. .

Weihnachtsmarkt-Angst essen Seele auf

23.11.2015, von

Weihnachtsmarkt (Archiv)

Weihnachtsmarkt (Archiv)

„Trotz allem – gute Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt“ heißt ein Beitrag, über den ich heute gestolpert bin. Ein tiefes Seufzen ist mir entfahren. Über das Grundthema und die neue Variation des „trotz allem“.

Schon seit Tagen grassiert dieses Thema: In zahlreichen Gesprächen über die aktuelle Terrorgefahr in Deutschland bin ich danach gefragt worden: Wie gefährlich ist ein Weihnachtsmarkt? Kann man da „trotz allem“ hingehen? Trotz allem was? Und vor allem: Warum alle Jahre wieder die Angst vor dem Weihnachtsmarkt?, frage ich zurück.

Zugegeben: Wenn man sich als Drehbuchautor ein terroristisches Szenario für den nächsten Terror-Blockbuster ausdenken möchte, kann man leicht auf den Weihnachtsmarkt kommen: Viele (ungläubige) Menschen im Gedrängel, kommerzialisierte Anklänge an die christliche Weihnachtsgeschichte, frevelhafter Alkohol im Glühwein, infernalische Weihnachtsmusik. Also ist der Markt das ideale Ziel für den nächsten Anschlag?

Tatsächlich gab es schon mal Pläne algerischer Terroristen aus Frankfurt am Main für einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg. Ein Druckkochtopf hätte zur Splitterbombe werden sollen. Das war im Jahr 2000. Die Gruppe flog schon in der Vorbereitungsphase auf.

2010 herrschte in Deutschland dann erneut – diesmal aufgrund von verschiedenen Geheimdienst-Hinweisen – die Sorge vor einem solchen Anschlag. Passiert ist nichts. Soweit bekannt, gab es nicht einmal konkretere Vorplanungen. Doch das Narrativ des Weihnachtsmarkt-Anschlags ward geboren, hielt sich in den folgenden Jahren wacker und verblasste nur langsam.

2015 hätten wir ohne die Anschläge von Paris wahrscheinlich nur noch eine kleine Weihnachtsmarkt-Diskussion gehabt. Doch unter dem Eindruck der Anschläge vom 13. November in Paris sehen nun offenbar viele Menschen dieses Szenario konkret vor sich. „Würden Sie auf einen Weihnachtsmarkt gehen?“, bin ich schon mehrfach (live im Radio) gefragt worden. Ja, würde und werde ich. „Was kann man tun, um das eigene Risiko zu reduzieren?“, ist dann oft (glücklicherweise seltener) die nächste Frage. Wenn man darauf aber antwortet: „Nach dem Glühwein das Auto stehen lassen“, wundert sich der Fragesteller.

Dabei ist genau das doch der Punkt: Statistisch sind zahlreiche (nicht terroristische) Risiken um uns herum gefährlicher, als Opfer eines Terroranschlags zu werden. In Frankreich hat es im vergangenen Jahr rund 3.300 Verkehrstote gegeben, seit Jahren liegt die Zahl etwa in dieser Größenordnung. Stand heute stehen dem rund 150 Opfer islamistischer Terroranschläge gegenüber (2014: keine Opfer, 2013: 7 Tote). In Deutschland fällt die Bilanz noch deutlicher aus: Im Jahr 2011 tötete der islamistische Terrorist Arid Uka in Frankfurt zwei Menschen und verletzte zwei weitere schwer. Es ist der bisher einzige „gelungene“ islamistische Anschlag in Deutschland.

Hinzu kommt der propagandistische Erfolg: Deutschsprachige islamistische Terroristen verfolgen online deutsche Medien intensiv – teilweise kommentieren sie die Berichterstattung sogar. Was für eine Befriedigung muss die Weihnachtsmarkt-Debatte bei ihnen auslösen? Mit minimalem Aufwand bekommt man maximale Wirkung, wie mein Kollege Kai Laufen hier in seinem Beitrag „We not support ISIS“ dargestellt hat.

Also: Wann treffen wir uns auf dem Weihnachtsmarkt?

 

LinkARENAStudiVZShare

Kommentare zu „Weihnachtsmarkt-Angst essen Seele auf“

Es ist ein Kommentar vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Torsten
    schreibt am 6. Dezember 2015 12:08 :

    Um die Frage zu beantworten, müßte wohl zunächst das wo beantwortet werden 😉

Schreibe einen Kommentar

*

Letzte Tweets von @terrorismus

Fehler: Du bist nicht mit Twitter verbunden.

Archive

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019