. .

NSU-Prozess: Bockwurst war kein Feindbild

05.06.2013, von

Heute ist der zweite Tag, an dem der Angeklagte Carsten S. im NSU-Prozess Angaben zur Sache macht. Er gibt sich offen, erzählt aus seinem Leben, beantwortet scheinbar vorbehaltlos die Fragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl. Und doch wirken die Angaben seltsam lückenhaft. Es scheint, als fehle S. an besimmten Stellen die Empathie, die Fragen des Vorsitzenden wirklich zu verstehen. Oder weicht er aus? Trotzdem entsteht durch seine Aussagen ein bedrückendes Bild der rechten Szene in Thüringen Ende der 1990er Jahre.

Er habe sich stark gefühlt unter den Neonazi-Kameraden, erzählte S. War er in der Schule noch „gemobbt“ worden, und fühlte er sich sowieso unwohl in seiner Haut, weil er „etwa im Alter von 13“ erkannt hatte, dass er wohl eher auf Jungs stehe, so sei das mit den Kameraden anders gewesen. „Da haben mich dann plötzlich sogar die gegrüßt, die in der Schule gemobbt haben“, berichtete S. Man habe sich getroffen, viel getrunken, Party gemacht und Dinge angestellt. So hätten sie damals unter anderem nachts einen mobilen Dönerstand („Ein Wagen mit zwei Rädern“) umgeworfen und bei einem anderen Dönerstand die Scheiben eingeworfen. Rechte Musik habe eine große Rolle gespielt. Die CD der „Zillertaler Türkenjäger“ habe er so gut gefunden, dass er sie sich bald selbst gekauft habe.

S. schilderte einen fast schon spießigen Alltag der Neonazis. So habe man sich auch bei ihm zu Hause getroffen, wenn seine Eltern nicht da waren und er „sturmfrei hatte“. Bei einer Gelegenheit seien auch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu ihm gekommen. Er erinnere sich deswegen gut daran, weil er „Plaste-Tüten gesucht“ habe, die sie sich über die Springerstiefel ziehen mussten – um Mutterns Teppiche zu schonen.

Zu einem gelungenen Wochenende habe immer auch die Konfrontation mit der Polizei gehört. So habe man „Cop-running“ gespielt: Wenn man einen Streifenwagen gesehen habe, sei man „wie wild“ in die andere Richtung gerannt und habe sich daran erfreut, wenn die Polizei das Blaulicht angemacht habe und ihnen hinterher gefahren sei. „Zu einem guten Wochenende gehörte eine Durchsuchung, so war das halt“.

Irgendwann sei von Ralf Wohlleben und André K. von ihm verlangt worden, dass er den Kontakt zu dem untergetauchten Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe halte. Denn K. und Wohlleben wähnten sich – wohl zu Recht – unter Beobachtung. Also habe S. alle 14 Tage eine Mailbox abgehört und ggf. telefonischen Kontakt zu dem Trio aufgenommen und sich teilweise auch mit ihnen getroffen. Bei einem dieser Treffen sei dann eine „deutsche Waffe mit Munition“ verlangt worden. Er habe dies Ralf Wohlleben berichtet und dieser habe ihm gesagt, wo er die Waffe besorgen solle. Auch das Geld sei von Wohlleben gekommen.

Die Waffe habe er dem Trio in Chemnitz übergeben. Mit dem Zug sei er dort angekommen, Böhnhardt und Mundlos hätten ihn am Bahnhof abgeholt – allerdings zunächst von ihm verlangt, dass er sein „ACAB„-Shirt ausziehe. Dann habe man in einem Einkaufszentrum Beate Zschäpe getroffen und sei dann ohne sie weiter zu einem Abbruchhaus gegangen. Dort habe er den beiden Uwes die Waffe übergeben – einer der beiden habe sie sich dann hinten in den Hosenbund gesteckt.

Was er sich dabei gedacht habe, wollte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mehrfach wissen. S. blieb erstaunlich vage. Er habe bei den beiden Uwes „ein gutes Gefühl“ gehabt, es sei richtig gewesen, ihnen im Untergrund zu helfen. Gutes Gefühl? Was das genau bedeuten soll, wurde nicht klar. Auch an anderen Stellen mühte sich der Vorsitzende redlich, des Angeklagten politische Einstellung und Denkweise über Ausländer  in Erfahrung zu bringen. Von S. kam nicht viel – vor allem aber keine Emotionen. Ausländerhass? Feindbilder? Politische Vorstellungen bei seinen Kontakten zu NPD und JN? Fehlanzeige. Es kamen nur eratische Sätze wie „Wenn es keine Döner- sondern eine Bockwurstbude gewesen wäre, hätten wir sie wohl nicht umgeworfen“.

Aber wie passt das zu seinem späteren Lebensweg? Wie kann jemand erfolgreich das Studium der Sozialpädagogik absolvieren, Aids-Beratungs- und Jugendhilfeprogramme aufbauen, ohne die dafür nötige Empathie zu haben und entsprechende Lebenssituationen reflektieren zu können?

Am Nachmittag wird die Befragung fortgesetzt. Doch bis zur Stunde bleiben viele Fragen offen.   

