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Darf’s noch ein bisschen Pferd sein?

15.02.2013, von

Wie unser Essen nicht sein soll, haben wir gerade mal wieder vorgeführt bekommen. Rind stand drauf und Pferd war drin. Das geht gar nicht, klar. Betrug gibt’s freilich nicht nur bei Billiglasagne, es war mehr als einmal in den letzten Jahren auch teure Bioware betroffen. Und wenn Bio so weiter wächst, plus sechs Prozent letztes Jahr, dann kommen die Bauern nicht mit produzieren hinterher und der nächste Biobetrugsskandal ist nur eine Frage der Zeit. Also, fangen wir doch mal vorn an und fragen: Wie soll sie denn sein, die „Gute Ernährung“ bei uns in der Europäischen Union und wie kriegen wir das hin?

Schmackhaft, appetitlich, frisch. Was drauf steht, muss auch drin sein. Hochwertig von den Inhaltsstoffen her möglichst auch, also lieber Filet als Beinscheibe, und natürlich unbelastet von krankmachenden Keimen und Schadstoffen.  Möglichst ganzjährig jederzeit verfügbar. Und natürlich erschwinglich bitte, auch Schnäppchen werden gern genommen. Zusammengefaßt heißt das auf gut deutsch: Wir wollen die eierlegende Wollmilchsau auf dem Teller. Und genauso klar ist: die gibt es nicht.

Arbeitsteilung macht Fleischwege unübersichtlich

Womit also müssen wir uns zufrieden geben, wo laufen die Kompromisslinien und welche politischen Leitplanken brauchen wir? Nehmen wir mal eine Tiefkühllasagne in einem Mannheimer Supermarkt. Vertrieben zentral über Hamburg. Hergestellt von einem französischen Unternehmen, das die Zutaten von einem luxemburgischen Händler bezogen hat. Der wiederum mit einem zypriotischen Fleischexporteur zusammenarbeitete, der seine Ware unter anderem aus Rumänien bezieht. Rumänisches Rind? Mitnichten: Die Ohrmarke des Kalbs kann durchaus etwa in einem belgischen Stall angeheftet worden sein, bevor das Tier zur Aufzucht erst nach Italien, dann zur Schlachtung nach Rumänien verladen wurde. Von all dem ist auf unserer Lasagnepackung später nichts zu lesen. Warum? Weil die EU nach drei Jahren Debatte 2011 eine einheitliche Kennzeichnung von Lebensmitteln beschlossen hat, die unter dem Druck der Industrie recht lückenhaft geriet.

So müssen etwa nur frische, unverarbeitete Fleischprodukte deklariert werden mit Geburtsort, Aufzucht- und Schlachtland. Kaum hat der Metzger aus dem Hack eine Frikadelle gemacht, muss er schon nicht mehr offen legen, wo das Fleisch herkommt. Das ist doch Rinderwahnsinn, der sich nur mit erfolgreicher Lobbyarbeit erklären lässt. Natürlich kann eine Transparenz der Lieferkette nicht verhindern, dass böswillig aus der Maultasche eine Gaultasche wird. Aber Herkunftsangaben erschweren Betrügern das Handwerk. Schon, weil mehr Vorsatz nötig ist. Muss drauf stehen: „Rindfleisch aus Rumänien“, dann wird es schwerer, der Staatsanwaltschaft zu erklären, wieso das aber Pferdefleisch war.

Endlich Gewinne abschöpfen

Heute reicht es, auf einen Zahlendreher beim Zollcode zu verweisen, oh, hupsi, 205 statt 202, das müssen wir übersehen haben – und schon wird im Zweifel nur ein Bußgeld fällig, das meist lächerlich klein ist. Würden Strafzahlungen dem Unternehmensumsatz und den erzielten Gewinnen angepaßt, wäre die Abschreckung deutlich größer. Gewinnabschöpfung, das zieht. Ebenso, wenn der Strafrahmen besser ausgeschöpft würde. In den Knast gehen wegen Lebensmittelbetrügereien wenige, denn der systematische Verstoß über längere Zeiträume ist selten nachweisbar.

