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Stammheim: Vier Patronen und das Elefantentreffen am Nürburgring

18.10.2012, von

Ehemalige RAF-Zelle in Stuttgart-Stammheim

Ehemalige RAF-Zelle in Stuttgart-Stammheim

 „Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden“. Mit dieser Meldung im Deutschlandfunk am frühen Morgen des 18. 10. 1977 ist das Schicksal der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan Carl Raspe besiegelt. Schon Tage zuvor hatte sie gegenüber Polizeibeamten verklausuliert ihren Selbstmord für den Fall angekündigt, dass ihre Befreiung scheitern sollte. Baader und Raspe erschießen sich in ihren Zellen. Die Waffen dafür waren ihnen zuvor über ihre Anwälte zugespielt worden. Gudrun Ensslin erhängt sich, Irmgard Möller versucht, sich mit einem Messer zu töten. Die Nacht geht als die „Todesnacht von Stammheim“ in die Geschichtsbücher ein. Sie jährt sich heute zum 35. Mal – und bislang nicht beachtete Stasi-Unterlagen offenbaren ein ungelöstes Rätsel um vier Patronen aus Polizeibeständen.

Die baden-württembergischen Behörden veranlassen nach dem Fund der Leichen eine Untersuchung. Ärzte aus mehreren Ländern obduzieren die Leichen gemeinsam – von Anfang an soll dem Verdacht entgegengewirkt werden, die Gefangenen könnten in der Haft getötet worden sein. Trotzdem gibt es von Anfang an Spekulationen – teilweise von den Anwälten der Terroristen genährt. Auch wenn es nie ernsthafte Beweise für eine Tötung durch Dritte gab: Die Mythen um die „Nacht von Stammheim“ sind bis heute nicht verstummt. Auch deshalb, weil die offiziellen Akten zu den Untersuchungen bis heute nicht zugänglich sind.

Doch Teile der Akten haben schon damals den Weg zum Staatssicherheitsdienst der DDR gefunden. Und in diesen Akten findet sich ein bis heute ungelöstes Rätsel um die „Todesnacht von Stammheim“: Wie kamen Patronen der Polizei aus Rheinland-Pfalz in die Stammheimer Zelle?

Am 2. Januar 1978, zweieinhalb Monate nach den Selbstmorden, lässt das Landeskriminalamt die Zellen mit Sprengstoff-Suchhunden untersuchen. Die Hunde schlagen an: vier Patronen werden gefunden. Das entsprechende Fernschreiben zwischen LKA und BKA landet auch bei der Stasi der DDR:

Fernschreiben LKA (Quelle: BStU XXII Nr. 1379, S. 179 ff)
„Die in der Zelle von Baader gefundenen 4 Patronen vom Kaliber 9mm Parabellum haben die Bodenprägung men-76-19 und den Natostempel“. Es handelt sich um Behördenmunition. Und es kann auch geklärt werden, woher die Patronen kamen:

„Nach Auskunft des Herstellerwerkes wurden alle Patronen komplett im August 1976 an das Innenministerium Rheinland-Pfalz ausgeliefert“. Die Verwirrung der Ermittler ist komplett: Wie kommen die Patronen von der Polizei Rheinland-Pfalz in die Baader-Zelle? Ein Fragenkatalog an die Polizei wird erarbeitet, doch ein definitives Ergebnis gibt es bis heute nicht.

Insgesamt 395.000 Patronen der gefundenen Art (Fachterminus „das Los“) wurden an Rheinland-Pfalz geliefert. Sie wurden im Land verteilt:

  • 100.000 Patronen an die Bereitschaftspolizei Enkenbach
  • 95.000 Patronen an die Bereitschaftspolizei Wittlich, davon 35.000 an die Bezirksregierung Trier
  • 200.000 Patronen an die Bezirksregierung Neustadt

Doch es gab eigentlich nur eine Gelegenheiten, bei der die Munition abhanden gekommen sein kann, bilanzieren die Ermittler. Die ist allerdings sehr spektakulär: Beim so genannten „Elefantentreffen“ auf dem Nürburgring, eine Mischung zwischen Motorradtreffen und Musikfestival, kommt es im Frühjahr 1977 zu heftigen Krawallen. Das Spezialeinsatzkommando der Polizei Koblenz greift ein, es fallen Schüsse, ein Mensch wird durch einen Querschläger getötet. Es sind tumultartige Szenen – und am Ende fehlen den Beamten Waffen und drei Reservemagazine – mit jeweils neun Patronen der gleichen Art, wie sie später in Stammheim gefunden werden.

