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Achtung, Anwalt mit Alukoffer: Konfliktverteidigung um Bonner Taschenbombe

05.09.2014, von

„Tiefenentspannt“ ist ein Lieblingswort von Mutlu Günal, der ab Montag den Hauptangeklagten Marco G. im Prozess um die Bonner Taschenbombe und die Anschlagsplanung auf rechtsextreme ProNRW-Politiker vertritt. Allerdings fällt auf, dass der Bonner Strafverteidiger das Wort nur im Kontext seiner Mandanten und sich selbst benutzt.

„Wenig entspannt“ sind dagegen nach Günals Eindruck die diversen Ermittler und Staatsanwälte, mit denen er zu tun hat. Besonders, wenn sie die roten Roben der Bundesanwaltschaft tragen. Günal mag den Konflikt mit ihnen offenkundig besonders, sieht darin eine Art Sport („das ist Champions League“), geht an die Grenzen des Erlaubten. Wer in diesem „Spiel“ cool reagiert, kriegt seinen Respekt. Eine Berufsauffassung, die manche Staatsanwälte als standeswidrig ansehen. Dabei wäre Günal am Ende seines Studiums fast selbst bei einer Sicherheitsbehörde gelandet – sagt er heute.


Betrachtet man seine aktuelle Kundschaft, ist dieses Bekenntnis vermutlich Geschäftsschädigung. In den vergangenen Jahren hat er mehrfach in Staatschutzverfahren vor den Oberlandesgerichten München, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin verteidigt. Die Frau von Fritz Gelwoicz, dem Anführers der „Sauerlandgruppe“ zum Beispiel. Männer, die nach Waziristan in ein Terrorcamp gereist sind oder es wollten. Männer, die in eine startbereiten Flugzeug oder spekatkulär vom BKA in der Bonner Fußgängerzone festgenommen wurden. Auch den „Hassprediger“ Ibrahim Abou Nagie hat er vertreten und dabei die Ermittlungsbehörden vorgeführt. Unbekannte – die Günal vermutlich ebenfalls für „unentspannt“ hält – haben ihm in dieser Zeit einen Schweinekopf per Post geschickt. Ihm scheint so etwas egal zu sein.

Zusammen mit Wolfgang Heer, der aktuell Beate Zschäpe im „NSU-Verfahren“ verteidigt, hat er 2010 ein Islamisten-Verfahren am Stuttgarter Landgericht platzen lassen. Mit vier Kollegen marschierten beide samt ihren auffälligen Alukoffern eines Markenherstellers im Landgericht auf und begannen, die Kammer mit Anträgen zu überziehen. Nach wenigen Tagen hatte die Pressestelle des Landgerichts die Übersicht über Anzahl und Art der gestellten Anträge verloren, es kam nie zur Verlesung der Anklage („unentspannt“), der Vorsitzende setzte das Verfahren schließlich aus, ging in Pension.

Glaubt man den Anwälten, ist das alles nur so gekommen, weil sich die Kammer nicht an zuvor getroffene Absprachen um den Umgang mit den Angeklagten gehalten habe: Sie wurden in Hand- und Fußfesseln ins Gericht gebracht, obwohl es anders vereinbart gewesen sei. Einem Angeklagten wurde der Kontakt mit seinem neugeborenen Kind im Gerichtssaal verboten – bei einem Anklagevorwurf, der inzwischen zu einer Einstellung erster Klasse führte. Andere Beteiligte glauben allerdings, das Antragsfeuerwerk wäre so oder so gekommen.

Den heutigen Vorsitzenden im NSU-Prozess, Manfred Götzl, kennt Günal aus einem Islamisten-Verfahren. Damals wurde es regelmäßig zwischen beiden laut – so laut, wie es im NSU-Prozess nur selten wird. Einmal forderte Günal den Vorsitzenden auf, die Identität von drei Besuchern zu klären, die er für LKA-Beamte hielt. Manfred Götzl sagte damals, er werde die Männer nicht danach fragen: „Machen Sie es doch selbst“. Der Anwalt drehte sich daraufhin zu den drei Männern um und sprach sie direkt an: „Sie, Sie und Sie – für wen arbeiten Sie?“ „LKA Bayern“ antwortete einer der drei Männer reflexartig. Manfred Götzl schäumte.

Was kann man daraus für den Prozess gegen Marco G. und seine mutmaßlichen Komplizen lernen? Auf meine Frage, was er denn zum Auftakt plane, lächelt Mutlu Günal nur und sagt „Das verrate ich Ihnen nicht!“ Doch der Vorsitzende Richter Frank Schreiber, der ihn schon aus einem anderen Verfahren kennt, hat wohl schon seine Schlüsse gezogen: Bislang ist noch kein einziger Zeuge geladen und nach den ersten zwei Verhandlungstagen hat Schreiber eine Woche Pause eingeplant. Das Signal ist klar: Stellt Eure Anträge – und dann legen wir los. Es ist anzunehmen, dass Mutlu Günal das für eine „entspannte“ Haltung hält.

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Kommentare zu „Achtung, Anwalt mit Alukoffer: Konfliktverteidigung um Bonner Taschenbombe“

Es sind 9 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Non Nomen
    schreibt am 6. September 2014 09:11 :

    Beherzt, mutig und erfolgreich: so wünscht man sich einen Anwalt.
    So auftreten kann man nur, wenn man an den Rechtsstaat glaubt.
    Châpeau!

  2. Christoph Landel
    schreibt am 6. September 2014 17:27 :

    @Non Nomen: Ernstlich?

  3. Trau schau wem
    schreibt am 7. September 2014 20:14 :

    Nicht jedes Mal endet der von Günal und Konsorten veranstaltete Mummenschanz samt spätpubertärem Dicker-Max-Gehabe mit einem Platzen des Verfahrens. Wie „erfolgreich“ die Taktik sein kann, außer sinnfreien Anträgen nichts zum Verfahren beizutragen, kann man derzeit sehr schön im NSU-Verfahren sehen, in dem der oben zitierte Herr Heer seine Mandantin mit traumwandlirischer Sicherheit in in LL+SV laufen lässt.

  4. Dumm gefragt
    schreibt am 8. September 2014 14:07 :

    wofür steht denn bitte die Abkürzung LL+SV im Kommentar von ‚Trau schau wem‘?

  5. Holger Schmidt
    schreibt am 8. September 2014 14:19 :

    Ich nehme an: Lebenslänglich und Sicherungsverwahrung

  6. Trau schau wem
    schreibt am 8. September 2014 17:37 :

    Stimmt.

  7. Keller
    schreibt am 8. September 2014 23:35 :

    Stimmt nicht.

    Nur Gurken sind länglich. Das Leben ist lang.

  8. Trau schau wem
    schreibt am 9. September 2014 20:23 :

    Das Leben kann aber auch kurz sein.

  9. Heiner Meyer
    schreibt am 11. September 2014 19:47 :

    Nun ja, meist bringen seine Anträge nicht viel. Ein Richter mit Sitzfleisch sitzt die locker aus.

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