. .

Gefährlicher Schrott im Weltall

20.04.2017, von


Feinstaub in der Luft, Plastikmüll im Meer und nicht mal das Weltall ist von unseren Abfällen mehr sicher. Auf der 7-ten Weltraumschrott-Konferenz der Europäischen Weltraumagentur ESA in Darmstadt beraten noch bis Freitag über 400 Experten über das Problem vagabundierender Teilchen im All, das inzwischen gravierende Ausmasse angenommen hat. Es ist Alltag, dass ein Satellit mehrmals im Jahr irgendwelchen Trümmern ausweichen muss. Schon in den 70er Jahren wurde es vorausgesagt, aber jetzt wird das Problem von Jahr zu Jahr heftiger. 5000 Teile gibt es, die größer als einen Meter sind, 20.000 sind größer als zehn Zentimeter und sind damit gerade noch mit Radar zu erfassen und dann kommen 750.000 Teilchen dazu, die kleiner als einen Zentimeter sind. Das sind faktisch Hochgeschwindkeitsgeschosse, die mit 40-50.000 Stundenkilometern durchs All rasen und deshalb eine verheerende Wirkung zeigen, wenn sie auftreffen. Das Ausmaß hat die ESA in einem sehr schön animierten Video illustriert.

Die Entwicklumg ist recht neu: Bis 2008 trieben noch nur rund 8000 grössere Objekte um die Erde, die Hälfte davon waren alte Raketenteile. Aber dann gab es einen militärischen Test und dann eine versehentliche Satellitenkollision. Allein aus letzterem Unglück resultieren 2000 grössere Trümmerstücke, jedes zweite Ausweichmanöver der ESA-Satelliten geht inzwischen auf eines dieser Schrottstücke zurück.

Auf der Konferenz wurde eine Botschaft des Astronauten Thomas Pesquet gezeigt, der gerade mit der ISS um die Erde kreist, und der sagte: Leute, denkt an uns, tut was, wir mussten schon vier Mal in die Rettungskapsel der ISS einsteigen, weil wir eine Kollision mit einem Schrottteil ein paar Stunden später zu erwarten hatten, dem wir nicht ausweichen konnten. Keiner wusste, ob die ISS dadurch nicht unbrauchbar werden würde. Und der Raumanzug, den die Astronauten beim „Weltraumspaziergang“ tragen, ist zwar praktisch, aber nicht gegen Geschosse gepanzert.

Vermeiden geht vor 

Vor allem wird es immer wichtiger, neuen Schrott zu vermeiden, das ist nämlich das kostengünstigste. Aber derzeit setzen das bisher nur zwei Drittel der Missionen auch um, ein Drittel nicht. Dazu gehört etwa Treibstoff abzulassen, Batterien unbrauchbar zu machen, damit nicht der Satellit sich irgendwann selbst zerlegen kann. Die ESA hat sich selbst verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ihre Satelliten nach 25 Jahren gezielt vernichtet, sprich: zum Absturz gebracht werden. Wenn das nicht gewährleistet ist, sagen ESA-Experten, dann gibt es keine Starterlaubnis. Das Problem ist halt, dass man frühzeitig handeln muss und damit ein noch funktionierendes System zum Absturz bringt, mit dem sich theoretisch noch Geld verdienen lässt. Aber: Wenn sich der Satellit erst mal nicht mehr steuern lässt, weil ihm etwa die Energie ausgegangen ist, dann ist es halt zu spät, dann wird er unkontrollierbar und zur Gefahr. 
Aber es tut sich was in Sachen Schrottvermeidung. Jetzt im April startet etwa eine Versuchsrakete einer kleinen italienischen Firma, die ein Satelliten-Absturzsystem testen soll. Das ist ein kleiner Kasten voller Elektronik, der in jede Art Satellit mit eingebaut werden könnte, der feststellen kann, wenn der Satellit defekt ist und ihn dann gezielt runter Richtung Atmosphäre steuert, ihn also bewusst abstürzen lässt. So ein System kostet 100.000 bis 1 Mio. Euro, was eigentlich im Vergleich zu den Gesamtkosten nicht sooo wahnsinnig viel ist. 

