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Dreißig Jahre länger Hautkrebsrisiko?!

30.06.2017, von

Da haben wir uns wohl zu früh gefreut. „Ozonloch bis Mitte des Jahrhunderts wieder geschlossen“, so lautete vor wenigen Jahren eine erfreuliche Schlagzeile. Doch es könnte schlicht doppelt so lange dauern bis das in jedem Frühjahr auftretende Phänomen eines massiven Ozonmangels in der Atmosphäre über der Südhalbkugel nicht mehr auftritt. Eine neue britisch-amerikanische Studie spricht jetzt von 2080.  
Unsere Atmosphäre, das ist viel Stickstoff, etwas Sauerstoff und Kohlendioxid, dazu ein paar Spurengase, fertig. So haben wir das mal gelernt, das ist auch nicht falsch, aber wie meistens ist die Wirklichkeit enorm viel komplizierter. Das haben die Atmosphärenforscher gerade mal wieder erfahren müssen. Denn neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass mehr Stoffe in der Atmosphäre eine ernst zu nehmende Rolle spielen als bisher angenommen. Dichlormethan zum Beispiel, ein beliebtes Lösungsmittel aus dem Umfeld von Tetrachlorkohlenstoff und Chloroform, gern genommen auch in Kühlsystemen oder von Pharmaherstellern. Seit einigen Jahren zeigen Messungen einen deutlichen Anstieg der Konzentration dieses Stoffs in der Luft, acht Prozent jährlich seit 2004, die Gesamtmenge von rund einer Million Tonnen (?) hat sich bis 2014 glatt verdoppelt. 

Weil Dichlormethan aber vergleichsweise schnell abgebaut werden kann und auch natürlich gebildet wird, etwa bei Vulkanausbrüchen, wurde es bislang nicht ins Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht aufgenommen. Im Gegenteil, es musste sogar lange als beliebter Ersatzstoff für zu Recht als ozonschädigend in Verruf geratenen und verbotenen  Fluorchlorkohlenwasserstoffe herhalten. Vor knapp 30 Jahren trat das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht in Kraft. Eine seltene Erfolgsgeschichte, denn binnen vergleichsweise kurzer Zeit war es international gelungen, umweltschädliche Chemikalien wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe aus dem Verkehr zu ziehen, die das Ozon in der Atmosphäre schädigen und uns damit zB verstärkt UV-B und C Strahlung aussetzen, die Hautkrebs fördern können.

Und jetzt das. Da haben wir den Salat. Da wurde offenbar der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, denn nach einer aktuellen Studie der Uni Lancester könnte der steigende Gehalt an Dichlormethan in der Luft dafür sorgen, dass das Ozonloch über der Antarktis erst 2080 und nicht 2050  wieder verschwindet. Zumindest wenn der Gehalt an Dichlormethan weiter so stark steigt wie er das jetzt mehrere Jahre getan hat. Die Folgen: Dreissig Jahre länger erhöhte UV-Einstrahlung mit all ihren zellschädigenden Eigenschaften. Das sind keine erfreulichen Aussichten auf das Leben vor allem für die Südhalbkugel, für die Hautkrebsrate in Neuseeland, aber durchaus auch bei uns. Stiege der Dichlormethangehalt nicht weiter sondern bliebe gleich, würdesich der Abbau des Ozonlochs um immerhin fünf Jahre verlängern. Aber auch das sind fünf Jahre zuviel.

Insofern scheint mir aus den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ein – politischer – Handlungsbedarf für das Montreal-Protokoll zu erwachsen, Dichlormethan als Problemstoff mit aufzunehmen. Solche Nachbesserungen sind schon mehrfach geschehen und zwar durchaus erfolgreich. Ohne sie wäre der Kampf gegen die Freisetzung langlebiger organischer Verbindungen in der Luft wie FCKW sicher nicht erfolgreich gewesen. Und das Montreal-Protokoll konnte auch nur so konsequent umgesetzt werden, weil es auf Forschungen basiert, die etwa im Gegensatz zur Klimaforschung kaum strittig sind. Und die dem Mainzer Forscher Paul Crutzen übrigens 1995 einen Nobelpreis einbrachten.

Ok, die jetzt vorgelegte Studie mag noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein, wie Kritiker zu Recht anmerken. Aufgrund einer nur zehnjährigen Beobachtungszeit mal munter Prognosen linear über viele weitere Jahrzehnte fortzuschreiben, das wirkt schon etwas gewagt. Angesichts der hochkomplexen Wechselwirkungen schon geringster Stoffmengen in der Atmosphäre muss einen jedenfalls nicht wundern, wenn es in diesem erst seit den 1970er Jahren groß gewordenen Forschungsgebiet immer wieder Überraschungen gibt.

Als ernst zu nehmender Warnhinweis sollte die neue Studie aber allemal gelten, die weltweit in nennenswertem Umfang eingesetzten Substanzen der Chlor- und Bromchemie stärker als bisher auf ihre Wirkungen in der Atmosphäre zu untersuchen. Das ist zwar aufwändig, könnte uns aber vor weiteren unangenehmen Überraschungen schützen. Denn wenn Dichlormethan schon Ozonärger macht, warum sollte etwa 1,2-Dichlorethan und diverse andere ähnliche Stoffe keinen machen? Und was ist eigentlich mit Lachgas, Distickstoffoxid, das inzwischen als Ozonkiller Nummer Eins gilt. Hier besteht Handlungsbedarf.

Genauso wichtig freilich finde ich die praxisorientierte Forschung zur Vermeidung von Problemstoffen: Organische Lösungsmittel wie Tetrachlorkohlenstoff etwa die zu Reinigungszwecken eingesetzt werden, lassen sich in der Industrie durchaus durch supersauberes Wasser ersetzen, ja, das geht. Hier haben angewandte Forschungen der letzten Jahre bereits zunehmend dafür gesorgt, dass Hochgiftiges durch tatsächlich Ungiftiges ersetzt werden konnte. Mehr solcher Erkenntnisse wären von Nöten – angesichts tausender potentiell problematischer Substanzen. Und den Atmosphärenchemikern wird die Arbeit deshalb schon nicht ausgehen.

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