 

LinkARENAStudiVZShare

Kommentare zu „NSU-Prozess: Bockwurst war kein Feindbild“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Phonomatic
    schreibt am 5. Juni 2013 14:30 :

    Ein anderes Bild

    für mich, der damals nahe Jena gelebt hat, und sich auch aus dem Gefühl einer mangelnden „Normalheit“ für das Gegenteil entschieden hat, nämlich klar seine Meinung zu diesem Nazi-Scheiß zu sagen, gleichwohl es für mich äußerst unangenehme Folgen hatte …

    für mich ist Carsten S. bisher wohl der Angeklagte, den ich am besten verstehen kann. Ich habe mich bis zur Aufklärung dieser scheußlichen Verbrechen oft selber gefragt, ob ich mich nicht anpassungsfähiger hätte zeigen sollen – so wie es Carsten S. wohl offensichtlich getan hat.

    Empathie kann man in gewissen Dingen nur entwickeln, wenn dem innerlich nichts entgegensteht – bei einem Menschen, der in einer Zwangslage als Kind zum Selbstschutz den Tanz mit dem Teufel wählte, kann man das nicht verlangen. Natürlich empfand er das mit 13 nicht als Zwangslage – solche Entscheidung trifft ein 13jähriger aus dem Bauch, die sind unbewußt, und ohne einen Erfahrungshintergrund. Es ist schließlich die Phase, in der man sich gerade erst vom Elternhaus abkoppelt und sich ein eigenes Leben aufbaut.

    Wenn ich darüber nachdenke, was bei mir alles hochkam mit dem NSU, obwohl ich mir heute sagen kann, dass ich damals das Richtige getan habe – dann möchte ich nicht wissen wie es Carsten S. ergangen ist.

    Dieser muss sich in mehrfacher Hinsicht damit auseinandersetzen, bei den Taten und Ihrer Verheimlichung eine aktive Rolle gespielt zu haben. Eine Schuld, die umso schwerer anzunehmen ist … Carsten S lebte seit über 10 Jahren ein Leben, das im Kontrast zu seiner einstmals gelebten Lebensauffassung steht.

    PS: Wer mit Sozialarbeitern beim Jugendamt zu tun hat, weiß genau, dass die wunderbar ohne jede Empathie auskommen.

  2. Phonomatic
    schreibt am 5. Juni 2013 14:38 :

    Der gefährliche rechte Sumpf in Thüringen

    es war doch ziel, die jungs im Alter von 13-14 zu politisieren. Das war kurz vor dem Thema WW2 in der Schule, man konnte den Kids jeden Müll erzählen damit sie dem Unterricht keinen Glauben schenkten, ja ihn lächerlich machten. Die Gruppenstruktur der rechten Szene fesselte die Kids geradezu an die Szene, auch hemmungslos über Gewalt, und wirkte so tief in ihnen, dass die meisten von mitte 10 bis mitte 20 (so wie Carsten S.) überhaupt nicht mehr drüber nachdachten, wie sie innerlich zu dieser Szene stehen. Die gewalt der Halbwüchsigen haben sich die Rechten zu nutze gemacht, um eine Umfeld unter den Jugendlichen zu erzeugen, dass wie in Jena, die Menschen zwang sich zu politisieren. Wenn man immer wieder gefragt, politische Gesinnung immer wieder thematisiert, und mann immer wieder unmisverständlich gesagt kriegt, wie man zu sein hat, ist das für Jugendliche eine Situation, der sie nicht mehr entkommen können. Lange dauert es, bis ein so Gehirngewaschener mal seine Lage reflektiert. Meist merkt er dann erst, wie aussichts- und hoffnungslos das Leben als ewiger Mitläufer ist, wenn er schon längst dazu benutzt wurde, taten zu vollbringen die ihn an diese Verbrecherische Szene binden, ob er sich selbst noch zugehörig fühlt oder nicht. Die einzige Chance wieder auf die Füße zu kommen, der Ausgrenzung und der Rache zu entgehen, ist der Umzug, die Flucht vor der Heimat. So war es auch bei mir mal.

Schreibe einen Kommentar

*

Letzte Tweets von @terrorismus

  • ‼️ Der Generalbundesanwalt hat das Ermittlungsverfahren im Mordfall #Lübcke übernommen. Das hat mir ein Sprecher de… https://t.co/m8P36X6SeM
    vor 1 Woche
  • "Alleinbeteiligt" ist auch so ein Wort aus dem Polizeisprech, auf das sprachsensible Menschen getrost verzichten können...
    vor 1 Woche
  • @Ispiess @bundeswehrInfo @PP_Rheinpfalz Private Drohnen hätten wohl so hoch gar nicht fliegen dürfen - es war eine… https://t.co/7w7vWYHol9
    vor 1 Woche
  • Gefährliche Situation im Kreis #Kaiserslautern: Tornado der @bundeswehrInfo begegnet im Tiefflug #Drohnen der… https://t.co/fCLLoW5cXa
    vor 1 Woche
  • Der @KuehniKev in aller Munde: Während Thomas Oppermann im @Tagesspiegel meint, Kühni solle lieber noch 10 Jahre… https://t.co/nhTG5Bhvf4
    vor 2 Wochen

Archive

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019