeit bei den jeweiligen Anwohnern nötig sein, soviel ist klar, denn Energiewende geht nur mit Bürgern, nicht gegen sie.

Wir sollten insgesamt technologieoffen vorgehen, ergibt die dena-Studie, dh. nicht nur auf Elektrifizierung allein setzen sondern etwa auch synthetischen Brennstoffen z.B. als Diesel- oder Erdgasersatz eine Chance geben. Dass sowas unserer derzeitigen Autoindustrie und den Betreibern von Gaskraftwerken gut reinläuft ist klar, es macht aber auch Sinn, sich darum zu kümmern, meine ich, denn langfristig geht uns das Öl eh aus. Die nur aus CO2 (zum Beispiel aus der Luft) und Wasser bzw Wasserstoff bestehenden Energieträger werden mit Sicherheit immer stärker nachgefragt und sollen bis in dreißig Jahren fast zehn Prozent des Gesamtenergiebedarfs ausmachen.

Die Kunst wird darin bestehen, mit Höchstgeschwindigkeit neue Strukturen auf- und alte abzubauen, ohne einzelne gesellschaftliche Gruppen zu überlasten. Also nicht so wie derzeit, dass die Privatkunden den billigen Strom der Industrie finanzieren müssen. Und wir werden wohl auch den Verlierern der Energiewende finanzielle Zugeständnisse machen müssen, damit der Braunkohlausstieg umfassend und schneller geht als geplant. Auch wenn das weh tut.

Schön, wenn in Rheinland-Pfalz diese Woche die erste Wasserstoff-Tankstelle eingeweiht wird, schön, dass Daimler sein Brennstoffzellenfahrzeug auch wirklich produzieren will. Aber die grossen Umbrüche stehen eben noch aus. Frei nach Roman Herzog: Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen. Sollten wir Hundertmeterläufer wirklich bewundern, die im Schneckentempo loslegen, bloß weil sie sich bewegen? Sollten wir sie nicht lieber anfeuern und wenn das nicht reicht, Dampf unterm Hintern machen? Beides und zwar dringend. Denn wer möchte schon gern für Massenmord mit verantwortlich sein?

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