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Hartz IV für Zauneidechsen?!

14.04.2013, von

„Hartz IV für Zauneidechsen“ überschrieb der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer dieser Tage bei Facebook sein Posting. Es machte deutlich, was der OB davon hält, dass an einer bestehenden Strasse jetzt aus Artenschutzgründen ein Zaun errichtet werden musste, der Eidechsen davon abhalten soll, von Baufahrzeugen überfahren zu werden. Wenig hielt der Grüne offenbar davon, das wurde einem bei der Lektüre der Palmerschen Zeilen und des beigefügten Bildes schnell klar: viel zu viel Aufwand für so ein paar Tierchen. Letztlich Bürokratenunfug. Wie es so seine Art ist, verglich der OB den finanziellen Aufwand für Zauneidechsenschutz ganz praktisch mit dem, was Hartz-IV-Empfänger im Monat bekommen. „Nein, man muss nicht zur CDU, um das unverhältnismäßig zu finden“, schrieb der für seine schwarz-grüne Koketterie bekannte Palmer, das könne man auch als Grüner.
Damit war die Partie eröffnet: Artenschutz versus Soziales. Prompt passierte das, was beim polarisierenden Palmer leicht passiert: die lebhafte Debatte ging los.
23 „Gefällt mir“ standen ein paar Stunden später schließlich 44 teils treffliche Kommentare an der Seite. Teils reichlich ironisch, etwa wenn jemand vorschlägt, lieber Regenwald zu retten als Tübinger Zauneidechsen, das sei effektiver eingesetztes Geld pro Tierart. Die Debatte war zwar kein Shitstorm unter der Gürtellinie, wie Palmer ihn wegen anderer Themen in Facebook schon erlebt hat. Palmer musste allerdings nach meiner Wahrnehmung ordentlich einstecken, weil er offenbar zunächst eher aus dem Bauch raus denn mit haltbaren Zahlen argumentiert hatte. Gerade deswegen war das Posting für mich aber ein gelungenes Beispiel für demokratisch gelebtes Web 2.0 im politischen Raum. Ich hatte auch selbst mit kommentiert, denn ich möchte Artenschutz nicht der Behörden- und Investorenwillkür ausgesetzt sehen.
Aber irgendwann abends kam ich erst an die Kommentare nicht mehr ran, dann war alles weg. Kein Foto mehr vom Bauzaun zu finden, keine „Gefällt mir“, nichts.
Unter der artigen Überschrift „Zauneidechsen, ohne Missverständnisse“ stoße ich auf Umwegen noch auf ein paar politisch korrekt formulierte Zeilen, mit denen der Grüne Boris Palmer Zauneidechsen für schützenswerte Tiere hält und nur „dem Argument entgegen treten will, man dürfe nach den Kosten der Pflege von Zauneidechsen nicht fragen. Ein Gesellschaft muss immer fragen, welche Ressourcen sie für welche Zwecke einsetzt“. Als ob Palmer jemand ernsthaft solche Fragen verbieten wollte.

Fragen muss sich ein Politiker allerdings ernsthaft, was für ein Eindruck entsteht, wenn er populistisch polarisiert und dann die Debatte aus dem Netz verschwindet bzw. plötzlich für Teilnehmer unzugänglich wird. Keine Frage, es steht jedem frei, in sozialen Medien seine Beiträge hoch und wieder runterzuladen, es steht jedem frei, sich nach Lust und Laune mit wem auch immer zu befreunden oder eben nicht. Auch einem Politiker. Gerade deswegen hinterlässt „Hartz IV für Zauneidechsen“ bei mir allerdings einen Nachgeschmack oder auf Schwäbisch: ein Gschmäckle.

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