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Käseglocke überm Baggerseebiotop

18.07.2012, von

Vogelschützer haben manchmal was von Briefmarkensammlern. Liebevoll wird jedes einzelne Stück gesichtet, die Beobachtung penibel notiert und präzise abgelegt. In eingeweihten Kreisen tauscht man sich dann aus, was als besonders wertvoll zu gelten hat. Oh, ein Dunkler Wasserläufer am Baggersee x, ein Bienenfresser am Stadtrand von y, gleich neben der Umgehungsstrasse. Und, aha, der Uhu brütet in der Steilwand vom Steinbruch bei … Aber – psst – nicht weitersagen, wer da genau wo eine Meise hat und wo der Pirol pfeift. Fundorte und Brutgebiete müssen strengstens geheim bleiben. Damit keiner die Nachtigall stört.

Ich verrate ja auch niemandem, wo meine Blaue Mauritius gelagert ist. Klar. Macht ja auch Sinn. Aber manchmal geht es mir schon auf den Zeiger, diese Mentalität. Dann nämlich, wenn sie einfach nur andere ausgrenzt ohne die Folgen zu bedenken. Dann wird aus dem Schutzgedanken letztlich ein Besitzdenken: Mein Schatz gehört mir. Und der muss vor den bösen Anderen geschützt werden, auf Biegen und Brechen. Da wird dann penibel mit mächtigem Dornengestrüpp der kleine Pfad versperrt, der seit Jahren durch die Büsche hintenrum ins Naturschutzgebiet mit den alten Baggerseen führt, den immer die Liebespärchen benutzt haben, die spielenden Kinder und die, die sich für Libellen, Frösche und Schwertlilien interessieren oder einfach nur mal am Sommernachmittag am Teich sitzen wollten. Jetzt müssen die sich erst wieder andere Wege suchen müssen oder draußen bleiben.

Formal ist das natürlich völlig korrekt, schließlich soll die Natur ja geschützt werden. Wo kämen wir hin, wenn da jeder durchs Schutzgebiet trampelt, brütende Enten stört und auf winzigen Orchideen rumtrampelt. Nur: soviele sind das gar nicht. Und dann stellt sich schon die Frage der Verhältnismäßigkeit. Nur was man kennt, kann man auch schützen. Aber wer hat denn überhaupt noch eine Chance, etwas Natur kennen zu lernen – einfach so, jenseits belehrender Führungen mit pädagogischem Zeigefinger und verbietender Schilder?

Wo ich als Jugendlicher völlig selbstverständlich baden war, ist aus dem „brutalen Eingriff in die Natur“, dem Baggersee, ein Biotop geworden. Prädikat: wertvoll. Dort ist heute alles mit Verboten abgeriegelt. Vorsicht: Natur. Zutritt nur für Befugte. Im Zweifel kommt der Ranger und erklärt die Streuobstwiese am Altrheinarm zur Picknick-freien Zone.

Leute, wie sollen unsere Kinder denn lernen, dass Natur was Tolles, was Wertvolles ist, wenn nur noch Botaniker, Zoologen und Naturschützer Zutritt haben? Einfache Lösungen für das Dilemma gibt es nicht, das ist mir auch klar. Mit kleinkarierter Käseglockenmentalität und ornithologisch-botanischem Besitzstandsdenken kommen wir im Natur- und Artenschutz aber nicht weiter, soviel steht fest.

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