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Heimatschutz: Eine Fleißarbeit, kein Standardwerk

26.05.2014, von

Vorstellung von "Heimatschutz" (Archiv)

Vorstellung von „Heimatschutz“ (Archiv)

Das Buch ist ein echter Aust: Mit mehr als 800 Seiten beeindruckt es durch den schieren Umfang und ist noch deutlich ausführlicher als sein „Baader-Meinhof-Komplex“ zur Geschichte der „RAF“. Doch die Machart ist sehr ähnlich: Prinzipiell chronologisch, der besser Dramaturgie wegen aber mit Vor- und Rücksprüngen geschrieben, Reportage in dem berühmten süffisant-ironischen Tonfall, mit dem sich Aust im Fernsehen unter anderem im ARD-Politmagazin Panorama einen Namen machte.

Schon der Titel „Heimatschutz“ ist dafür ein gutes Beispiel: Heimatschutz, dass knüpft an den Neonazibund „Thüringer Heimatschutz“ an, der eine der Keimzellen der späteren Terrorgruppe „NSU“ war. Aber Heimatschutz deutet zugleich die Kernthese des Buches an: Die Sicherheitsbehörden, ob Polizei, Staatsanwälte oder Verfassungsschutz, haben versagt, der Heimatschutz hat nicht stattgefunden. Allenfalls haben sich die Behörden selbst geschützt.

Wie vieles in dem Buch ist das sicher nicht falsch – aber eben auch nicht ganz richtig. Und deswegen kann „Heimatschutz“ in der vorliegenden Form eines sicher nicht werden: Ein Standardwerk.

Dazu ist es zu suggestiv und enthält zu viele, teilweise leicht vermeidbare Fehler. Es droht die Gefahr, dass Aust mit dem NSU macht, was Karl May mit dem Wilden Westen tat: Aus Aktenlage gefühlte Realität machen.

Hinzu kommt, dass das Buch unsauber mit Quellen umgeht: Die Autoren erklären im Anhang, dass sie sich auf fast einhundert Einzelinterviews und Akten aus den Strafverfahren sowie den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen stützen. Doch eine Differenzierung findet kaum statt: Das Buch wimmelt vor wörtlichen Zitaten, die wie recherchierte Interviews wirken, aber aus amtlichen Protokollen stammen. Fußnoten – die es grundsätzlich Zuhauf gibt – hätten das klarstellen können. Mein Verdacht ist: Sie wurden bewusst weggelassen, damit der Text weit exklusiver klingt, als er ist.

Das ist Theaterdonner, vor allem ist es aber aus wissenschaftlicher und journalistischer Sicht bedauerlich. Der korrekte Umgang mit den Quellen könnte das Buch zu einem wichtigen Wegweiser machen, denn eines ist es in jedem Fall: Eine ganz erhebliche Fleißarbeit über rechten Terror und neonazistische Gewalt, nicht erst seit der Wiedervereinigung und der schon viel zu sehr in Vergessenheit geratenen Gewaltwelle in den 1990er Jahren. Und dann eben über die Entstehung der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ und das Versagen von Polizei und Verfassungsschutz, eine rechte Mordserie als solche zu erkennen, weil die Täter nicht offensiv mit den Taten prahlten.

Doch das Buch könnte mehr sein, deswegen wäre Nachbesserung sehr wünschenswert. Ebenso ein ordentliches Lektorat: Das Buch muss so sehr mit der heißen Nadel gestrickt worden sein, dass bisweilen fehlende Verben oder unvollständige Sätze schlicht übersehen worden sind. Von sachlichen Fehlern ganz zu schweigen: Wer sich dauernd über die Unfähigkeit von Sicherheitsbehörden lustig macht, sollte wenigstens den föderalen Aufbau und die geläufigsten Amtsbezeichnungen kennen: Im Buch wird zum Beispiel jeder Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft gleich zum Bundesanwalt befördert und die Staatsanwaltschaft Heilbronn wird dem Bundesministerium der Justiz zugeschlagen.

Trotzdem wird all das wahrscheinlich nichts daran ändern, dass das Buch faktisch zu einem Standardwerk wird, wie es auch Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ geworden ist. Bezogen auf das Wachhalten der Erinnerung an die rechte Gewalt in Deutschland ist das gut so. Bezogen auf den permanenten süffisanten Unterton des Buches über die vermeintliche allgegenwärtige Unfähigkeit in den deutschen Sicherheitsbehörden ist es bedauerlich. Denn so einfach ist es eben nicht.

Immerhin eines macht hier Hoffnung: Der letzte Satz des Buches lautet: „Dieses Buch soll ein Anfang sein – und nicht das letzte Wort“.

Stefan Aust, Dirk Laabs: „Heimatschutz“, Pantheon-Verlag, 22,99 Euro

Diese Rezension lief als Audiobeitrag zuerst in SWR2

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Kommentare zu „Heimatschutz: Eine Fleißarbeit, kein Standardwerk“

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  1. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 26. Mai 2014 09:18 :

    Danke für diese Rezension, die äußerst wertvoll ist.

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