. .

Atomkritik für die Westentasche

15.03.2010, von

Neu auf dem Schreibtisch: Mythen der Atomkraft

Passend zu den Protesten am Wochenende gegen ein Atommüll-Endlager Gorleben ist mir jetzt der argumentative Background ins Haus geflattert. „Mythen der Atomkraft“ hat Ex-Kollege Gerd Rosenkranz sein Essay genannt, das jetzt unterstützt von der grünen Heinrich-Boell-Stiftung im oekom-Verlag erschienen ist.  Auf rund hundert Seiten widerlegt Rosenkranz die wichtigsten Aussagen der Atomkraftbefürworter. Vom Mythos „Atomkraft ist sicher“ über die Endlagerproblematik, von der Terroranfälligkeit und die Legende vom angeblich ausreichend verfügbaren Brennstoff Uran spannt Rosenkranz den Bogen zur derzeitigen Laufzeitverlängerungsdebatte.

Dabei macht der Berliner Politikchef der Deutschen Umwelthilfe in seinem handlichen Büchlein im Westentaschenformat deutlich: die geplante Laufzeitverlängerung ist keineswegs nur ein Goldesel für die betreffenden Energiekonzerne – sie wird auch die Umstellung unserer Energieversorgung auf  erneuerbare Energien massiv verzögern. Denn der unstete Ökostrom etwa aus Windenergie wird nur dann erfolgreich im größeren Maßstab eingesetzt werden können, wenn die Stromnetze entsprechend angepaßt werden und die Vernetzung mit dem Ausland vorangetrieben wird.

Wenn aber etwa die Pumpspeicherwerke der Alpen weiterhin der Atomstromveredelung dienen und nicht dazu genutzt werden können, überschüssige Windenergie zwischen zu speichern, dann wird das den schnellen Umbau unserer Energieversorgung behindern. Insofern hilft die Atomkraft keineswegs, unser Klimaproblem zu lösen – im Gegenteil. Das sind alles keine neuen Argumente, aber Rosenkranz hat es verstanden, die wichtigsten Argumentationsstränge aktuell und lesbar zusammen zu fassen.

Nein, man muss diese Argumente nicht alle teilen, das Deutsche Atomforum ist naturgemäß völlig anderer Meinung. „Wie uns die Energielobby hinters Licht führt“, lautet deshalb nicht von ungefähr der Untertitel von Rosenkranz Buch. Die größte Schützenhilfe erhält Rosenkranz derzeit freilich aus dem Umweltministerium. Denn Minister Norbert Röttgen ist derzeit auf dem besten Weg, zu zeigen, dass Atomkraftkritiker wie Rosenkranz zu Recht eine Menge bemängeln und anmahnen. So muss der Bundesumweltminister erst mal zeigen, dass er den Standort Gorleben mit ausreichender Bürgerbeteiligung weiter erkunden läßt und nicht auf das alte Bergrecht zurück greift, das die Öffentlichkeitsbeteiligung für die Bevölkerung minimiert. Und ob die versprochene standortoffene Suche mehr ist als ein Lippenbekenntnis muss sich noch zeigen. Außerdem plant Röttgen angeblich, das atomkraftkritische Bundesamt für Strahlenschutz zu entmachten, in dem eine weitere (dann wohl willfährigere) Behörde geschaffen wird, die die weitere Erkundung von Gorleben voran treiben soll. Als ob ein absaufendes Atommüllendlager (=Asse) nicht reichen würde.

Der Asse-Skandal hätte übrigens einen prominenteren Platz in Rosenkranz Buch verdient, weil sich da sehr schön zeigen lässt, wie beim Umgang mit den strahlenden Überbleibseln der Atomenergie gelogen wird, dass sich die Balken biegen und die Bergwerkshöhlen nur so absaufen. Kleine Anmerkung noch: neun Euro für 100 kleine DinA6-Seiten sind vergleichsweise viel Geld. Aber vielleicht wäre sonst der Eindruck entstanden: was nichts kostet ist nichts wert. Und das hätten die „Mythen der Atomkraft“ nun wirklich nicht verdient.

Gerd Rosenkranz: Mythen der Atomkraft. oekom-Verlag 2010. 8,95 Euro.

Schreibe einen Kommentar

*

Blogeinträge

Häufige Stichworte

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019