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Eigenwert und Urwälder – Umwelt auf der Buchmesse Frankfurt

14.10.2011, von

7.500 Aussteller präsentieren sich noch bis Sonntag auf der weltgrößten Bücherschau, der Frankfurter Buchmesse. Klimawandel, Ökologie und Katastrophen wie die in Fukushima haben in diesem Jahr unsere Berichterstattung beherrscht. Im Angebot der Buchmesse spiegelt sich das wenig wieder. Am ehesten wohl noch in einem ziemlich reißerisch aufgemachten Stand bei C.H.Beck, in dem nichts weniger als „Unsere Zukunft“ beworben wird. Gemeint ist damit das am 27.10. erscheinende Werk von Klaus Töpfer und Ranga Yogeshwar, ein Gespräch, so heißt es im Untertitel, „über die Welt nach Fukushima“. Lassen wir uns dann also überraschen, was die beiden uns zu erzählen haben.
Ich habe ansonsten schon etwas suchen müssen, bevor ich in Sachen Umwelt fündig wurde. Grün ist zwar einerseits in den Wahlergebnissen der Republik als derzeitig boomend erkennbar geworden, aber der Mainstream am Buchmarkt ist sicherlich nicht die Nachhaltigkeit. Wäre auch Quatsch. (Anders als bei der IAA neulich, wo sich unübersehbar eine ganze Halle mit Elektromobilität beschäftigt hat und Ökoautos – zumindest für’s Greenwashing – bei vielen Herstellern zu finden sind, gibts Öko bei Büchern selten im Massenmarkt.) Die üblichen Verdächtigen in Sachen Nachhaltigkeit und Umwelt sind aber durchaus bekannt und da bin auch schnell fündig geworden.

Greenpublishing kommt

Allen voran sicher der Münchner Oekom-Verlag, der die Nachhaltigkeit hoch und runter publiziert. Auffällig dieses Jahr: Oekom hat auf der Buchmesse sein Konzept von „Greenpublishing“ vorgestellt, nachhaltiges Publizieren, da sollen Branchenstandards für umweltfreundlich produzierte Bücher bis Ende nächsten Jahres erarbeitet werden, gefördert vom Bundesumweltministerium, sehr spannend. Der Workshop hatte mit bis zu 70 Teilnehmern regen Zuspruch. Die Zeitschrift „Politische Ökologie“, von Oekom 1987 gestartet, ist inzwischen auch als Buch zu haben, schön gemacht, das könnte der kleinen Auflage von wenigen tausend Exemplaren auch gut tun. „Politische Ökologie“ ist immer richtig informatives, monothematisch Hintergrundstoff, der da präsentiert wird.

Ähnlich ist das auch mit dem „Jahrbuch Ökologie“, inzwischen das vierte Jahr beim Stuttgarter Hirzel-Verlag. Da ist die neueste Ausgabe für 2012 gerade herausgekommen. Sehr aktuell gehalten, knapp 250 Seiten zum „Grünen Umbau“ diesmal, es geht viel um grünes Wirtschaften, aber natürlich auch um den Atomausstieg und die energetischen Alternativen. Jeweils kurze, intensive Artikel zum Thema. Einige habe ich angelesen und kann nur sagen: Hoffentlich findet das Buch noch mehr Leser.

Fukushima als Thema

Übrigens: Zu „Fukushima“ gab’s auch schon – in der Beckschen Reihe – ein erstes Buch: Alles, oder sagen wir: fast alles, was Sie zu Fukushima wissen wollten und noch nicht zu fragen wagten: für knapp 13 Euro werden die Fragen von Florian Coulmas und Judith Stalpers beantwortet.
Apropos, Fukushima. Gestern war in unserer Umweltsendung noch von diesem rätselhaften radioaktiven Hotspot in Tokio die Rede, rund um einen unbewohnten Häuserblock. Da vermuteten die japanischen Behörden, dass die Ursache durch Fukushima verseuchtes Wasser sei, das sich dort aus irgendwelchen Gründen angesammelt haben könnte. Inzwischen weiß man, dass im Keller gelagert Glasampullen mit radioaktivem Inhalt Ursache für diesen Hotspot sind. Die werden nun entsorgt, sagt meine Kollegin Sabine Schütze. Ist also nicht immer alles das große Problem. Aber zurück zur Frankfurter Buchmesse. Einen richtigen Trend konnte ich bei Umwelt- und Naturbüchern nicht ausmachen.

Grossmutters Naturwissen

Was boomt, sind vor allem Natur-Bücher, also so ein bisschen das, was Grossmutter noch wusste über Tiere und Pflanzen draussen. Das gibt’s jetzt zum Nachlesen, gern auch mal multimedial. Natur zum Anfassen also für Stadtkinder, das ist im Trend, Kosmos zum Beispiel bringt da im Frühjahr wieder ein einschlägiges Werk von Bärbel Oftring raus, auch der BLV ist mit seinen Naturführern gut im Geschäft, wobei: Es ist weniger die nackte Bestimmungsliteratur gefragt  als vielmehr die einordnenden Werke, die die Menschen mitnehmen. Kinder vor allem.

Letztlich habe ich ein bisschen den Eindruck: Den Leuten zu sagen: Hey, wir müssen Umdenken, weil sonst andere für unsere ökologische Misswirtschaft bitter bezahlen müssen, die Dritte Welt und/oder unsere Enkel samt den damit verbundenen knallharten Machtfragen, das gilt nicht als besonders verkaufsträchtig. Dann lieber nur die Probleme benennen oder ins Philosophische abdriften, das geht immer. Die Neuauflage von Dennis Meadows „Grenzen des Wachstums“ von 1972, die verkauft sich erstaunlich gut, war zu erfahren.

Europas Naturwälder

Besonders beeindruckt hat mich auf der Buchmesse ein Werk, das Greenpeace in Auftrag gegeben hat. „Europas wilde Wälder“ heisst es, ein großformatiger Bildband. Zweieinhalb Jahre ist der Fotograf Markus Mauthe dafür in ganz Europa herumgereist und hat außerhalb der Kulturlandschaft geschaut, was da wächst. Sehr schöne, eindringliche Fotos sind dabei entstanden, die sicher eine gute Argumentationshilfe für die beiden neuen Nationalparks in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sein können: so wird das mal aussehen. Sehr grün, sehr wild, sehr faszinierend. 32 Euro kostet das Ganze und wer jetzt schon an Weihnachtsgeschenke denkt: diese Fotos wären sicher hie und da geeignet.

Und ich freue mich ansonsten auf eine Lektüre der besonderen Art, wofür dunkle Herbstabende bestens geeignet sind: „Eigenwert der Natur“, erschienen bei Hirzel. Martin Gorke hat sich mit ethischen Begründungen und Konsequenzen beschäftigt, die es nach sich zieht, wenn wir der Natur einen Eigenwert zumessen. Wenn andere Lebewesen einen moralischen Status haben wie wir Menschen, wieviel Eingriff darf dann in die Natur noch sein? Oder anders: Was ist überhaupt Natur, was ist „natürlich“? Aber, wie gesagt: diese Lektüre kommt erst noch.

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