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Pannen bei der „Nürnberger Taschenlampenbombe“: Ging Uwe um 23:30 Uhr aus der Kneipe?

03.10.2013, von

Kneipe "Sonnenschein" in Nürnberg

Kneipe „Sonnenschein“ in Nürnberg

Man muss fair sein, wenn man die Akte einer Ermittlung liest, von der man im vorhin weiß, dass sie nicht gut gelaufen ist. Trotzdem macht mich die Akte der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth zum Fall der „Taschenlampe“ einigermaßen fassungslos (751 UJs 13177/99). Das hat sowhol damit zu tun, was in der Akte steht, als auch mit dem, was fehlt.

Zuvor nochmals kurz der Sachverhalt: An einem Mittwoch im Juni 1999 fand der damals 18jährige Serkan Y. beim Putzen in der Gaststätte „Sonnenschein“ in Nürnberg-St. Peter eine Taschenlampe. Als er auf deren Schalter drückte, habe er zunächst ein Summen gehört, dann sei sie explodiert. Der Mann erlitt leichte Verletzungen am ganzen Körper, Splitterteile wurden bis in Nachbarräume geschleudert. Eine kriminaltechnische Untersuchung des Bayerischen LKA ergab, dass die Explosion offenbar noch viel gravierender hätte ablaufen sollen, bei der Konstruktion aber ein Fehler gemacht wurde. Mit dem NSU, mit Terrorismus oder auch nur mit Schwerkriminalität wurde der Fall bis zur Aussage von Carsten S. im NSU-Prozeß nicht in Verbindung gebracht. Aber warum nicht? Der Fall lief unter „Fahrlässige Körperverletzung“. Und wurde nach sechs Monaten eingestellt.

Sicher, die Polizei hatte Anhaltspunkte, den Fall skeptisch zu sehen. Es war keine Explosion nach Lehrbuch und das Opfer gab Anlass zur Nachfrage. Doch gute Polizeiarbeit beweist sich ja gerade, wenn es etwas komplizierter wird. Und das war hier der Fall.

Serkan Y. reagierte aus Sicht der Polizei ungewöhnlich. Er verständigte nach der Explosion weder Polizei, noch Rettungsdienst. Er rief statt dessen seine Mutter an und sagte ihr, dass er blutete. Die Mutter alarmierte eine Bekannte, gemeinsam fuhren sie erst zu Serkan und brachten ihn dann mit dem Auto ins Krankenhaus. Dort, zwei Stunden nach der Explosion, rief die Mutter die Polizei an.

Eine Streifenwagenbesatzung kam ins Krankenhaus. Ein Polizeiobermeister und eine Polizeiobermeisterin hörten sich den Bericht von Serkan an, nahmen seinen Schlüssel für die Kneipe und fuhren in die Scheuerlstraße. Dort roch es nach Feuerwerkskörpern, Splitter, Batterien und Kabel lagen herum, ein Handtuchhalter war von der Wand gerissen. Die Kripo wurde verständigt. Ein Ermittlungsbericht vermerkt: Gegen 19:00 Uhr kam auch der Leiter des Kommissariats Staatsschutz vorbei – laut Akte war das die einzige Begegnung der Staatsschützer mit diesem Fall.

Schnell geriet das Opfer selbst in Verdacht. Denn erstens war der Mann schon mehrfach wegen Drogendelikten und Körperverletzung aufgefallen, zweitens waren seine Angaben für die Ermittler nebulös: Vier Gäste seien am Abend vor der Explosion in der Gaststätte gewesen, darunter drei Türken, die Serkan Y. wohl kannte, aber angeblich nicht mit vollständigen Namen nennen konnte oder wollte. Eine Handynummer, die er nannte, konnte nicht zugeordnet werden und der Besitzer der Nummer rief die Polizei nicht zurück, obwohl diese auf seiner Mailbox darum gebeten hatte.

Das reichte für die Polizei, sich in einer Sackgasse zu sehen. Zudem beschuldigte die Ex-Freundin den Mann, er sei in krumme Geschäfte verwickelt. Die Ermittler kamen nicht weiter – und verloren schnell das Interesse. Aus heutiger Sicht tragisch: Für den vierten Gast interessierte sich offenkundig niemand. Keine Nachfrage, kein Vermerk, keine Beschreibung findet sich in der Akte. Nur ein Nebensatz: Es sei ein Deutscher gewesen, der zum zweiten Mal in der Kneipe war und am Vortag um 23:30 Uhr gegangen sei.

Aus heutiger Sicht darf man spekulieren, dass dieser Mann Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos war. Damals mit frischem Steckbrief als Neonazi wegen Rohrbombenbaus gesucht. Allerdings in Jena / Thüringen. Zu weit weg für die Kripo in Nürnberg?

Die Akte wurde als „fahrlässige Körperverletzung“ im Januar 2000 wie ein Unfall mit Personenschaden weggelegt, am 31. Dezember 2021 wäre sie in den Reißwolf gewandert. Dabei legt eine Untersuchung des LKA Bayern nahe, dass man den Fall als versuchtes Tötungsdelikt hätte werten können, vielleicht müssen: Das Rohr war derart manipuliert, dass eine besonders große Splitterwirkung erzielt worden wäre – wenn nicht ein Fehler in der Konstruktion gelegen hätte.

Die Akte fiel niemand auf, als im September 2000, acht Monate später, der Türke Enver Simsek in Nürnberg erschossen wurde.
Die Akte fiel niemand auf, als im Juni 2001 Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg ermordet wurde.
Die Akte fiel niemand auf, als im Juni 2005 Ismail Yasar in Nürnberg ermordet wurde.

Und die Akte fiel auch nicht auf, als der Generalbundesanwalt zum Jahreswechsel 2011/2012 alle Staatsanwaltschaften bat, nach weiteren möglichen NSU-Taten zu suchen.

Erst die Angaben von Carsten S. brachten den möglichen Zusammenhang. Der Fall könnte nun auch zum Verfahren gegen Beate Zschäpe und die anderen Angeklagten hinzuverbunden werden.

Immerhin: Die Akte ist noch da – und auch die Rohrbombe ist noch da: Sie diente der Polizei als Schulungsmaterial – wie auch eine DNA-Analyse des BKA bewies. Sie ergab nur einen klaren Treffer: Ein Chemiker des Bayerischen LKA.

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