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Doppelfehler: Terrorverdächtiger spaziert in Chemnitz am SEK vorbei

10.10.2016, von

SEK-Sachsen in "Vollmontur" (Archiv)

SEK-Sachsen in „Vollmontur“ (Archiv)

Eine Szene wie in einem schlechten Krimi: Am vergangenen Samstag Morgen plant die Polizei in Chemnitz, den 22jährigen Terrorverdächtigen Dschabr Al-Bakr in einem Mehrfamilienhaus festzunehmen. Seit etwa zwölf Stunden wissen die Ermittler von dem brisanten Verdacht: Der Mann könnte IS-Terrorist sein, Sprengstoff haben, ein Attentat planen.

Man nimmt mit, was man für solche Einsätze braucht: Ein Spezialeinsatzkommando und ein mobiles Einsatzkommando, einen Führungsstab und los geht’s. Doch während man noch überlegt, wie man die „Zielperson“ am besten „festlegt“, wie es in der Sprache der Ermittler heißt, kann Al-Bakr ungehindert aus dem Haus marschieren. Das bekannte Fahndungsfoto können die Beamten noch von ihm machen, dann ist er weg.

Aufgrund ihrer „Vollmontur“ sei es den Beamten nicht gelungen, schnell genug hinter dem Verdächtigen herzukommen, hieß es heute bei der sächsischen Polizei. Ich füge hinzu: Unerhörterweise ist der Mann auch nicht freiwillig stehen geblieben, als er dazu mündlich („Halt! Polizei!!“) aufgefordert wurde, selbst Warnschüsse hatte er ignoriert.

Durfte das passieren?

Nein, lautet die klare Antwort. Spätestens seit dem 04. September 2007 darf einem deutschen SEK dieser Fehler eigentlich nicht unterlaufen. An diesem Tag entkam der islamistische Terrorist Daniel Martin Schneider („Sauerlandgruppe„) barfuß und in Trainingshose der GSG 9.

In Medebach/Oberschledorn wollte die GSG 9 die Sauerlandgruppe überwältigen, hatte das entsprechende Ferienhaus umstellt und selbst entschieden, wann der Zugriff beginnen sollte. Daniel Martin Schneider war zu diesem Zeitpunkt in einem Bad in Hochparterre, sprang aus dem Fenster in den Garten – und rannte an verdutzten GSG 9-Beamten vorbei. Vor Gericht beschrieb er das Geschehen als „Begegnung mit Darth Vader„.

Einige Minuten später wurde er von einem BKA-Beamten mehrere hundert Meter weiter gestellt, die beiden kämpften, Daniel Schneider bekam die Waffe des BKA-Kommissars zu fassen und es fiel ein Schuss (weswegen Schneider später auch wegen Mordversuchs verurteilt wurde).

Daniel Schneider war zu Beginn seiner Flucht schlicht schneller und wendiger, als der GSG 9-Beamte. Dem BKA sagte der Elitepolizist später: „Ich stellte die Verfolgung etwa zwei Meter vor dem Zaun ein. Die Verfolgung über den Zaun hinweg war wegen meiner Ausrüstung nicht sinnvoll“.

Im Sauerland-Fall war Glück im Spiel, dass es bei einer ärgerlichen Anekdote blieb: Schneider wurde gefasst, der BKA-Beamte des äußeren Absperrrings nicht ernstlich verletzt.

Die vermeidbare Panne in Chemnitz bescherte Deutschland mehr als 40 Stunden Terror-Alarm – intern werden jetzt die Schuldigen gesucht.

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Kommentare zu „Doppelfehler: Terrorverdächtiger spaziert in Chemnitz am SEK vorbei“

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  1. Stefan S.
    schreibt am 12. Oktober 2016 09:00 :

    Das gute an der Sache ist, das erkennbar ist, dass in D nicht sofort wie wild geschossen wird.

    Zumal der vermutliche Täter bis dato noch keine Tat begangen hat und von daher nur die später verbreitete potentielle Gefahr, dass er Sprengstoff dabei hat und in der Fluchtsituation sich in die Luft jagen könnte, im Raum stand. Was aber relativ unglaubwürdig ist, wenn jemand mehr oder weniger im T-Shirt auf der Strasse angetroffen wird und dann flieht.

    Das aber eine Spezialeinheit keine Möglichkeit der Verfolgung Flüchtiger hat, ist erstaunlich.

    Wobei die Polizei Chemnitz grosse Erfahrung in Unfähigkeit bei der Verfolgung von Terroristen hat. Der NSU und seine Hintermänner sind sicher noch heute dankbar, für die vielen Spuren die verschwunden sind.

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