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20 Jahre nach Bad Kleinen: Die Verantwortlichen erzählen

21.06.2013, von

Portrait "Alexander von Stahl"

Portrait „Alexander von Stahl“

Am Montag Abend läuft im Ersten die Dokumentation „Zugriff im Tunnel“ von Egmont R. Koch, an der ich in den vergangenen Monaten mitgearbeitet habe. Der Film rekonstruiert die Ereignisse im Juni 1993: Beim Versuch, Mitglieder der RAF-Kommandoebene festzunehmen, starben der Polizeibeamte Michael Newrzella und der RAF-Terrorist Wolfgang Grams

Doch dass dieser Einsatz trotz einer wochenlangen Vorbereitung derart schief lief, ist nur ein Teil der Tragödie von Bad Kleinen. Hinzu kam, dass nach dem Einsatz zahlreiche Fehler und Dummheiten begangen wurden, die aus der tragischen Panne eine Staatskrise machten. Dazu äußern sich in dem Film viele der damals Verantwortlichen erstaunlich offen. So der damalige BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert, der polizeiliche Einsatzleiter Rainer Hofmeyer, der später ermittelnde Leitende Oberstaatsanwalt Gerrit Schwarz und Generalbundesanwalt Alexander von Stahl.

Von Stahl erfuhr einige Wochen vor der Aktion auf einer Wanderung im Schwarzwald von den neuen Entwicklungen: Nach seiner Erinnerung rief ihn der rheinland-pfälzische Justizminister an und bat ihn und den BKA-Präsidenten zu einer dringenden geheimen Sitzung nach Mainz. Dort wurde mitgeteilt, dass es dem rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz gelungen sei, einen V-Mann an die RAF-Kommandoebene „heranzuspielen“, und dass dieser V-Mann sich Ende Juni 1993 mit der Terroristin Birgit Hogefeld in Bad Kleinen treffen wolle. Das sei „eine Sternstunde“ gewesen, erinnert sich der damalige BKA-Präsident Zachert an das Treffen. Eine mögliche Festnahme schien geradezu als Glücksfall – denn das BKA hatte zu dieser Zeit keine Spur zu den Anführern der RAF.

Akribisch begann man beim Bundeskriminalamt mit der Vorbereitung. Chef („Polizeiführer“) war der „Abteilungspräsident Terrorismus“ beim BKA, Rainer Hofmeyer. Ihm standen Spezialisten von vielen Behörden zur Verfügung, darunter das „Mobile Einsatzkommando“ MEK des BKA (damals TE34 unter der Leitung von Kriminaldirektor Jürgen Peter), die Spezialeinheit GSG9 und die Polizeihubschrauberstaffel des Bundesgrenzschutzes. Ausführlich erkundete man Bad Kleinen und besonders den Bahnhof. Versteckte Kameras und Mikrofone in Mülleimern, lackierte sogar ein Boot des Bundesgrenzschutzes um, damit es als scheinbar ziviles Boot auf dem nahen Schweriner See als Funkrelais dienen konnte. „Geld spielte keine Rolle“, sagt Kriminaldirektor Peter im Rückblick. Die Operation bekam den Namen „Weinlese“. Man wollte die Ernte einfahren.

Allerdings wurde allen Beteiligten schnell klar, dass ein Zugriff auf dem Bahnhof Bad Kleinen keine gute Lösung war. Er war zu klein, zu verwinkelt und unübersichtlich. Es gehört zu den tragischen Fakten dieses Einsatzes: Was am Ende passierte – der Zugriff am Bahnhof – war von Anfang an als ungeeignet erkannt worden. Und wurde später trotzdem so durchgeführt.

Tatsächlich kamen Birgit Hogefeld und der V-Mann Klaus Steinmetz am 24. Juni 1993 in Bad Kleinen an und reisten mit dem Zug nach Wismar und dann nach Bad Wendorf weiter. Das BKA und die GSG9 hinterher – unter anderem als Techniker des „Motorola-Konzerns“ getarnt. Die „Zielpersonen“ bezogen eine Ferienwohnung – das BKA observierte aus dem Nachbarhaus. Mit einem Trick waren zuvor die Bewohner heraugelockt worden: Ein fingiertes Fernsehteam erklärte der Familie, sie habe bei der „Rudi Carrell Show“ eine Reise gewonnen. Die GSG9 ging in Position – der Zugriff sollte am Morgen des 27. Juni stattfinden.

Doch nur Minuten vor der geplanten Festnahme hörten die Beamten über ein verstecktes Mikrofon, dass Hogefeld und Steinmetz weitere Personen treffen wollten. Kamen also noch mehr Terroristen? Der Zugriff wurde abgeblasen, die beiden weiter verfolgt. Sie fuhren – ausgerechnet – zurück zum Bahnhof Bad Kleinen. Und trafen dort tatsächlich Wolfgang Grams.

So kam es doch zum Zugriff im Bahnhof, den eigentlich keiner wollte.

Wahrscheinlich hätte er klappen können: Die GSG9 entschied sich, die drei Personen in der Unterführung des Bahnhofs schlicht zu überrennen. Man wollte die „Schrecksekunde“ ausnutzen. Doch dann kam es zu Missverständnissen zwischen den Beamten. Sie stürmten auf die Gruppe los – und Wolfgang Grams hatte genug Zeit zu fliehen. Er rannte auf einen Bahnsteig und schoss auf die folgenden Beamten – die weder ihre Waffen gezogen, noch Schutzwesten an hatten. Weil sie sich ihrer Sache sehr sicher waren. Michael „Shorty“ Newrzella starb. Wolfgang Grams erschoss sich, nachdem er vom Bahnsteig auf ein Gleis gestürzt war.