Doch wie kamen diese Patronen zu den Terroristen? Wahrscheinlich wird diese Frage ein Rätsel bleiben – so wie es auch für die Stasi der DDR keine Erklärung gab. Das LKA Rheinland-Pfalz schloss den Vorgang mit der Feststellung ab: „Sollten sich nach dem Abschluss der Ermittlungen weitere Hinweise ergeben, wird nachberichtet“. Das ist bis heute nicht passiert. Verschwöungstheoretikern dürfte das gut gefallen.

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Kommentare zu „Stammheim: Vier Patronen und das Elefantentreffen am Nürburgring“

Es sind 9 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. MH
    schreibt am 19. Oktober 2012 16:34 :

    Dadurch, dass in diesem Blog gebetsmühlenartig die offiziellen Lügen zur „Mordnacht“ in Stammheim wiedergegeben werden, werden diese noch lange nicht zur Wahrheit. Der Bruder von Gudrun Ensslin, Gottfried Ensslin, hat jetzt, am 18. Oktober 2012, bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Wiederaufnahme des Todesermittlungsverfahrens zum Tod von Gudrun Ensslin, Jan-Karl Raspe und Andreas Baader beantragt. Motiviert hat ihn hierzu das 2011 erschienene Buch „Die Todesnacht in Stammheim“ von Helge Lehmann. Zumindest könnte sich so zeigen, ob unsere Behörden dazu in der Lage sind, Lehmanns Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung eindeutig und glaubhaft zu widerlegen. Für mich ist dieses Buch mit den darin veröffentlichten Original-Dokumenten und Untersuchungen Teil eines Puzzles, das ein erschreckendes Bild einer extralegalen Hinrichtung als einzig mögliche Erklärung der „Merkwürdigkeiten“ bei den Todesumständen und Ermittlungen zulässt. Dieses bedrückende Gefühl einer sich aufdrängenden entsetzlichen Erkenntnis wurde durch den Eindruck verstärkt, den die am 15. Oktober in 3sat gezeigte Dokumentation „Kulturzeit extra: Stammheim 77/12“ bei mir hinterlassen hat. Die pensionierte Justizvollzugsbeamtin Renate Frede erinnert sich neben einem anderen ehemaligen Wachbeamten aus dem 7. Stock, einem Richter, einem Ermittler und Anwälten an die Vorgänge in Stammheim.
    Beim Betreten ihres früheren Arbeitsplatzes sagt sie „Es macht mir Angst heute…“, „Es hat mich für mein ganzes Leben geprägt, negativ, weil ich sehr sehr misstrauisch gegenüber jedermann bin…“. Sie sitzt auf der Dachterrasse, dem früheren „Auslauf“ für die RAF-Gefangenen: „…kein bisschen Grün, kein bisschen Leben, es ist alles so tot, so grau in grau, … also drei Jahre, nur in diesem Hof, da kann man schon verrückt werden…“.
    Geschmacklos und spöttisch spricht der ehemalige Chef der Soko Baader-Meinhof von „Sonnenbädern“ und einem „fidelen Gefängnis“.
    Die ehemalige Justizvollzugsbeamtin hat geschlafen, als die RAF-Gefangenen gestorben sind. Man habe vorher nochmal an den Zelltüren gelauscht, nach der Nachricht von der Befreiung der Landshut habe „Totenstille“ geherrscht, „nichts zu hören.“ (eine Verabreichung von Schlafmitteln?) Die Todesumstände haben bei ihr deutliche Zweifel hinterlassen: „Da waren vier Schüsse, das muss jemand gehört haben. Aber wir haben nichts gehört.“ Zum angeblichen Selbstmord von Andreas Baader wundert sie sich: „Er hatte die Waffe neben der linken Hand und hatte einen Genickschuss, jeder hat gesagt, das geht doch gar nicht.“
    Wäre es zwingend notwendig gewesen, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die Entscheidung zur Hinrichtung der RAF-Gefangenen 1977 hätte mittragen müssen? Würde man solch eine Entscheidung in der damaligen Krisensituation sowie deren Umsetzung überhaupt als „Verschwörung“ bezeichnen? Eine Täuschung hat es gegeben, nicht auf der Basis von niederen moralischen Motiven, aber rechtsstaatlich untragbar!

  2. Andrea
    schreibt am 25. Oktober 2012 18:54 :

    Die Lüge ist doch dass der Staat immer noch behauptet die Stammheimer hätten sich umgebracht.
    Das dies nicht stimmen kann ist nachzulesen in Helge Lehmanns Buch „Stammheim – eine Untersuchung“.
    Aber offensichtlich wollen die Behörden sich nicht mehr damit auseinander setzen.
    Jetzt wird Stammheim „ausradiert“ indem man es der Abrissbirne aussetzt.
    So kann man sich auch unangenehmer Geschichte „entledigen“. Typisch deutsch eben.

