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Grüne Woche: fidele Fress-Schau mit frustiger Fallhöhe

20.01.2011, von

Alle Jahre wieder. In Berlin. Im Januar. Die Grüne Woche. Morgen geht’s los. Mein Kollege Werner Eckert kennt als Ex-Landfunker die Grüne Woche seit vielen Jahren, und als die Kollegen von SWR2 von ihm eine glossierende Betrachtung zum Thema haben wollten, hat er in die Tasten gegriffen und seine „etwas andere“ Sicht auf die Landwirtschafts- und Fress-Show der Superlative geliefert:

„Wie nennt man das, wenn Dutzende Menschen in einer langen Schlange um ein Viertelstück angewärmte Tiefkühlpizza anstehen? Wenn Erwachsene eine holländische Helferin um einen Würfel faden Käse anbetteln, sich um eine Ecke Brot mit Vegetarieraufstrich prügeln und Kinder von wildfremden Männern arglos und dankbar ein Sahnebonbon annehmen? Das ist nicht Haiti in diesem Tagen, auch nicht Zentralafrika, nicht die Armenspeisung in New York – nein. Anderes Wort für Wahnsinn? Das ist die Grüne Woche.

Eine halbe Million Menschen pilgern da hin, jedes Jahr. Berliner, natürlich! Aber: irgendwie hält sich der Slogan hartnäckig, das sei eine Leistungsschau der deutschen Landwirtschaft. Und deshalb kommen auch Landfrauen von der Alb und aus der Eifel busweise nach Berlin.
Es ist ein Moloch – mehr als zwanzig Messehallen – und es ist ein emotionales Großereignis. Wie die IAA, die internationale Automobilausstellung – nur eben mit Kalorien statt PS. Sie ist ein Beleg, dass genetische Entwicklung doch langsam geht. Die Fress-Schau, die in dieser Form aus der Zeit der Rosinenbomber stammt, die spricht noch immer das Kriegskind in uns an. Und das steckt auch in den Nachgeborenen, die doch immer alles hatten. Erstaunlich!
Die Grüne Woche packt die Menschen bei ihrer Neugier. Kennen wir nicht längst alles? Cherimoya und Tamarillos finden sich schließlich in der Obsttheke jedes besseren Supermarkts. Aber nein, hier kann man eine Känguruh-Bratwurst kosten („mit Curry merkst du den Unterschied zu ’ner echten gar nicht!“). Oder eine Pfalzzigarre rauchen – hust – („qualmt auch nicht anders als eine Havanna“) und drei Kügelchen Ersatzkaviar verkosten („schmeckt irgendwie fischig“) – und mit der Erkenntnis nach Hause gehen, dass die Bulette am Messekiosk der größte Genuss war.
Geschmacksnerven sind bildbar – wer sie nicht bildet, dem schmeckt nur, was er kennt. Auch die Einstellungen der Menschen zur Landwirtschaft sind bildbar. Und deshalb wird die Landwirtschaft bei der Grünen Woche auch mit großen Bildern vermittelt. Doch – zwischen Delikatessen und sonstigem Essen kriegen die Berliner Bulette und Schnitzel auch durchaus noch mit vier Beinen und „Muh“ zu sehen. „Guck mal, ein Kälbchen.“ Da liegt es, das Kälblein auf Heu und auf Stroh… mit Holzdeko und handgewaschen. Schöne Tiere, exotische Rassen, gute Stallluft. Das schafft Fallhöhe für die Realität draußen im Land. Und Frustpotential.
Die Waren der Welt, die Liebe zum Landleben und die Spannung zwischen Berlinern und Bauern… wer will noch mal, wer hat noch nicht… Die Grüne Woche – ein Varieté mit Räucherfischaroma, ein Kolonialwarenladen mit Blasmusik und am Ende ist Dir einfach schlecht von all dem… Wahnsinn.“
Mehr zur Grünen Woche übrigens in den nächsten Tagen, meine Kollegin Stefanie Peyk ist vor Ort.

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