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Offenbar weiterer NSU-Anschlag aufgedeckt: Die Nürnberger „Taschenlampenbombe“

11.06.2013, von

Mit aller Vorsicht: Offenbar hat Carsten S. heute bei der Fortsetzung seiner Aussage im NSU-Verfahren einen weiteren Anschlag der Gruppe aufgedeckt. Es wäre die erste bislang bekannte Gewalttat nach dem Untertauchen des Trios: Eine zur Bombe umgebaute Taschenlampe, die 1999 in einer türkischen Gaststätte in Nürnberg explodierte, ein 18jähriger Türke wurde mittelschwer verletzt. Der Fall passt exakt zu den Schilderungen von Carsten S. heute in der Hauptverhandlung. Zynisch gesprochen qualifiziert die Tat ein weiterer Umstand dazu, zum NSU zu passen: Die Ermittlungsbehörden in Nürnberg kamen nicht auf die Idee, sie könne ausländerfeindlich gewesen sein. Damlas nicht und 2011 nicht. Nun sind alle ratlos und suchen hektisch nach Erklärungen.

Carsten S. schilderte es so: Es sei ein Gespräch mit den beiden Uwes (Böhnhardt und Mundlos) gewesen, das er in die Zeit zwischen März und Juni 2000 datierte. Er habe sie getroffen, um die besorgte Waffe (Ceska) zu übergeben. Später sei Beate Zschäpe dazugekommen. Soweit hatte Carsten S. es schon vergangene Woche berichtet. Doch heute, nachdem er „in sich gegangen“ sei und nun „alles auf den Tisch packen“ wolle, ging die Geschichte noch weiter.

„Sie haben gesagt, dass sie in Nürnberg in irgendeinem Laden eine Taschenlampe hingestellt haben“, erinnerte S. sich an das Gespräch mit den beiden Uwes. Und dann, meiner Mitschrift nach: „Wusste nicht, was die meinen… Dann kam die Frau Zschäpe und dann haben sie gesagt „pscht!“, dass sie das nicht mitbekommt… Später im Bett kam der Gedanke, dass die da vielleicht Sprengstoff eingebaut haben“. An dieser Stelle heult Carsten S. auf. Und sagte weiter: „Das konnte ich mir nicht vorstellen, das habe ich weggedrängt, das war jetzt neu, Ausnahme habe ich mir gesagt. Vielleicht Lebensmittelladen. Oder nur Laden“.

Was will er uns sagen, fragten wir uns im Zuschauerraum. Die Schilderung, vor allem aber der Zeitpunkt passte nicht zu den bekannten Taten. In den Pausen recherchierten wir – und nach meinem Eindruck waren es die Kolleginnen und Kollegen des Stern, die zuerst den Anschlag in Nürnberg entdeckten. Alles passte.

Parallel liefen die Drähte der Ermittlungsbehörden heiß. Zwar hatte Carsten S. den Anschlag noch nie erwähnt. Trotzdem hätte er auffallen können. Denn alle Landesstaatsanwaltschaften hatten nach dem Auffliegen der Zelle gelobt, alle Banküberfälle, Sprengstoffanschläge und in Frage kommenden Tötungsdelikten auf NSU-Bezüge zu überprüfen. Am Abend wurde dann klar: Die Nürnberger Staatsanwaltschaft oder ihr Generalstaatsanwalt haben den Fall nach November 2011 nicht als Verdachtsfall vorgelegt. Und es gibt auch eine These, warum. Die Akten könnten längst vernichtet worden sein, weil es keine schweren Verletzungen und keine Mordermittlungen gegeben hat.

Und das „Pscht!“ zu Beate Zschäpe? Entlastet sie es, wenn man S. glaubt? Nicht unbedingt. Man kann es so werten, dass Zschäpe nichts wissen sollte. Man kann aber auch sagen: Die beiden Uwes haben vor Carsten S. mit der Tat angegeben und das vereinbarte Schweigen gebrochen. Das sollte Beate Zschäpe nicht erfahren. Beides scheint möglich. Warten wir den weiteren Gang der Dinge ab.

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