Erleichtert werden viele Betrügereien und Umetikettierungen zudem dadurch, dass der freie Handel in der EU nicht allzu sehr durch Regeln tangiert wird. Es fängt an bei den Tieren, die bis zu acht Stunden am Stück durch Europa gekarrt werden dürfen, weil in einem Land das Schlachten billiger ist als andernorts. Fleischhändler kann jeder werden und per Fax und telefonisch tausende Tonnen Fleisch über tausende Kilometer verschieben. Lägen die Transportzeiten bei sechs Stunden wie in der Schweiz oder noch weniger, hätten wir weniger Tierquälerei und mehr regionale Verarbeitung. Kontrolle wird auch so etwas leichter.

Mehr Hygiene oder eher Wettbewerbsbereinigung?

Und es stellt sich die Frage, ob die systematische Zerschlagung der vielen kleinen Schlachthöfe in Europa in den letzten drei Jahrzehnten unser Essen wirklich sicherer gemacht hat. Die kleinliche Auslegung von vermeintlichen Hygieneregeln hat nämlich vor allem dazu geführt, dass es kaum noch Hausschlachtungen gibt, kleine kommunale Schlachthöfe geschlossen wurden und die Wege des Fleischs immer länger und damit potentiell unübersichtlicher und betrugsanfälliger werden. Das ist doch gaga: Wenn zwei Waschbecken im Schlachthof nur achtzig Zentimeter statt einen Meter auseinander liegen, deshalb teure Umbauarbeiten fällig würden, die sich nicht rechnen, dann macht im Zweifel die Schlachtbank dicht und die Tiere müssen bis zum nächsten EU-Schlachthof transportiert werden. Steht das mehr an Gesundheit da wirklich im Verhältnis? Oder hat nur eine Lobby unter geschickter Ausnutzung von Normen und Vorschriften dafür gesorgt, dass die Großen noch größer und ein paar Wettbewerber ausgeschaltet wurden?

Wettbewerb ist in Ordnung, aber wer im Lebensmittelsektor Geld wie Heu machen will, braucht die Mentalität eines Pferdehändlers, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und beim Pferdekauf wird traditionell immer noch mehr beschissen als beim Gebrauchtwagenhandel. Ein öffentlicher schlechter Ruf freilich bremst das Geschäft. Aber soweit kommt’s bei Lebensmitteln oft gar nicht. Kaum wollen Behörden Ross und Reiter nennen, bekommen sie es leicht mit Anwälten zu tun, die mit Schadensersatz drohen. Somit unterbleibt der Verbraucherboykott als schärfste Waffe gegen Trickser.

Alles Proben oder was?

Bleibt nur mehr Kontrolle: Wenn jetzt Fleischkontrolleure dafür plädieren, die Hersteller von Fertigprodukten sollten selbst regelmäßige Eingangstest für das angelieferte Fleisch vornehmen – Mehrkosten pro Lasagnepackung 0,1 Cent – dann klingt das vernünftig. Schließlich hat man jahrelang auch Fleischbeschau wegen Trichinen gemacht. Nur: Müssten wir mit der gleichen Logik nicht auch alle fälschungsanfälligen Bioprodukte wie loses Getreide beproben, um Betrug auszuschließen? Selbst bei nur jeweils geringen Mehrkosten kann das kein Königsweg sein.

Nein, ich glaube, die Minderung von Betrug geht nur über verbesserte Spielregeln, die dem Markt engere Grenzen setzen. Mehr Transparenz, wieder mehr Regionalität. Und mit schärferen Sanktionen, die unmissverständlich deutlich machen: Verbrauchertäuschung ist kein Kavaliersdelikt.

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