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Verfassungsschutz: „Über rote Ampeln fahren, ist bei der Observation normal!“

09.10.2014, von

Im Keller eines Verfassungsschutzamtes

Im Keller eines Verfassungsschutzamtes

Viel ist seit dem Auffliegen des NSU über den deutschen Verfassungsschutz geschrieben, gelästert und gezürnt worden. Wie unfähig, unnötig, sogar kontraproduktiv die Dienste doch seien, wie sehr der Verfassungsschutz einer grundlegenden Reform (oder besser gleich der Abschaffung?) bedürfe.

Wie berechtigt ist diese Kritik, von welchen Menschen reden wir eigentlich, habe ich mich gemeinsam mit meinem Kollegen, dem erfahrenen Dokumentarfilmer Egmont R. Koch, gefragt. Deshalb haben wir vor rund einem Jahr den Versuch gestartet, einen ernsthaften Blick hinter die Kulissen des deutschen Verfassungsschutzes zu werfen und einige der Menschen zu portraitieren, die unsere Verfassung schützen sollen. Herausgekommen ist der Film „Spitzel und Spione – Innenansichten aus dem Verfassungsschutz“, der am kommenden Montag im WDR und am Mittwoch im SWR gezeigt wird. Ich darf schon jetzt versprechen: Es sind erstaunliche Erkenntnisse zu erwarten. In vielerlei Hinsicht.

Wir haben bei den Dreharbeiten sehr unterschiedliche Menschen kennengelernt. Solche, die für ihren Beruf „brennen“ und solche, die offen zugeben, zunächst einmal nur eine Beamtenstelle angestrebt zu haben. Solche, die auch im „normalen“ Leben ihrem Umfeld erzählen können, was sie arbeiten – und solche, bei denen nicht einmal der Ehepartner weiss, was sie den ganzen Tag über machen: „Ich habe das Glück, dass es meinen Mann auch gar nicht interessiert“, sagte eine Verfassungschützerin an diesem Punkt des Interviews. Eine andere Kollegin berichtet dagegen, dass ihre Ehe – auch – wegen der Geheimhaltung in die Brüche ging.

So offen über ihre Motivation und die privaten Auswirkungen des Berufs sprechen konnten die Verfassungsschützer, weil wir ihnen völlige Anonymität zugesichert haben. Maskenbildnerinnen maskierten sie mit Brillen, Perücken, Bärten und Mützen. Die Stimmen der „operativen“ Beamten wurden Lippensynchron nachgesprochen. Mehr Anonymität und gleichzeitig Authentizität geht nicht. Im Gegenzug war unsere Bedingung: Wir dürfen alles fragen, was nicht die Sicherheitsbelange der Ämter gefährdet. Doch diese Dinge haben uns auch nicht interessiert. In 40 Interviews gab es nur zwei Situationen, in denen es zu Diskussionen über eine Aussage kam. Aus unserer Sicht bei Randaspekten. Wir wollten die Menschen und die Arbeit kennenlernen.

„Über rote Ampeln fahren, ist bei der Observation ganz normal“, war einer der Sätze, die wie ein Klischee klingen. Wie geht es zu im Alltag der Observanten? Was tun die Verfassungsschützer, wenn ihre „Zielperson“ in einem Restaurant verschwindet? Einer der Schlapphüte konterte an dieser Stelle und fragte zurück: „Und was, wenn die Zielperson ins Bordell geht?“ Seine Antwort war klar: Wenn es für den Auftrag wichtig ist, muss er hinterher. Ein Leben, wie im James-Bond-Film? „Nein, so naiv war ich nie“, sagt ein Beamter aus Brandenburg. Ein Kollege aus der Observation ergänzt: „Man wartet viel“.

Und NSU? Das völlige Versagen des Frühwarnsystems Verfassungsschutz? Das war natürlich ein Schwerpunkt unserer Fragen. Darüber werde ich hier im Blog morgen berichten.

„Spitzel und Spione – Innenansichten aus dem Verfassungsschutz“
Ein Film von Egmont R. Koch und Holger Schmidt
WDR 13.10. 22:00 Uhr
SWR  15.10. 20:15 Uhr

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Kommentare zu „Verfassungsschutz: „Über rote Ampeln fahren, ist bei der Observation normal!““

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 9. Oktober 2014 17:40 :

    Schon vorher bin ich mir sicher: Wieder ein guter Wurf dieses Journalisten-Duos. Ich bin sehr gespannt.

  2. Phonomatic
    schreibt am 13. Oktober 2014 18:08 :

    Die Doku war sehr interessant, gratuliere.
    Aber was hat Snowden mit dem Verfassungsschutz zu tun?

  3. Alf
    schreibt am 14. Oktober 2014 10:33 :

    Interessant und ernüchternd zugleich. Die Kaffeekanne im „abhörsicheren“ Raum ist noch im Bereich des Alltäglichen. Dass eine Mitarbeiterin aus der Spionageabwehr, also mit Bezug zu fremden Diensten, verkleidet vor die Kamera gelassen wird, VS-Schrank-Schlüssel abgefilmt werden dürfen und als Anekdote offengelegt wird, dass eine Quelle gegen zwei Uhr früh von seiner Frau rausgeworfen wurde und die Nacht weiter in einem Hotel verbrachte, sollte aber zu denken geben. Eine äußerst nervöse Internetexpertin aus BW muss als solche „mit 200 Sachen über die Autobahn fahren“ und hält das für einen spannenden Aspekt des Doppellebens in einer „komplett andere Welt“?
    Die Ämter könnten eine Professionalisierung (durch Zentralisierung) vertragen.

  4. Anwalt aus Berlin
    schreibt am 30. Dezember 2014 23:09 :

    Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen sicherlich nicht nur in Berlin

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