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NSU: Klingeln für die Politikwissenschaft

19.05.2014, von

Brandruine Zwickau Frühlingstraße

Brandruine Zwickau Frühlingstraße (Archiv)

Wer weiß: Vielleicht wird sich demnächst ein findiger Politikwissenschaftler in Ermangelung einer guten Idee für die Abschlußarbeit auf das Thema: „Die Türklingel in der Geschichte des deutschen Terrorismus“ stürzen. Für den neudeutschen Bachelor sollt das Thema nach heutigen Maßstäben wohl mindestens reichen, vermutlich kann man mit dem Thema sogar Professor werden. Um dem Kandidaten gleich eine erste Hilfestellung zu geben: Es finden sich interessanterweise Fallbeispiele quer durch alle Phänomenbereiche des Terrorismus in Deutschland: Von der „RAF“ über Al Qaida bis zum NSU. Das muß doch etwas zu bedeuten haben:

Susanne Albrecht klingelte bei ihrem väterlichen Freund Jürgen Ponto – um im Ergebnis dessen Erschießung durch ein „RAF“-Kommando einzuleiten. Der islamistische „Kofferbomber“ Yousef el-Hajdib vergaß, die Klingel im Zimmer eines Kölner Studentenheimes abzustellen, als er mit Propangas-Flaschen experimentierte und wurde später in seinem Prozess sichtbar blass, als ihn der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling damit konfrontierte („daran habe ich nicht gedacht!“). Und Beate Zschäpe erhofft sich ausgerechnet von einer Klingel Läuterung wegen des Vorwurfs, sie habe beim Inbrandsetzen des Zwickauer Hauses den Tod ihrer Nachbarin Charlotte E. (mindestens) billigend in Kauf genommen.

Über die Versuche des Senats, die hochbetagte Dame zu vernehmen, habe ich bereits berichtet. Am vergangenen Freitag fand nun der letzte Versuch statt: Im Zimmer der Heimleiterin ihres Cariatas-Pflegeheimes wurde Frau E. durch einen Richter des Amtsgerichts Zwickau befragt. Der Richter stellte die Fragen des Senats – und wird diesem einen schriftlichen Bericht abliefern, evtl. noch dazu persönlich gehört werden. Doch schon jetzt deutet sich an, dass es ein magerer Bericht werden wird. Klarheit über die Frage nach einem möglichen Klingeln konnte nicht erreicht werden. Immerhin: Es soll Charlotte E. danach nicht schlechter gegangen sein, als vorher, erfuhr der MDR aus ihrem Umfeld.

Schadet das Beate Zschäpe? Vielleicht nicht einmal das. Denn die Nachbarin hatte in ihrer Vernehmung unmittelbar nach dem Brand berichtet, es habe zweimal geklingelt. Das zweite Klingeln dürften mit Sicherheit ihre Angehörigen aus der Nachbarschaft gewesen sein, die die „Tante“ retten wollte. In dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) könnte nun das Gericht das erste Klingeln Beate Zschäpe zurechnen . Womit noch nicht gesagt wäre, dass der Senat es als Warnung vor dem Feuer für ausreichend hielte. Immerhin: Wer rechnet bei einem schlichten Klingeln an der Tür schon damit, dass das Haus in Brand steht?

Die Klingel selbst ist jedenfalls nicht mehr erhalten, sie viel dem Abriss des Hauses zum Opfer – was den potentiellen Studierenden der Sozialwissenschaften betrüben dürfte. Die meisten Prozessbeteiligten im „NSU-Verfahren“ dürften dagegen froh sein, wenn das Thema Klingeln in Zwickau endgültig zu den Akten gelegt werden kann.

Wie allerdings Dr. Stadtland zu seiner Einschätzung kam, man könne die demente Zeugin vernünftig befragen, wird wohl ein weiteres ungelöstes Rätsel in dem Fall bleiben.

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