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Biodiversität heißt jetzt Naturschutz

04.02.2008, von

Lange hatten sich die hiesigen Naturschützer schwer getan mit der Bezeichnung dessen, was nächsten Mai in Bonn ein Meilenstein nicht nur in Sigmar Gabriels Vita sondern auch im weltweiten Artenschutz werden soll:

The Ninth meeting of the Conference of the Parties to the Convention on Biological Diversity

Auf Deutsch: Das neunte Treffen der Konferenz der Mitglieder der Konvention zur biologischen Diversität, kurz: COP9 Biodiv. Es geht um den Schutz genetischer Ressourcen, um Naturschutz und Artenvielfalt und um Gerechtigkeit wenn’s um die Nutzung genetischer Ressourcen geht. Nur: „Weltklimakonferenz“, bei diesem Wort wusste letzten Dezember jeder gleich was Sache war. „Weltbiodiversitätskonferenz“ dagegen, das ist wenig einprägsam und aussagekräftig und macht im Deutschen bei der Aussprache einen Knoten in die Zunge. Deshalb hat das Kind jetzt einen anderen Namen bekommen, sehe ich heute auf dem Briefkopf des Bundesamts für Naturschutz:

„9. UN-Weltnaturschutzkonferenz 2008“

Das ist zwar grob zugespitzt weil so etwa das Cartagena-Protokoll der Konvention begrifflich nicht mit erfasst ist, das den grenzüberschreitenden Transport bzw. die Sicherheit von gentechnisch veränderten Organismen regelt. Aber knackiger klingt das schon: „Weltnaturschutzkonferenz“. Warum eigentlich nicht. Mal schauen, ob sich der Begriff durchsetzt, bis Mai sind’s ja noch drei Monate.

Kommentare zu „Biodiversität heißt jetzt Naturschutz“

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  1. Klaus Pedersen
    schreibt am 25. Februar 2008 20:44 :

    Naturschutz: Das positive Image hinterfragt

    Die Bundesregierung hat für die 9. Nachfolgekonferenz über das Abkommen zur die Biologische Vielfalt (COP9) den Begriff „UN-Naturschutzkonferenz“ gewählt. Die einen sagen, das wurde getan, um der breiten Bevölkerung das Fremdwort „Biodiversitätskonferenz“ zu ersparen. Andere vermuten, dass mit der Wortwahl verschleiert werden soll, dass es auf der COP9 auch um so heiße Themen wie gentechnische Sicherheit und Patente auf Leben geht. Den wenigsten ist allerdings bewusst, dass Naturschutz selbst ein brisantes Thema ist.

    Das positive Image von Naturschutz wird kaum hinterfragt. Schutzgebiete, Nationalparks und Biosphärenreservate beanspruchen inzwischen knapp 13% der globalen Landfläche. Doch dabei geht es vielfach nicht um den Schutz „unberührter Natur“. Den gibt es kaum, denn in der Vergangenheit waren diese heutigen Schutzgebiete keineswegs menschenleere Räume. Nach Berechnungen des amerikanischen Soziologieprofessors Charles Geisler wurden allein in Afrika 14 Millionen Menschen vertrieben oder zwangsumgesiedelt, um Platz für Naturschutzgebiete zu schaffen.

    Der in Kamerun lebende deutsche Soziologe Kai Schmidt-Soltau analysierte die Situation in 15 zentralafrikanischen Schutzgebieten, die er zwischen 1996 und 2004 besuchte. Die Schutzgebiete erstrecken sich über ein Gesamtareal von reichlich 41.000 km² (mehr als Hessen und Thüringen zusammen). Keines der Schutzgebiete hatte eine Integrationsprogramm für die örtliche Bevölkerung in das Nationalpark-Konzept. Nur zwei verfügten über ein reguläres Umsiedlungsprogramm. Bei den anderen war die blanke Vertreibung angesagt.

    Im Mai 2006 publizierte die Global Environmental Facilty (GEF), die Biodiversitätsabteilung der Weltbank, eine Selbstanalyse. Darin wird eingestanden, dass es bei den Projekten zum Biodiversitätsschutz eine „einseitige Orientierung auf Schutzgebiete“ gab. Mit anderen Worten: die GEF selbst musste eingestehen, dass die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen für die dort ursprünglich lebenden Menschen ungenügend berücksichtigt wurden.

    Neben dem mit den Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen verbundenen menschlichen Leid besteht der Skandal darin, dass Naturschutzgebiete in den Ländern des Südens letztendlich geschaffen werden, um in den Industriestaaten keine gesellschaftlichen Veränderungen vornehmen zu müssen. Naturschutzgebiete sind gewissermaßen globale Ausgleichsflächen für naturzerstörerisches kapitalistisches Wirtschaften.

    Wie ist in diesem Kontext zu werten, dass führende deutsche Nichtregierungsorganisationen Naturschutz im Süden mit Emissionshandel finanzieren wollen statt explizit gegen den neoliberalen Transportwahnsinn Stellung zu beziehen? Wäre es nicht verantwortungsvoller eine drastische Reduzierung des Massengütertransports einzufordern und auf die Einrichtung weiterer Schutzgebiete zu verzichten, die immer wieder mit der Vertreibung bzw. Zwangsumsiedlung armer Bevölkerungsgruppen verbunden sein werden? Wer meint, tropischen Naturschutz fordern zu können, sollte zunächst kapitalistische Naturzerstörung in Nord und Süd bekämpfen, deren Akteure beim Namen nennen und sich der Folgen der Ausweisung von „Schutzgebieten” bewusst sein.

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