. .

Artenschutz für Menschenfresser – die bengalischen Tiger

16.03.2012, von

Dieser Tage hat mir ein Mann in Bangladesh seine Narben am Kopf, den Händen und Beinen gezeigt von den Wunden, die ihm ein Tiger zugefügt hat. Mächtige Narben. Ein bengalischer Tiger war das, von denen es je nach Schätzung noch 250 bis 450 gibt, versteckt in den unzugänglichen Sundabarns, den mit über 10.000 Quadratkilometer größten Mangrovenwald der Erde.
Der schlickige Boden, die spitzen Keimlinge der Mangroven und deren wilder Stelzwurzelwald machen es Menschen in den Sundabarns schwer, machen es vielen Tieren dagegen leicht, sich zu bewegen. Hier gibt es Krokodile und eben die Tiger. Sie sind gefürchtet, denn sie greifen auch Menschen an. Der Mann mit den Narben hatte also viel Glück, überhaupt noch zu leben.

Klar, eigentlich sollten die Bewohner der Dörfer am Rand der eigentlich als Weltkulturerbe streng geschützten Sundabarns dort gar nicht reingehen. Doch sie sind so arm, dass sie es dennoch tun, um wilden Honig zu sammeln, aber sie gehen voller Angst, erzählte mir einer der Dorfbewohner. Seine Angst ist durchaus berechtigt: die Mangrove ist unübersichtlich.
Im Internet finde ich abends bei der Nachrecherche die offiziellen Statistiken – sie gehen für den nicht-indischen Teil von fast 350 Toten in den letzten zehn Jahren aus. Es gibt aber eine erhebliche Dunkelziffer, also 100 Tote jährlich dürften durchaus realistisch sein. Und ich stoße im Netz noch auf etwas, wovon mir wiederum keiner meiner Gesprächspartner vor Ort in den letzten Tagen etwas erzählt hat.
Die Tiger ernähren sich möglicherweise auch von Leichen aus Flussbestattungen. Wer arm ist und keine Beerdigung zahlen kann, hüllt den Angehörigen in Tücher und übergibt ihn dann dem Fluss, der die Toten zu den Sundarbarns, zu Krokodilen und Tigern trägt. So haben sich die eigentlich von Axishirschen lebenden Tiger zunehmend an Menschenfleisch gewöhnt, heißt es und kommen jetzt auch in die Dörfer. Erst vor wenigen Wochen hat ein Tiger nachts ein Dorf heimgesucht und drei Menschen im Schlaf in ihren Häusern getötet. Ein Problem, das offenbar also letztlich menschengemacht ist, mit fatalen Folgen für Dorfbewohner wie Bengaltiger.
Weil die Tiger aber in Bangladesh gleichzeitig auch als machtvolle Symboltiere gelten, richtet sich – anders als bei europäischen Wölfen oder Bären – der Hass in den Dörfern nicht auf die Tiere. Dafür trifft er die Tiger-Witwen, deren Männer getötet wurden. Sie hätten durch „falsches“ Verhalten während der Abwesenheit ihrer Männer deren Tod heraufbeschworen, lautet der Vorwurf. Die Witwen werden von der Familie ihres Mannes verstoßen, müssen ihr Haus verlassen und können oft nur zurück zu ihren eigenen Eltern flüchten.

20120316-082817.jpg

Kommentare zu „Artenschutz für Menschenfresser – die bengalischen Tiger“

Es ist ein Kommentar vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Martin S.
    schreibt am 19. März 2012 11:14 :

    Spannend…
    immer mal wieder in deinen Blog zu blicken!..besonders gerade der Bangladeschbeitrag..

    Gruß
    Martin (Zimmergenosse Alta Floresta 2008 😉 )

Schreibe einen Kommentar

*

Blogeinträge

Häufige Stichworte

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2018