Erster Notarzt vor Ort war Minuten später Dr. Albrecht Schönfelder. Er hatte Dienst auf dem Rettungshubschrauber – und wunderte sich beim Landeanflug, dass bereits Hubschrauber am Bahnhof standen. Vermummte und bewaffnete Männer hätten die Tür des Hubschraubers aufgerissen und ihn zum Bahnsteig gebracht, erzählte er mir, als ich ihn im Winter in der Schweiz traf. Dort arbeitet er heute. Seit fast zwanzig Jahren habe ihn niemand mehr auf diesen vielleicht bemerkenswertesten Einsatz seines Lebens angesprochen, sagte er. „Was ist denn hier los?“, fragte er damals die vermummten Männer. „Hier ist Gut gegen Böse – und wir sind die Guten“, habe die Antwort gelautet. Schönfelder gelang es zwar, Michael Newrzella soweit zu stabilisieren, dass er noch in eine Klinik geflogen werden konnte. Doch dort verstarb er. Ein zweiter Notarzt versuchte, Wolfgang Grams zu retten. Das Bild des intubierten Terroristen wurde zum Symbol der folgenden Diskussion.

Denn bald kam das Gerücht auf, GSG9-Beamte hätten Grams erschosssen. Eine Augenzeugin wollte das gesehen haben. Ihre Aussagen waren wiedersprüchlich – doch der Journalist Hans Leyendecker behauptete im SPIEGEL einige Tage später, ihm habe sich ein Beamter anvertraut, der diese Version bestätigte. Später hat sich Hans Leyendecker für seinen Artikel bei den Beteiligten entschuldigt. Auch die Staatsanwaltschaft Schwerin fand keine Beweise für die Mordthese.

Doch in den aufgeregten Tagen des Sommers 1993 trat Bundesinnenminister Rudolf Seiters zurück. Er will diesen Schritt bis heute als Versuch gewertet wissen, die Situation zu beruhigen. Andere Beteiligte, wie die Polizisten Zachert und Hofmeyer, aber auch Generalbundesanwalt von Stahl, haben den Eindruck, dass er das Gegenteil erreicht hat. Rainer Hofmeyer bringt es für sich auf den Punkt: „Der Staat hat es zur Krise gemacht“.

Der Generalbundesanwalt muss gehen. Justizministrin Leutheusser-Schnarrenberger entlässt ihn. Von Stahl reagiert auf den Rauswurf subtil: Für die „Ahnengalerie“ in der Bundesanwaltschaft, in der Ölgemälde aller ehemaligen Generalbundesanwälte hängen, lässt er sich nicht wie seine Vorgänger in roter Robe malen. Hemdsärmelig posiert er. In den verschränkten Armen die SPIEGEL-Ausgabe, die mit einem sachlich falschen Bericht seinen Rauswurf ausgelöst hat.

„Zugriff im Tunnel“ von Egmont R. Koch, Montag 24. Juni 2013 um 23:30 Uhr im Ersten

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Kommentare zu „20 Jahre nach Bad Kleinen: Die Verantwortlichen erzählen“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Phonomatic
    schreibt am 21. Juni 2013 21:28 :

    ich lesen Ihren Artikel frühstens Montag nach der Doku 🙂
    Danke für den Tip, ich gucke bestimmt.

  2. MH
    schreibt am 22. Juni 2013 16:53 :

    Wenn man Herrn Leyendecker heute auf sogenannte Verschwörungstheorien, auf staatliche Mitwirkung an Morden (NSU, „Selbstmorde“ von RAF-Terroristen) oder Widersprüchlichkeiten in offiziellen Darstellungen zu staatlichen Übergriffen anspricht, so reagiert er extrem abweisend, völlig uninteressiert und verlässt fluchtartig die Gesprächssituation.
    Er hat sich damals für seinen Artikel entschuldigt, Besserung gelobt, und seitdem nie wieder unseren Staat und das Handeln seiner Sicherheitsbehörden ernsthaft in Frage gestellt. Alles ist gut, war immer gut und wird und kann auch gar nicht anders als gut sein. Dafür behält man dann seine Aufträge und erhält exklusive Informationen von den Sicherheitsbehörden.
    Ich bin davon überzeugt, dass Wolfgang Grams getötet wurde, aus Wut und im Affekt, völlig nachvollziehbar und verständlich, wenn man berücksichtigt, dass der Terrorist direkt zuvor genauso mitleidlos auf die GSG9-Beamten geschossen und dabei einen Kollegen des späteren „Schützen“ tödlich getroffen hat.
    Was wäre aus Herrn Leyendecker wohl geworden, wenn der ansonsten bemerkenswerte Journalist keinen Rückzieher gemacht und seinen Informanten nicht geschützt hätte? Was passiert mit einem GSG 9- Beamten, der sein Gewissen erleichtern möchte und dabei zum Nestbeschmutzer wird?
    Es ist davon auszugehen, dass Herr Leyendecker nie wieder einen Job bei einer seriösen Zeitung erhalten hätte. Beweise für eine Mordthese können nicht gefunden werden, wenn diese vorher von fachkundigen Personen systematisch beseitigt wurden. Die Mordthese hätte weder widerlegt noch bewiesen werden können. Und das ist bis heute so geblieben.

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