. .

Buback-Mord: „… auf dem Motorrad soll eine junge Frau gesessen haben“

05.12.2014, von

RAF-Mord an Generalbundesanwalt Buback

Es ist ein interessanter Archiv-Fund: Mehr als 38 Jahre nach dem Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter ist eher zufällig ein (zumindest mir) bisher unbekanntes Interview vom Tattag aufgetaucht. Der Karlsruher Justiz-Journalist Ulf Stuberger berichtete damals in einem Telefon-Interview mit dem Deutschlandfunk aus Karlsruhe. Das Gespräch ist aus mehreren Gründen sehr hörenswert: Schon durch die Ruhemit der Ulf Stuberger berichtet, wirkt das Interview zwar etwas aus der Zeit gefallen – andererseits (sage ich selbstkritisch) täte eine solche Atmosphäre im Radio heute in aktuellen Lagen häufig gut. Auch die Präzision und Prägnanz seiner Schilderungen sind vorbildlich – zumal er ja kein Hörfunkjournalist ist und war.

Auch inhaltlich lohnt sich eine genauere Betrachtung. Spektakulär ist Stubergers Satz gegen Ende des Interviews: „Auf dem Motorrad soll eine Frau gesessen haben“. Wäre das Interview früher aufgetaucht, hätte Ulf Stuberger damit sicher einen Platz auf dem Zeugenstuhl im „Buback-Prozess“ gegen Verena Becker bekommen. Andererseits erläutert Stuberger im weiteren Verlauf des Interviews selbst, wie verworren und widersprüchlich die Informationslage am Vormittag des Tattages war. Interessant sind auch seine Schilderungen von zahlreichen Hubschraubern am Tatort – dieses Thema hat im Prozess eine gewisse Rolle gespielt.

Ulf Stuberger selbst ist übrigens von dem Fund ebenfalls überrascht: „Es gab so viele Interviews, dass ich mich nicht mehr erinnere. Viele gesagte und geschriebene Dinge aus der Zeit habe ich nie mehr gehört oder gelesen“, sagte er mir. Damals wie heute beschäftigt er sich intensiv mit den Taten der RAF und den Stammheimer Prozessen. Im Prozess gegen Verena Becker war er der letzte Berichtertstatter, der auch die ersten Stuttgarter RAF-Prozesse selbst erlebt hat.

Der eigentliche Finder des Interviews möchte ungenannt bleiben. Er hat im November aus lokalhistorischem Interesse recherchiert und den SWR um Hilfe gebeten. Dabei konnte er auf eine gemeinsame Datenbank zurückgreifen, die die Recherche in den Hörfunk-Archivbeständen mehrerer ARD-Anstalten, der Deutschen Welle und des Deutschlandradios/Deutschlandfunks ermöglicht. Beim Deutschlandfunk wurde das Interview im September 2011 routinemäßig digitalisiert und dürfte zuvor auf einem Sammelband geschlummert haben.

Wäre es damals schon aufgetaucht, hätte es sicher im Prozess gegen Verena Becker eine Rolle gespielt – das Urteil aber wohl nicht verändert. Denn was Ulf Stuberger berichtet, sind ja seine Eindrücke und Informationen vom Tatort mit der schon angesprochenen Widersprüchlichkeit und dem herrschenden Chaos. Insofern belegt das Interview eindeutig, dass es die Spekulation um eine Frau auf dem Motorrad schon ganz kurz nach der Tat gab – aber es ist kein Beweis, dass es tatsächlich eine Frau war.

 

 

LinkARENAStudiVZShare

Kommentare zu „Buback-Mord: „… auf dem Motorrad soll eine junge Frau gesessen haben““

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 5. Dezember 2014 12:47 :

    Danke für die Blumen.

  2. CJ
    schreibt am 24. Juli 2016 18:54 :

    So spektakulär, wie sie glauben, ist der Fund gar nicht. Selbstverständlich gab es bereits am Tattag die Vermutung, eine Frau habe hinten auf dem Motorrad gesessen. Dazu hätten Sie sich nur die Tagesschau vom 7. April 1977 ansehen brauchen. Dort wurde sogar der jugoslawische Augenzeuge eingeblendet, der von einer Frau berichtete. War der denn nicht geladen?

    • Holger Schmidt
      schreibt am 24. Juli 2016 19:52 :

      Um diese Frage ging es auch lange Zeit im Prozess gegen Verena Becker. Spektakulär deshalb, weil alle Schilderungen einer Frau auf dem Soziussitz im Verfahren breiten Raum nahmen.

Schreibe einen Kommentar

*

Letzte Tweets von @terrorismus

Fehler: Du bist nicht mit Twitter verbunden.

Archive

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019