. .

Vater Gelowicz: Nachwort zum Jihad

18.01.2013, von

Der Sozialwissenschaftler und Autor Martin Schäuble hat mit „Black Box Dschihad“ 2011 ein beachtenswertes Buch geschrieben, in dem er die Lebenswege von zwei „Gotteskriegern“ nachzeichnet: Er beschreibt Daniel Schneider von der Sauerlandgruppe und Sa’ed aus Nablus in den Palästinensergebieten. Ich habe das Buch hier besprochen.

In der kommenden Woche erscheint „Black Box Dschihad“ als Taschenbuch – mit einem bemerkenswerten Nachwort von Manfred Gelowicz, dem Vater von Fritz Gelowicz.

Ursprünglich wollte Martin Schäuble nicht Daniel Schneider, sondern Fritz Gelowicz portraitieren, wie er mir im Laufe des „Sauerland-Verfahrens“ vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf erzählte. Wir waren beide regelmäßige Prozessbeobachter. Martin erzählte, wie er 2007 / 2008 seine Recherchen begann und zunächst nach Ulm reiste, um Kontakt zu Familie Gelowicz zu bekommen. Doch die (geschiedenen) Eltern wollten nicht mit ihm sprechen. Martin erzählte mir damals eindrücklich, wie er Manfred Gelowicz, den Vater, in seiner Firma besuchte und ihm von seinem Projekt erzählte. Herr Gelowicz habe damals sehr ratlos gewirkt – sei aber nicht bereit gewesen, über seine Sicht der Dinge zu sprechen.

Martin Schäuble reiste damals weiter in das Saarland. Auch bei Familie Schneider stieß er zunächst auf Ablehnung. Doch durch Hartnäckigkeit und viele Gespräche konnte sein Buch schließlich rund um Daniel Schneider entstehen. Offenbar hat es Manfred Gelowicz gelesen – und es hat ein Nachdenken ausgelöst.

Sein Nachwort ist nur zweieinhalb Seiten lang. Aber die haben es in sich. Anders als vor Gericht oder in späteren TV-Interviews zeigt es neben seiner Ratlosigkeit über das Geschehene eine Einsicht in die eigene Rolle als Vater und in die Entwicklung seines Sohnes Fritz.

Die Frage, ob er als Vater versagt habe, beantwortet Manfred Gelowicz in dem Text klar mit „Ja!“. Unter anderem, weil er seine Arbeit zu wichtig genommen habe. Und ebenso deutlich spricht er die Scheidung von der Mutter von Fritz an: Man habe sich selbst zu wichtig genommen – auf Kosten der Kinder. Und dann, als er den Weg seines Sohnes Fritz zu einem immer radiakleren Islam bemerkte, habe er irgendwann die Diskussionen aufgegeben: „Da wollte ich nicht ständig mit ihm argumentieren, immer gegen ihn halten und gegen seine immer radikaleren Ansichten. Das war ein Fehler.“

Besonders beeindruckt hat mich aber die Erkenntnis, dass es nicht der Islam war, der seinem Sohn zum Verhängnis wurde. Manfred Gelowicz schreibt: „Mein Sohn fand zunächst zum gemäßigten Islam. Er hatte sich als Muslim schnell verändert: zum Positiven. Das ging über Jahre gut.“ Doch dann hätten ihn Radikale verführt. Nach allem, was im Prozeß zur Sprache kam, ist das eine richtige Einschätzung. Doch – gerade für den Vater – wäre die pauschale Verdammung des Islams nicht gerade überraschend gewesen.

Wer die Wege der jihadistischen Radikalisierung junger Menschen in Deutschland verstehen will, für den ist das Buch von Martin Schäuble durch den Text von Manfred Gelowicz noch wertvoller geworden. Vater Gelowicz formuliert es so:

„Ich wünschte mir, dieses Buch wäre vor zehn Jahren geschrieben worden. Vielleicht hätte ich dann meinen Sohn vor dem Weg in den militanten Islamismus bewahren können“.

Martin Schäuble: „Black Box Jihad: Daniel und Sa’ed auf ihrem Weg ins Paradies“. dtv Taschenbuch, 9,95 Euro.

 

 

LinkARENAStudiVZShare

Schreibe einen Kommentar

*

Letzte Tweets von @terrorismus

  • @andreaspetzold @szmagazin @SZ Wirklich verdient!! Nicht nur, weil 438 Tage unsachliche Formulierungen wie „dem Bös… https://t.co/oFZYa966d4
    vor 12 Stunden
  • @WiebkeRamm Hamdulillah! 🎉🏅🥂
    vor 13 Stunden
  • @DB_Bahn Das ist wichtig! Aber das Wort ist etwas sperrig...
    vor 3 Tagen
  • Wundert mich nicht. War ja auch klasse: lebendig, spannend und Gänsehaut, wenn sich der Präsident @BVerfG glaubhaft… https://t.co/B7Sh8gDYXq
    vor 3 Tagen
  • Was wohl eine Überfahrbrücke IN einem Zug ist? @DB_Bahn https://t.co/pnUR2RMR2Q
    vor 3 Tagen

Archive

 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019