Kosmische Müllabfuhr

Auf der Konferenz wurden einige Systeme vorgestellt, mit denen sich auch Weltraumschrott wieder einfangen lässt, etwa mit Netzen oder Segeln. Das wirkt aber alles technisch sehr aufwändig und scheint noch im Versuchsstadium. Ich vermute allerdings, dass wir irgendwann gar nicht mehr umhin kommen solche Reinigungssystem einzusetzen, weil das Müllproblem weiter zunimmt. Und es kam ja auch schon zu einigen Schäden. Ein Erdbeobachtungs-Satellit aus dem Sentinel-Programm zum Beispiel geriet letzten Sommer aus seiner Bahn. Eine Untersuchung zeigte dann deutlich Einschläge in seinem Sonnensegel.

Bekanntes Problem

Formal gibt es UN Regeln, die Weltraumschrott verhindern sollen, faktisch muss sich keiner dran halten. Klar müssen Weltraumobjekte über 1,5 Tonnen gemeldet werden, und rein theoretisch muss auch die Entsorgung gewährleistet sein. Wie man’s nimmt: Über die Hälfte der Satelliten beenden ihre Mission geplant und werden entwder auf den Satellitenfriedhof in 36300 km Höhe gesteuert, wo sie in einer geostationären Umlaufbahn ausserhalb der genutzten Zone bleiben und somit nicht stören, oder sie werden Richtung Sonne geschickt oder – bei niedrigeren Umlaufbahnen – zum Absturz gebracht. Aber ein funktionierendes Gerät zu zerstören ist angesichts der hohen Kosten der Raumfahrt immer noch etwas, das viele Unternehmen ungern tun.
Militär verursacht Trümmerschwärme

Wissenschaftler und Techniker sind sich weltweit weitgehend einig, dass die Vermeidung von Weltraum-Schrott oben auf die internationale Agenda muss. Aber: die Politik machen halt andere. Chinesische Militärs z.B. sind hauptverantwortlich für viele tausend Teile Weltraumschrott. Sie schossen vor rund zehn Jahren den ausgedienten Wettersatelliten Fengyun-1C vom Boden aus mit einer Mittelstreckenraketa ab und machten damit ganze Bereiche der wichtigen Satelliten-Umlaufbahn in 800 Km Höhe durch tausende Trümmerteile supergefährlich. Das allerdings, erzählte mir ein Teilnehmer auf der ESA Konferenz in Darmstadt, „machen die wohl nie wieder ohne die Folgen zu berücksichtigen, weil ganz viele chinesische Satelliten durch die Trümmerteile beschädigt wurden“.

Problembewusstsein wächst

Die 7-te Weltraumschrottkonferenz ist eine wissenschaftlich-technische, keine politische Konferenz. Der große Andrang hat die Veranstalter überrascht, sie hätten 100 mehr Leute akkredieren können als sie Platz hatten. Das bedeutet: das Weltraumschrottproblem wird immer mehr Leuten bewusst – angesichts von bevorstehenden 9.000 Starts ins All in den kommenden Jahren auch kein Wunder – und ich hatte den Eindruck, das wird sich über kurz oder lang auch stärker auf die Politik auswirken. Und der Wille, der Politik konkrete Vorlagen für Überwachungssysteme oder sogar für Systeme zur kosmischen Müllabfuhr mit Netzen oder Segeln zu liefern, damit sie das Problem lösen kann, der scheint auch da zu sein. Noch sind solche Systeme aber in der Entwicklung, freilich tut sich eine Menge auf dem Sektor. Ich habe allerdings nach einigen Gesprächen den Eindruck gewonnen, bis auf weiteres wird es für den Weltraumschrott eher einzelne, freiwillige Lösungen auf nationaler Basis geben als auf UN-Ebene. Besser als nichts. 

Schreibe einen Kommentar

*

Blogeinträge

Häufige Stichworte

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2017