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Elvis lebt: Nachts beim BND!

19.05.2014, von

Martin Schlüter. Nachts schlafen die Spione. Letzte Ansichten des BND in Pullach. © Sieveking Verlag, Martin Schlüter, 2014

Elvis lebt: Beim BND (Foto: Martin Schlüter)

Wenn beim Bundesnachrichtendienst (BND) etwas streng verboten ist, dann privat zu fotografieren. Ob Mitarbeiter, Gebäude, Dokumente oder Ausrüstung: Bei einem Geheimdienst ist prinzipiell alles geheim, selbst die Speisepläne der Kantine seien Verschlusssache, wird gerne kolportiert. Umso erstaunlicher, dass der BND den Fotografen Martin Schlüter eingeladen hat, sich auf der „Liegenschaft“ in Pullach umzusehen und die Gebäude zu dokumentieren. Einzige Bedingung: Es durften keine Menschen und Fahrzeuge auf den Bildern zu sehen sein. Was steckt hinter der Einladung, wird sich Martin Schlüter gefragt haben? Er konterte Angebot und Vorgaben des BND auf eine interessante Weise: Er fotografierte nur bei Nacht – entstanden sind faszinierende Aufnahmen.

Einige Bilder finden sich unten in der Galerie. Sie zeigen eine Kosmos, der aus einer fast vergessenen Zeit zu stammen scheint: Die Ästhetik früher James-Bond-Filme kommt einem in den Sinn – und gleichzeitig mutet es seltsam an, dass diese große „Liegenschaft“ (wie es im Amtsdeutsch heißt) mitten in Deutschland vor den Toren Münchens real existiert.

Kleine Einblicke in diese Welt habe ich in den vergangenen Jahren selbst bekommen: Eine mehrspurige Einfahrt, mit der Anmutung zwischen französischer Mautstelle und ehemaliger Zonengrenze, Verwaltungsgebäude auf einem Gelände, das von Wald umschlungen scheint, eine Präsidentenvilla mit holzgetäfelten Wänden, an denen Portraits von Bismarck und Friedrich dem Großen hängen, als befände man sich mitten in Berlin, all das setzt Martin Schlüter eindrucksvoll um. Und auch wenn keine Personen zu sehen sind: bei vielen Bildern hat man den Eindruck, als lauere etwas im Dunkel der Nacht.

Doch Schlüters Einblicke gehen viel weiter, sie werden intimer: er zeigt Sporteinrichtungen der Agenten, eigene Kegelbahn, eigener Tennisplatz („Tennis ist toll“) oder einen Trainingsraum für Kampfsport: Es gelingt ihm, den Muff Jahrzehnte alter Räume durch ein Foto zu transportieren. Man kommt aus dem Staunen über die Mischung aus Vorsorge und Paranoia nicht mehr heraus: Geschredderte Akten werden auf dem Gelände zu Briketts gepresst (derzeit nur noch einmal in der Woche), mit denen die Liegenschaft beheizt werden kann. Bunker sind allüberall obligatorisch, früher gab es sogar eine eigene Stromversorgung und ein eigenes Krankenhaus. Ob heute wohl auch russisches Erdgas verwendet wird? Es verändert sich viel beim Bundesnachrichtendienst. Für die Lageskizze der BND-Liegenschaft innen im Buchdeckel hätten KGB und Stasi vor 30 Jahren wohl Spitzenhonorare gezahlt.

Doch nun zieht der BND nach Berlin und hat mit diesem Bildband eine faszinierende Dokumentation der alten Zeit ermöglicht. Sie zeigt die profane und teils chaotische Seite der Spionage, meisterlich von Martin Schlüter in Szene gesetzt, die Nacht als Stilmittel im Rücken: Labore, in denen die kleinen Tricks der Agenten gebastelt werden und die gleichzeitig anmuten, wie ein kleiner Handwerksbetrieb, der die Zeichen der Zeit verschlafen hat und kurz vor der Wettbewerbsunfähigkeit steht. Ist das vielleicht der Trick des BND bei diesem Buch? Will man unterschätzt werden? Viele Fragen bleiben offen. Bis hin zu den Dienstplänen der Wachhunde.

Auch das ist reizvoll – und von einem Geheimdienst hätte uns alles andere enttäuscht.

„Nachts schlafen die Spione“ von Martin Schlüter ist im Sieveking Verlag erschienen und kostet 59,90 Euro.

Nicht unerwähnt bleiben kann allerdings, dass das mir vorliegende Exemplar kleine produktionstechnische Mängel aufweist, die bei einem Buch in dieser Preisklasse eigentlich nicht sein dürfen. Aber vielleicht habe ich ein Montagsexemplar bekommen.

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Kommentare zu „Elvis lebt: Nachts beim BND!“

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Sieveking Verlag
    schreibt am 20. Mai 2014 18:12 :

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    mit Bedauern haben wir von produktionstechnischen Mängeln Ihres Rezensionsexemplars gelesen. Unser Verlag ist sehr bemüht, die Bücher in höchster Qualität auf den Markt zu bringen. Wir haben speziell bei diesem Buch sowohl in der Repro als auch im Druck das besonders hochwertige aniva®-Verfahren eingesetzt, welches eine erhöhte Leuchtkraft und Farbintensität ermöglicht. Die bei uns im Verlag liegenden Exemplare weisen keinerlei Mängel auf, so dass wir hoffen, dass Ihnen ein einmaliges Mängelexemplar vorliegt. Dafür bitten wir selbstverständlich um Entschuldigung.

    Ihr Team vom Sieveking-Verlag

  2. Rudi
    schreibt am 20. Mai 2014 23:22 :

    So ein Artikel passiert, wenn sich der Meister der Sachlichkeit und der reinen Faktizität ins Gefühl verliert. Ein wenig peinlich, finden Sie nicht auch?
    Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass Sie vom BND ein wenig hofiert werden. Das ist Ihnen doch von Herzen zu gönnen.

  3. Ulf G. Stuberger
    schreibt am 24. Mai 2014 10:08 :

    @ „Rudi“, wer auch immer sich dahinter verbirgt: Die Unterstellung ist widerwärtig. Journalisten haben die Aufgabe, sich mit allen Einrichtungen zu beschäftigen, auch den Geheimdiensten und Buchveröffentlichungen darüber. „Ist das vielleicht der Trick des BND bei diesem Buch? Will man unterschätzt werden“ ist eine Formulierung, die ja nun nicht gerade auf ein „Hofieren“ des Verfassers deuten lässt, wenn man der deutschen Sprache mächtig ist. Für die Unabhängigkeit des Kollegen Schmidt spricht auch, dass Ihr Kommentar zur Veröffentlichung freigegen wurde.

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