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„Zeugin vom Dachfenster“: Nachbarin für Zschäpe gehalten?

26.09.2013, von

Am Montag kommender Woche will das Oberlandesgericht München die überraschend aufgetauchte „Zeugin vom Dachfenster“ hören. Sie ist sich offenbar sicher, 2006 Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Dortmund gesehen zu haben – kurze Zeit vor dem Mord an Mehmet Kubasik, der ebenfalls in Dortmund getötet wurde. Die Nebenklägervertreterin Doris Dierbach (Familie Yozgat) hatte einen entsprechenden Antrag gestellt.

Am Montag dieser Woche war die „Zeugin vom Nachbargrundstück“ bereits bei der Bundesanwaltschaft und wurde zu ihren Erinnerungen befragt. Während in München die Hauptverhandlung lief, wurde die 63jährige Zeugin in Karlsruhe von Oberstaatsanwalt Dienst und zwei BKA-Kommissaren befragt. Die Ermittler wollten „vor der Welle sein“ – also eine Befragung durchführen, bevor die Zeugin eventuell anderweitig aufgespürt wird – zum Beispiel von den Medien. Dabei ist die Zeugin selbst Journalistin und steht schon seit Monaten mit einem Journalisten und drei Anwälten der Nebenklage in Kontakt – was ihre, ansonsten ausgesprochen interessante, Erinnerung in ein etwas komisches Licht rückt. Doch es klingt so, als seien ihre Beobachtungen prinzipiell glaubhaft – aber doch nicht ganz richtig:

Wie schon berichtet, erinnert sich die Zeugin, das Trio Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und einen „bulligen Neonazi“ Anfang April 2006 in Dortmund gesehen zu haben. Sie standen auf dem Nachbargrundstück, etwas unheimlich sei die Szene gewesen, manchmal sei auch nachts auf dem Grundstück gegraben und mit Folie bedeckt worden. Damals waren ihr die drei mutmaßlichen Terroristen (natürlich) noch nicht bekannt, aber ihre damaligen Erlebnisse soll ihr auch im November 2011 noch so präsent gewesen sein, dass sie auf den Fernsehbildern nach der Entdeckung des Trios die Personen von damals wiedererkannte. Zuerst Böhnhardt und Mundlos und einige Tage später Beate Zschäpe. Darüber will sie damals auch mit ihrem Mann gesprochen haben.

Für die zentrale Frage, warum sie diese eher flüchtige Begegnung nach so langer Zeit so gut erinnert, hat die Zeugin eine gute Erklärung: Sie verknüpft die Erinnerung mit einer – offenbar gewichtigen – Begebenheit in ihrem Privatleben. Deshalb könne sie die Erinnerung auf vier Tage genau im Bereich Ende März, Anfang April 2006 datieren. Psychologen wird das freuen, denn ein solcher Anknüpfungspunkt ist für die Bewertung der Plausibiltät einer Erinnerung ein wichtiges Indiz. Interessant ist allerdings, dass die Ermittler bei der Befragung nicht protokolliert haben, um welches Ereignis es sich damals handelte. Dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl gefallen solche Ungenauigkeiten üblicherweise nicht.

Eine Rolle soll dabei jedenfalls auch ein Umzugs-Lkw spielen, den die Zeugin damals bestellt hatte und auf dessen vorgesehenem Parkplatz plötzlich zu ihrem Mißfallen ein Wohnmobil parkte (selbst Teile der Zulassung erinnert die Zeugin noch und nennt Buchstaben, die auf Chemnitz, den Vogtlandkreis oder Augsburg passen könnten – an anderer Stelle der Vernehmung sagt sie allerdings, sie habe das genaue Kennzeichen nicht mehr in Erinnerung).

Es sind also präzise, hoch interessante Erinnerungen – fast zu schön, um wahr zu sein. Doch warum kommen die Angaben erst jetzt? Und warum ging sie nicht zur Polizei, sondern zu Hamburger Nebenklage-Anwälten?

Die „Zeugin vom Dachfenster“ begründete das bei der Bundesanwaltschaft widersprüchlich. Zwar habe sie den Eindruck gehabt, auf dem Nachbargrundstück sei etwas Wichtiges geschehen – sie sei aber ebenso der Meinung gewesen, dass es (eben weil es so wichtig war) auch den Ermittlungsbehörden schon bekannt gewesen sein müsse und man auf ihre Angaben also nicht angewiesen sei. Ermittler kennen ein solches Verhalten – das sich psychologisch oft aus einer Mischung aus Angst und Verdrängung erklärt und zur Reaktion führt, „mich brauchen die doch eh nicht“.

