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NSU-Prozess: Zangengeburt und hechelndes Opfer

09.07.2013, von

Es war der Tag der unpassenden Sprache im NSU-Prozess. Zum Auftakt gab sich Staatsanwalt Dr. Gerwin Moldenhauer bei seiner Aussage zum Thema „Vernehmungen des Holger G. vor dem Ermittlungsrichter“ engagiert und als Freund der Anglizismen. Latein scheint beim Generalbundesanwalt den Glanz alter Tage verloren zu haben, heute ist man dort eher „up to date“. Allerdings nicht im Medizinischen. Denn Staatsanwalt Dr. Moldenhauer sprach im Zusammenhang mit seinen schwierigen Vernehmungen von Holger G. von einer „Zangengeburt“, was gleich in mehrerer Hinsicht problematisch ist. Aber immerhin sprach er nicht von hechelnden Opfern.

Eine Geburtszange wird in seltenen, kritischen Situationen von Geburtshelfern bei der Entbindung benutzt. Als „Geburtshelfer“ dürfte sich Dr. Moldenhauer in seiner Rolle als Staatsanwalt aber wohl ebenso wenig verstanden haben, wie Holger G. beabsichtigt haben dürfte, vor der Ermittlungsrichterin niederzukommen (ganz abgesehen davon, dass die ersten Aussagen von Holger G. noch fern der Wahrheit waren – also allenfalls eine Scheinschwangerschaft vorgelegen haben könnte, wenn man bei diesem schiefen Vergleich bleiben möchte).

Aber von mir aus bleiben wir bei dem verunglückten Bild des gebärenden Angeklagten. Dann hat die Zange trotzdem keinen Platz. Denn die klassische Indikation für den selten Einsatz einer Geburtszange sind Erschöpfungszustände der (in diesem Fall dann des) Gebährenden. Selbst wenn man also die Rolle des Staatsanwalts als Geburtshelfer noch durch gehen lassen mag, ist man spätestens bei den Erschöpfungszuständen dort, wo eine Aussage allenfalls endet – und keinesfalls weitergeht, § 136a StPO. Ein Kommentator des Karlsruher Kommentars der StPO weiß das zweifellos. Gemessen am übernächsten Zeugen war diese Sprachverwirrung aber noch ein minder schwerer Fall.

Nach der Mittagspause bekam nämlich der pensionierte Schutzpolizist Karl W. das Wort. Er war einer von zwei Streifenbeamten, die das erste bislang bekannte Opfer des NSU an einer Straße in Nürnberg entdeckte. W. schilderte, wie er zunächst am Morgen Enver Simsek beim Aufbau seines Blumenstandes beobachtet hatte, als er auf dem Weg in den Dienst war. Gegen 15:00 Uhr bekam er dann den Auftrag, nach dem Stand zu schauen. Der Zeuge H., der am Mittwoch befragt wird, hatte sich bei der Polizei gemeldet, weil es ihm verdächtig vorkam, dass über einen längeren Zeitraum niemand an dem Blumenstand war. Die beiden Beamten (sein damaliger Streifenkollege ist inzwischen verstorben) fanden Enver Simsek im Laderaum seines Kastenwagens in einer Blutlache.

„Hat Herr Simsek da noch gelebt?“, wollte der Vorsitzende vom Zeugen wissen. „Ja!“, erklärte der pensionierte Polizist. „Woher wussten sie das?“, fragte der Vorsitzende. „Er hat noch gehechelt“, durfte der Zeuge daraufhin unwidersprochen antworten. Bin ich der Einzige, den das gestört hat? Es scheint so. Denn der Ausdruck wurde am Ende des Prozesstages auch von den Nebenklägeranwälten Scharmer und Stolle in ihrer so genannten „Presseerklärungen“ völlig selbstverständlich benutzt – ohne dass es ein Zitat gewesen wäre.

„Hecheln“ ist aber im normalen Sprachgebrauch kein menschliches Verhalten. Es ist die biologische Bezeichnung für Temperaturregulierung bei Tieren, insbesondere bei Hunden. Es ersetzt das Schwitzen. Das sollten auch Polizeihauptmeister und Rechtsanwälte wissen. Zur Ehrenrettung des Polizisten mag man noch annehmen, dass er „röcheln“ sagen wollte – was in Anbetracht der Verletzungen von Enver Simsek durch mehrere Einschüsse auch nicht unwahrscheinlich wäre. Doch für die, die das Wort aufgreifen, ist das keine Entschuldigung.

Wer sich häufiger mit Kriminalern oder Leuten aus dem Rettungsdienst unterhält, weiß, dass deren Sprache durch viele entsetzliche Erlebnisse geprägt ist. Damit flapsig oder sarkastisch umzugehen, mag eine Art Selbstschutz sein. Aber es ist erstaunlich, dass diese Sprache nicht einmal auffällt, sondern sogar noch unkritisch von denen weiter verbreitet wird, die sich den Schutz der Opfer auf die Fahnen geschrieben haben.

Hecheln beim Menschen gibt es allerdings auch. In der Geburtsmedizin. Passt hier aber auch nicht. Trotz der vorangegangenen Zangengeburt…

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Kommentare zu „NSU-Prozess: Zangengeburt und hechelndes Opfer“

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Dietmar Walther
    schreibt am 9. Juli 2013 21:38 :

    Das mit dem hecheln hat mich spontan beim Lesen der Agenturmeldungen auch gestört. Allerdings sollte man nicht voreilig den Stab brechen. Solche Begriffe werden mitunter regional abweichend verwendet, so dass ich es für gut möglich halte, dass der Polizist es nicht despektierlich meinte. Der Duden führt hecheln durchaus als synonym mit japsen und röcheln:

    > http://www.duden.de/rechtschreibung/japsen
    > http://www.duden.de/rechtschreibung/roecheln

    Wobei der eigene Eintrag zu „hecheln“ völlig unbrauchbar ist, weil er die übliche Bedeutung des Wortes gar nicht abdeckt.

  2. Sebastian
    schreibt am 10. Juli 2013 08:01 :

    Als saarländisch Sozialisiertem ist mir hecheln allerdings auch als ein Synonym für schnelles Atmen im Zusammenhang mit körperlicher Erschöpfung geläufig…

  3. iuris
    schreibt am 10. Juli 2013 11:47 :

    Googeln hilft: 6.000 Treffer für „Hecheln Bei Säugling“. Vollkommen normaler Sprachgebrauch.

  4. AiA
    schreibt am 10. Juli 2013 12:25 :

    Mein gott, worüber man sich alles aufregen kann.

    Die Welt wird wahrscheinlich erst dann gut, wenn politisch spektakuläre Prozesse durch ein Geschworenengericht, besetzt aus Journalisten der ARD (Monitor- und Panoramaredaktion), des Spiegel und der SZ, abgehandelt werden …

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