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Fiese Giftmorde mit Lustkäfern

19.01.2010, von

Spanische Fliegen - Foto: B.Stein
Selten dass ein Buch voller Lustkäfer, Mietnomaden und Giftmorde steckt. Und dann noch den putzigen Namen trägt: „Die Ölkäfer von Rheinland-Pfalz und im Saarland“. Die Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz Rheinland-Pfalz, das ist dort der dritte große Naturschutzverband, stellt ein solches Buch heute vor. Aufwändig gemacht, sorgsam gedruckt, ein herrrrliches Stück Literrraturrr. Weil: Zum einen sind die Ölkäfer eine wunderhübsche Tiergruppe und die zeigt das Buch auch in vielen trefflichen Abbildungen. Dann gab es bislang weltweit noch kein Werk, dass sich so intensiv mit den Ölkäfern beschäftigt hat, der Inhalt des Buches reicht also weit über Rheinland-Pfalz hinaus.
Entscheidend ist aber: die Meloidae, die Ölkäfer, sind nicht irgendwelche Krabbelkäfer, sondern sie haben auch ein ganzes Stück menschlicher Kulturgeschichte geschrieben. Der berühmteste Ölkäfer ist zum Beispiel ein kleiner, goldgrün schimmernder Käfer mit dem Namen „Spanische Fliege“. Den hat schon im 12. Jahrhundert die berühmte Heilkundlerin Hildegard von Bingen erwähnt und das liegt wohl an dem Gift, das dieses Käferchen erzeugt. Cantharidin heisst diese ölartige Substanz, sie erzeugt auf der Haut Blasen und Geschwüre und ist 10x giftiger als Strychnin.Ein Männchen des Maiwurms - Foto: M.Auer
Das Gift der Spanischen Fliege wurde gern an europäischen Adelshöfen in früheren Jahrhunderten benutzt, um missliebige Personen ins Jenseits zu befördern. Besonders berüchtigt war da etwa die 1653 geborene Baronessa Teofania di Adamo, die das sogenannte Aqua Tofana erfunden hat. Das war eine geschmacks- und geruchslose Flüssigkeit, die aus Ölkäfern destilliert wurde und davon waren wenige Tropfen bereits tödlich. 600 Morde gehen wohl auf den Einsatz von Aqua Tofana zurück, die Baronessa wurde dafür freilich 1723 dann hingerichtet.
Wenn man das Cantharidin in geringer Dosis nimmt wirkt es erektionsfördernd, als Aphrodisiacum also. Im Internet kann man das heute noch kaufen, ein Fläschchen Liebestropfen Spanische Fliege extra, 15 ml, gibt’s für schlappe zehn Euro. In den USA ist es allerdings strikt verboten. Ja, und echte medizinische Anwendungen von der Substanz gibt es auch, die wird bei Nieren- und Harnwegserkrankungen angewandt.

Spannend ist auch die Biologie dieser Käfergruppe. Nur ein Beispiel: viele Ölkäfer sind Mietnomaden. Der Gemeine Maiwurm, das ist ein tiefschwarzer Ölkäfer, legt pro Käfer bis zu 40.000 Eier, oft am Fuss von Kräutern. Die geschlüpfte Larve kriecht später auf die Blüte und wenn dort die nächste hungrige Wildbiene oder Hummel vorbeikommt, klammert sich die Larve an sie dran und lässt sich mit ins Nest schleppen. Dort lebt sie dann wie die Made im Speck von den Pollen- und Nektarvorräten der Bienen bis sie sich schließlich verpuppt und als erwachsener Ölkäfer das Wirtsnest verlässt.Ölkäfer mit Tröpfchen - Foto: J.Lückmann
Leider ist es wie so oft: je nützlicher ein Tier ist, umso bedrohter ist es – das gilt auch für Ölkäfer. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Ölkäfer noch häufig, da wurden allein in England und Frankreich rund 40 Millionen Käfer jährlich für medizinische Zwecke verbraucht. Und allein 1880 wurden noch 15.000 Kilo Ölkäfer nach Deutschland importiert.
Carl Bosch, der Vorstandsvorsitzende der BASF aus der Zeit um den 1. Weltkrieg, war ein leidenschaftlicher Käfersammler und hatte auch einige Ölkäfer in seiner Sammlung gehabt – Sammlungsort war Ludwigshafen. Das wäre dort heute sicher wesentlich schwieriger. Von den 14 in Rheinland-Pfalz und Saarland vorkommenden Arten sind 13 auf der Roten Liste, 5 davon sind ausgestorben, weitere vier sind vom Aussterben bedroht. Umso schöner ist es, dass es jetzt zumindest ein Buch gibt, damit wir wissen, was da verloren zu gehen droht. Ach ja, noch was: Dem Band liegt eine Audio-CD bei – mit dem „Ölkäfer Song“ der ostfriesischen Gruppe „Die Deichprinzen“.
„Die Ölkäfer in Rheinland-Pfalz und im Saarland“ von Johannes Lückmann und Manfred Niehuis kostet 34,50 Euro und ist erhältlilch bei: GNOR, Osteinstr. 7-9, 55118 Mainz oder im Buchhandel unter ISBN 978-3-9807669-4-4. Das Gift der Ölkäfer - Cantharidin. Foto: A.Schiffner

Kommentare zu „Fiese Giftmorde mit Lustkäfern“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. cinema balexert
    schreibt am 11. Januar 2011 22:33 :

    Super Artikel! Dankeschön für die Bereitstellung im Web
    Gruss
    Lisa

  2. Tot, töter, am tötesten – Blogs. Dabei quicklebendig. « U wie Umwelt!
    schreibt am 10. Mai 2012 22:36 :

    […] erinnert mich daran, dass einer meiner meistgeklickten Blogbeiträge den Titel trug “Fiese Giftmorde mit Lustkäfern”. Und wer es schafft, die Worte “Porno”, “Sex” oder ähnliches schön […]

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