Die „Zeugin vom Dachfenster“ rechnete aber offenbar damit, dass sie irgendwann in der Zeitung lesen würde, was auf ihrem Nachbargrundstück los war. Doch das geschah nicht – und die Zeit ging ins Land.

Mitte Februar 2013 (also fast sieben Jahre nach der Beobachtung und mehr als 14 Monate nach ihrer eigenen „Erkenntnis“) las die Zeugin dann einen Artikel auf einem großen nordrhein-westfälischen Onlineportal über mögliche Bezüge des NSU nach Dortmund. Also genau zu dem Thema, in dessen Umfeld sie ihre Erinnerungen einordnete. Der Artikel sei ihr zudem fundiert vorgekommen, weshalb sie dem Autor ihre Beobachtungen mitteilen wollte, sagte sie der Bundesanwaltschaft an diesem Montag. Sie schrieb dem Autor damals eine Email: Es gehe um mögliche Bezüge zum NSU.

Es dauerte sechs Wochen, bis der Journalist sich im März 2013 bei der Zeugin meldete – eine größere Öffentlichkeit erreichte die Geschichte aber auch danach nicht. Offenbar glaubte der Kollege ihr nicht – oder nicht genug.

Im Juni 2013 machte die „Zeugin vom Dachfenster“ einen weiteren Versuch, jemand ihre Beobachtung mitzuteilen. Sie schrieb eine Email an Rechtsanwalt Thomas Bliwier, Nebenklagevertreter der Familie Yozgat und Kanzleipartner von Doris Dierbach. Offenbar um den 24. Juni herum kam es zu einer ersten Kontaktaufnahme zwischen der Zeugin und der Hamburger Kanzlei „Die Strafverteidiger“.

Doch warum dauerte es danach noch zehn Wochen, bis ein Beweisantrag in der Sache gestellt wurde? Darauf möchten Thomas Bliwier und Doris Dierbach aktuell nichts sagen. Zunächst solle doch am Montag die Zeugin selbst gehört werden, sagen mir die Anwälte. Andere Nebenkläger haben dazu eine klare Meinung – auch wenn sie sich nicht zitieren lassen wollen. Sie vermuten, dass mit dem Beweisantrag ein öffentlicher „Show-Effekt“ erreicht werden sollte – zeitlich passend zu dem Moment im Prozess, an dem erstmals der Fall Halit Yozgat eine Rolle spielt, dessen Angehörige Dierbach und Bliwier vertreten. Das weisen die beiden Anwälte aber klar zurück: Der Beweisantrag sei geboten gewesen, sie seien selbst gespannt, wie sich die Aussage der Zeugin am Ende darstellen werde.

Inzwischen gibt es aber eine mögliche Lösung: Denn nach der Vernehmung der Zeugin hat das BKA weiter ermittelt und fand einen früheren Nachbarn der Frau. Die Beamten müssen sich bei dessen Befragung wie in einem Vorabend-Krimi fünf Minuten vor der Tagesschau vorgekommen sein: Alle offenen Fragen beantworteten sich in wenigen Sätzen: Ja, sagte der Mann, man habe ihn damals für einen Neonazi halten können, weil er Tarnhosen getragen und sich die Haare rasiert habe. Ja, er habe im Garten gegraben – und einen Teich angelegt, den er aber nach kurzer Zeit wieder rückgebaut habe. Ja, er habe Ende März, Anfang April 2006 mit Freunden ähnlichen Aussehens bei einer Art Hoffest auf dem Grundstück gestanden – und seine Frau sei selbst der Meinung, Beate Zschäpe ähnlich zu sehen.

Selbst für das angebliche Wohnmobil gibt es in der Aussage des Mannes eine Erklärung: Es könnte ein Transporter gewesen sein, den er damals für seine Arbeit brauchte.

Also Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Die BKA-Kommissare hatten sich offenkundig gut auf die Befragung vorbereitet: Warum denn der Mann seinen beiden Kindern Namen germanischer Götter gegeben habe, fragten sie am Ende der Vernehmung? Historisches Interesse, erklärte der Mann. Damit dürfte er kaum alle Beteiligten überzeugt haben.

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