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Zu teuer: Artensterben kann ich mir nicht leisten, sorry

20.05.2013, von

Wenn Sie glauben, Sie würden wegen der Staatsfinanzkrise noch einmal so richtig zur Kasse gebeten, dann sehen Sie das richtig, das dicke Ende kommt erst noch, garantiert. Nur: Das wird sowas von harmlos sein gegenüber der Summe, die uns der Verlust an biologischer Vielfalt noch kosten wird. 14 Tausend Milliarden Euro über die nächsten vierzig Jahre, hat die EU errechnet – wenn die Biodiversität weiterhin so rasant abnimmt wie derzeit, aber keine Sorge, das tut sie bestimmt. Denn vom erklärten Ziel der UNO, bis 2010 den rasenden Verlust an Artenvielfalt weltweit aufzuhalten, sind wir immer noch meilenweit entfernt. Die aktuellen Aussterberaten liegen so um den Faktor 100 bis 1000 höher als im Schnitt der Erdgeschichte, Dinosterben mit eingerechnet. Daran hat auch keine Biodiversitäts-Konvention etwas geändert, die am 22. Mai vor einundzwanzig Jahren geschrieben wurde.
Je nach Rechnung gibt es zwei bis 20 Millionen Arten auf diesem Planeten. Zwischen 1970 und 2005 ist diese Artenvielfalt auf der Erde um ein Viertel gesunken. Und? Haben Sie deswegen ein Steak weniger essen müssen oder einen Euro weniger verdient? Nö. Es kratzt uns eben nicht, wenn irgendwo eine Art ausstirbt. Vor allem dann nicht, wenn es irgendeine Igittspinne, ein popliges Stechinsekt oder ein nichtsnutziges Unkraut war, das nicht mal schön blüht. Genau das ist das Problem. Wenn wir es merken, ist es womöglich zu spät. Und dann wird’s teuer.
Ökosystem-Dienstleistungen nicht umsonst
Bevor wir die Frage klären: wer muss die 14 Tausend Milliarden Euro für die sterbende Vielfalt zahlen fragen wir uns doch: Wie kommen die überhaupt auf so astronomische Zahlen, hat da nicht jemand zuviel Wein getrunken? Nein, hat er nicht, denn die Biodiversität nutzt uns allen was und zwar schon allein wegen der vielen sogenannten Ökosystemdienstleistungen als da sind: bereitstellende Dienstleistungen wie: sauberes Wasser, Fische und andere Nahrungsmittel und vergessen wir nicht: zwei Drittel aller Arzneimittel haben ein natürliches Ausgangsprodukt wie etwa bestimmte Pflanzenarten. Dann die „regulierenden Dienstleistungen“ wie Abpuffern von Überflutungen, Dürren oder Temperaturextremen. Ohne Schatten wird’s heiß auf dem Planeten, ohne Baumwurzeln am Ufer reissen Flüsse viel mehr Erde mit und sowas.
Kulturelle Dienstleistungen sind auch an die Biodiversität gekoppelt: Erholung, der Spaziergang auf dem Philosophenweg, überhaupt: spirituelle Erfüllung ist auf Dauer ohne Natur und natürliche Vielfalt nicht denkbar. Und dann sind da noch die unterstützenden Dienstleistungen: Abbau organischer Substanz und Produktion von Biomasse: was glauben Sie eigentlich, wie ein Friedhof ohne die Vielfalt der Bodenorganismen aussehen würde; Zombie lässt grüssen.
Diese ganzen Ökosystemleistungen sind mit der Artenvielfalt eng verflochten. Geht die Vielfalt verloren, werden Dienstleistungen ausfallen und kompensiert werden müssen, auch finanziell. Das kann teuer werden. Denn:
Alles auf eine Karte – hohes Risiko
Damit das alles auch wirklich gut funktioniert, gibt’s den Portfolio-Effekt: Je vielfältiger die Chancen und Risiken verteilt sind, umso ausgeglichener funktioniert das ganze. Als Zocker wissen Sie: Wer im Kasino alles auf eine Farbe setzt, kann viel gewinnen. Aber eben auch gnadenlos verlieren. Wer nur Fichten anbaut, kann schnelle Gewinne mit dem Holzverkauf erzielen. Aber ein Sturm kann die empfindlichen Fichtenspargel in Monokultur binnen einer Nacht umnieten. Dann haben Sie als Förster aber sowas von geloost. Und deshalb setzen die Förster jetzt auf naturnahen Waldbau und mehr Artenvielfalt. Um eine nachhaltige Entwicklung ohne ständige Großkatastrophen zu garantieren.
In der Natur läuft das ähnlich: nur Vielfalt garantiert das Überleben, irgendeine Art hat sich an veränderte Bedingungen besser angepaßt und schon geht die Evolution weiter.
Achso, eine Frage bleibt noch zu klären: wer zahlt denn jetzt diese 14 Tausend Milliarden Euro die nächsten Jahre, wenn die Artenvielfalt weiter abnimmt. Ist doch logisch: Sie und ich als Steuerzahler. Wer denn auch sonst? Wenn Sie jetzt sagen: Sorry, aber das kann ich mir nicht leisten, ich bin doch schon ausgepresst wie die eine Zitrone, dann würde ich sagen: Ja. Und?
Übrigens: am 22.5. ist wieder Internationaler Tag der biologischen Vielfalt.

Kommentare zu „Zu teuer: Artensterben kann ich mir nicht leisten, sorry“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Oliver
    schreibt am 23. Mai 2013 18:47 :

    Gibt es die zitierte Studie irgendwo auf dem Netz?

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