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Verena Beckers Festnahme als Theaterstück

03.05.2013, von

Cafe Hanser in Singen 1977

Cafe Hanser in Singen 1977

Alles begann heute vor 36 Jahren im Polizeirevier von Singen am Bodensee mit dem Hinweis einer Rentnerin: „Im Café Hanser sitzen zwei Terroristen beim Frühstück“ soll sie am 3. Mai 1977 sinngemäß zu den Beamten gesagt haben.  Die Dame hatte Recht – auch wenn die beiden nicht die Terroristen waren, die sie erkannt zu haben glaubte. Es waren die RAF-Mitglieder Günter Sonnenberg und Verena Becker. Doch beide bewiesen starke Nerven, lockten die Polizisten aus dem Café zu ihrem angeblich in der Nähe geparkten Auto und schossen einige Straßen weiter unvermittelt auf die beiden jungen Polizisten. Der Beamte Wolfgang Seliger überlebte nur knapp – dank seiner guten Kondition. Die äußerlichen Wunden von damals sind bis heute für jeden zu sehen, Wolfgang Seliger hat unter anderem einen Finger verloren. Und die psychischen Folgen?

Für die psychischen Folgen interessiert sich der Konstanzer Rechtsanwalt und Autor Gerd Zahner. Er hat ein Theaterstück geschrieben: „In den Wiesen der Aach“ lautet der Titel und meint den Ort, an dem Verena Becker und Günter Sonnenberg nach einer längeren Verfolgungsjagd schließlich überwältigt wurden.

Zahner fasziniert das Zusammentreffen von Terroristin Becker und Polizist Seliger – und die Meta-Ebene, die für Seeliger durch die Teilnahme an einer filmischen Rekonstruktion des Bundeskriminalamts einige Jahre später entstanden ist (das Originalvideo steht hier in der rechten Spalte!). Ein Phänomen, das im Polizeialltag nicht selten vorkommt: Wenn Ermittler selbst zu Opfern werden, geraten sie manchmal in eine extrem belastende Situation. Ihre uneingeschränkte Mitarbeit wird erwartet, denn gerade sie müssten doch wissen, worauf es ankommt. Doch auch Polizisten können als Opfer unter Ängsten, Schock, Vergessen und Verunsicherungen leiden, die dann zu einer noch größeren Belastung werden können, wenn sie eben nicht exakt erinnern, was wie gewesen ist. Zum Beispiel Martin A., der Streifenpartner von Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn ermordet wurde. Aus den Ermittlungsakten zum Mordfall Kiesewetter lässt sich erahnen, in welchen Nöten und Verzweiflung ihr Kollege Martin A. (wahrscheinlich bis heute) steckt, weil er sich nicht mehr an die Minuten vor der Tat und an die Täter erinnern kann. Weil er also bei der Aufklärung der Ermordung seiner Kollegin und dem Mordversuch an ihm selbst nicht helfen kann, obwohl doch genau das seine sonstige Rolle ist.

Wolfgang Seliger hatte zumindest dieses Problem nicht. „Für mich war das kein Problem“, sagte er mir, aber er ist gespannt, was Zahner aus dem Stoff gemacht hat. „Das ist künstlerische Freiheit, damit habe ich kein Problem“, sagt Seliger, der heute Abend an einer Lesung des Stückes im Cafè Hanser teilnimmt. In seinem Fall endete 1977 die Verfolgungsjagd, Becker und Sonnenberg wurden schwer verletzt festgenommen. Seeliger wusste also stets, wer ihn fast getötet hat. Doch in welche Bedrängnis mag er durch die Rekonstruktion des BKA gekommen sein, bei der Seeliger seinen eigenen Beinah-Tod spielen sollte? Darüber spekuliert das Stück von Gerhard Zahner, der Autor legt aber Wert auf die Feststellung „natürlich ist diese Geschichte frei erfunden. Sie ist nicht wahr. Zufälligkeiten sind Zufälligkeiten“. Und so sagt der Polizist in Zahners Erfindung:

„Ich soll meine Erinnerung wie ein Jojo werfen und es wieder einfangen, als hinge mein Leben noch einmal an einem dünnen Faden. Ich soll es spielen: Wie Sonnenberg mich abgeschossen hat und die Becker den Kollegen abgeschossen hat. Schwer zu verstehen, dass ich das nicht will.“

Wolfgang Seliger kann darüber schmunzeln: „Das ist künstlerische Freiheit – ich hatte diese Gedanken nicht“, sagt er. Trotzdem bleibt das Ereignis, die Schiesserei heute vor 36 Jahren für ihn und seine Kollegen sehr präsent. Er feiert den Tag heute als zweiten Geburtstag, denn sein Leben hing nach den schweren Schussverletzungen einige Tage an dem sprichwörtlich seidenen Faden. Angeblich lag übrigens der ebenfalls schwer verletzte Terrorist Günter Sonnenberg unmittelbar neben ihm im Krankenhaus, nur durch eine Stoffwand getrennt.

Darüber wird Wolfgang Seliger heute Abend sicher wieder mit den Kollegen sprechen. Und auch darüber, was es seit dem Urteil gegen Verena Becker im vergangenen Jahr für neue Spekulationen um den Fall gegeben hat. Auch davon handelt das Stück von Gerd Zahner. Doch für die „Veteranen“ der Singener Polizei ist das eher Nebensache. Für sie steht die Erinnerung an den vielleicht härtesten Einsatz ihres Berufslebens im Fordergrund. Und „darauf gibt es heute Abend ein Glas Sekt“, lacht Seliger.

Gerd Zahner freut sich auf die Lesung im Café Hanser. Es ist in jeder Hinsicht eine Premiere. Für sein Stück, aber auch, weil bislang mehrere Fernsehteams vergeblich versucht haben, für Dokumentationen zur RAF in dem Café zu drehen, und seine Lesung nun auch in dieser Hinsicht eine Premiere ist.

Als Anwalt hatte Gerd Zahner übrigens nie mit der RAF zu tun. Dafür wird er vielleicht noch im „NSU-Prozess“ eine Rolle spielen. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die soll ein anderes Mal erzählt werden…

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