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#Zschäpeschmollt – der Kommentar

17.07.2014, von

Verteidigerkrise bei Beate Zschäpe: Das Ende der Gummibärchen?

Verteidigerkrise bei Beate Zschäpe: Das Ende der Gummibärchen?

Was geht nur in Beate Zschäpe vor? Seit 128 Verhandlungstagen ist das eine der meist gestellten Fragen. Es gibt unzählige Vermutungen und Spekulationen über die Frau, die als Mittäterin der NSU-Morde angeklagt ist, als einzige des mutmaßlichen Terrortrios überlebt hat und die von den Boulevardmedien schon lange vor dem Urteil im Wortsinn verteufelt wird.Seit 128 Verhandlungstagen hat Beate Zschäpe praktisch kein Wort gesagt. Hat sich nicht zu den ungeheuerlichen Vorwürfen gegen sie geäußert, ist der weinenden Mutter des Mordopfer Halit Yozgat aus Kassel eine Erklärung schuldig geblieben, als Frau Yozgat sie im Gerichtssaal direkt angesprochen und um Aufklärung gebeten hat.

Sicher, ihre Verteidiger mögen ihr das geraten haben, weil es taktisch klug sein kann, lange oder bis zum Ende eines Strafverfahrens zu schweigen. Und es ist unbestritten ihr prozessuales Recht. Doch in den vielen Tagen, an denen ich Beate Zschäpe am OLG München beobachten konnte, hatte ich den Eindruck, dass sie selbst schweigen will. Deswegen halte ich die seit gestern Mittag gängige Spekulation, dass sie im Grunde etwas sagen will, für falsch. Auch die Tatsache, dass sie nichts sagte, sondern nur nickte, als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sie fragte, ob das so richtig verstanden worden sei, spricht nicht für ein Mitteilungsbedürfnis.

Im Gegenteil: Durch ihr Auftreten, ihre Mimik und Gestik vermittelt sie nicht den Eindruck, sie lasse sich von ihren Anwälten etwas sagen. Sie wirkt eher so, als sei sie es, die alles bestimmen wolle. Das könnte auch der Grund sein, dass sie den Kurs ihrer Anwälte für falsch hält. Weil sie glaubt, es besser zu wissen. Ich sage das nicht aus dem Bauch hinaus, in den Gerichtsakten gibt es dazu Hinweise. Denn mehrfach hat sich Beate Zschäpe indirekt eben doch geäußert. Beispielsweise gegenüber zwei BKA-Beamten während einer Fahrt von Köln nach Zwickau, als es auch um einen möglichen Wechsel ihrer Anwälte ging. In der Haft in Köln hat sie einmal einen interessanten Satz gesagt: Auf die Frage, was denn mit persönlichen Gegenständen geschehen solle, die die Ermittler im abgebrannten Haus in Zwickau gefunden hatten, sagte Beate Zschäpe, dazu wolle sie nichts sagen. Aber es sei ihr neu, dass sie über Dinge verfügen könne, die von geklautem Geld bezahlt worden seien. Bauernschlau ist noch ein positiver Ausdruck für so einen Satz – und er zeigt, dass sie offenbar glaubt, Herrin ihrer Lage zu sein.

Dazu würde passen, dass sie sich offenkundig ein falsches Bild von ihrer Möglichkeit macht, neue Anwälte zu bekommen. Sie müsste eine schwere Störung des Vertrauensverhältnisses für jeden einzelnen der drei Anwälte begründen. „Die Strategie passt mir nicht“ oder „ich finde sie doof“ reicht auf keinen Fall. Der Senat würde die Gründe auch jeweils auf JEDEN EINZELNEN Verteidiger hin prüfen. „X hat mich beleidigt“ – nur als Beispiel – würde also vielleicht tragen, nicht aber gegen die beiden anderen wirken.

Unwahrscheinlich also, dass wirklich alle drei Verteidiger ausgetauscht werden. Trotzdem könnte das Verfahren sich weiter verzögern, um bis zu 30 Tage, wenn ein neuer Anwalt Zeit zur Einarbeitung braucht. Dass der Prozess von vorne losgehen muss, halte ich für sehr unwahrscheinlich – sofern nicht unvorstellbar gravierende Dinge zwischen der Angeklagten und allen drei Anwälten passiert sind.

So könnte die Aufregung von gestern im Sinne von Beate Zschäpe wirkungslos bleiben. Aber sie werden dem Gericht und allen Beteiligten einen tiefen Blick in die Karten von Beate Zschäpe gewähren. Die Aktion von gestern würde damit zum Bumerang gegen die Angeklagte.

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Kommentare zu „#Zschäpeschmollt – der Kommentar“

Es sind 5 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 17. Juli 2014 13:30 :

    Auf meiner Facebookseite habe ich diesen Beitrag geteilt und so kommentiert, was ich hier nicht unterschlagen will: „Holger Schmidt, Terrorismusexperte der ARD und ein sehr geschätzter Kollege, hat den wohl zutreffendsten Kommentar zur Ablehnung der drei Verteidiger durch die Hauptangeklagte Beate Zschäpe im NSU-Prozess veröffentlicht. Er hat bisher das gesamte Verfahren im Gerichtssaal verfolgt – eine beachtenswerte Leistung, wie ich aus eigener leidiger Erfahrung weiß, die man nicht genug würdigen kann. Hoffentlich wissen seine Vorgesetzten, was sie an diesem Journalisten haben.“

  2. Phonomatic
    schreibt am 19. Juli 2014 19:48 :

    Ich hielt es auch von Anfang an für unwahrscheinlich, dass Zschäpe – wie mitunter nahegelegt wurde – nun unbedingt Stellung zur Charackterisierung durch Brandt beziehen wollte …
    Was hätte Sie denn tun sollen, zu versuchen den Beweis anzutreten doch eine „dumme Hausfrau“ zu sein? Hätte sie dann erklärt, dass sie das Transparent mit der Aufschrift „eine Idee sucht Handelnde“ nur hochgehalten hat, damit es nicht schmutzig wird … ?

  3. Christian Song
    schreibt am 21. Juli 2014 17:25 :

    Sehr geehrter Herr Ulf,

    ich möchte Ihnen nicht zu Nahe treten, aber der geschätze Herr Schmidt war jetzt an den bestimmten zwei wichtigen Tagen anwesend.
    Er war erst am Mittwoch ab Mittag da. Dazu kommt dass man nicht sagen kann das Herr Schmidt täglich bei diesen Prozess komplett da war. Diesen Traum muss ich ihnen nehmen. Meine zwei Kollegen und ich sind immer da, da einer von uns immer da war.
    Die erste Version von #Zschäpe schmollt finde ich eine ganz schlechte Leistung für einen Journalisten, es ist kein Wunder das es dort eine zweite Fassung davon gibt.

    Das musste mal gesagt werden, weil es gibt eindeutig bessere Journalisten als Herrn Schmidt.

  4. klabauter
    schreibt am 23. Juli 2014 08:45 :

    „Meine zwei Kollegen und ich sind immer da, da einer von uns immer da war.“

    Sätze wie dieser lassen auf sprachlich und inhaltlich brilliante Berichterstattung der 3 Immerdas hoffen.

    • Holger Schmidt
      schreibt am 23. Juli 2014 11:33 :

      @klabauter 😉
      vielleicht gemeint: „immerdar

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