  3. Raymond
    schreibt am 30. Oktober 2012 08:41 :

    Den toten RAF Mitgliedern wird nachgetrauert, doch was ist z.b. mit den von der RAF ermordeten Polizisten ?

    22.10.1971 Norbert Schmid HAMBURG – erschossen bei Festnahmeversuch
    22.12.1971 Herbert Schoner KAISERSLAUTERN – erschossen während Bankraubs
    22.03.1972 Hans Eckhardt HAMBURG – Leiter SoKo „Baader-Meinhof“; bei der Festnahme tödlich verletzt
    07.05.1976 Fritz Sippel SPRENDLINGEN – bei Personenkontrolle erschossen
    07.04.1977 Georg Wurster und Wolfgang Göbel KARLSRUHE – zusammen mit Buback erschossen
    05.09.1977 Heinz Marcisz, Reinhold Brändle, Helmut Ulmer, Roland Pieler KÖLN – bei Schleyer Entführung erschossen
    22.09.1977 Ariane Kranenburg UTRECHT – bei Festnahmeversuch erschossen
    24.09.1978 Hans Wilhelm Hansen DORTMUND – bei Festnahmeversuch erschossen
    01.11.1978 Dionysus de Jong und Johannes Goemanns KERKRADE – bei Grenzübertritt erschossen

    Und nicht zuletzt
    27.06.1993 Michael Newrzella BAD KLEINEN – bei Festnahme erschossen

    Wenn Stammheim Mord war, dann war es ein guter Anfang. Aug‘ um Aug‘, Zahn um Zahn!

  4. MH
    schreibt am 30. Oktober 2012 22:21 :

    An Raymond:
    Diejenigen, die die Exekution der RAF-Gefangenen in Stammheim 1977 beschlossen haben, dachten sicherlich so wie sie. Sie haben Schleyer geopfert, dafür mussten Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Karl Raspe sterben.
    Auge um Auge, Zahn um Zahn, eine Vorgehensweise nach den Grundsätzen der Bibel! Der „religiöse“ Ansatz bleibt aktuell, auch Oberst Klein hatte nach der gezielten Tötung von über 100 Zivilisten bei dem Luftangriff in der Nähe von Kunduz (2009) beschlossen, für seine Opfer zu beten, und wurde dafür zum General befördert…
    Aber weder die Schleyer- noch die Landshut-Entführung gingen auf das Konto der ersten Generation der RAF. Auch die meisten der von ihnen aufgeführten ermordeten Polizisten können nicht von diesen Dreien getötet worden sein. Wer es für sich oder für den Staat als gerechtfertigt ansieht, nach dem Grundsatz der Rache zu handeln, der sollte doch wenigsten folgendes bei solch wenig umkehrbar zu machenden Entscheidungen berücksichtigen:
    Der Grundsatz „ein Leben für ein Leben“ darf nur umgesetzt werden, wenn ein Mord sonst ungesühnt bliebe, der Vollstrecker muss ein Freund oder Familienangehöriger des Opfers sein und niemand darf stellvertretend für den oder die tatsächlichen Täter getötet werden.
    Stammheim war der Anfang, heute sind extralegale Hinrichtungen schon fast gesellschaftsfähig geworden, der Einsatz von Drohnen zum Abarbeiten der ohne Gerichtsverfahren aufgestellten Todeslisten durch die USA löst keine breite Entrüstung und Proteste aus, der schleichende Völkermord durch den Einsatz von Uran-Munition genauso wenig. Wer die Macht hat wird zum guten Mörder, wer unterdrückt wird und sich verteidigt aber ist ein böser Mörder…
    Nach einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF befürwortet eine klare Mehrheit der Deutschen Drohneneinsätze zum Aufspüren und Töten von Terroristen. De Maizière spricht von einer Neigung „uns selbst moralisch zu überhöhen und lieber andere die Arbeit machen zu lassen…“ Diese Zeiten seien nun vorbei.
    Der nächste deutsche Islamist in Pakistan wird dann wohl von einer Bundeswehr-Drohne getötet anstatt wie 2010 geschehen (Bünyamin Erdoğan) von deutschen Sicherheitsbehörden auf US-Todeslisten gesetzt zu werden.

  5. Raymond
    schreibt am 31. Oktober 2012 15:52 :

    An MH:

    Ich habe nicht vor, mich mit ihren langatmigen Ausführungen en Detail auseinanderzusetzen und komme lieber direkt auf den Punkt:

    Meine Aufzählung der im Dienst getöteten Polizisten zielte im Wesentlichen darauf ab, bei all dem Gejammere um die liquidierten Terroristen, einmal darauf hinzuweisen, dass es auch eine andere Seite gibt, von der kaum jemand Notiz nimmt. Die Namen von toten RAF Mitgliedern kann jeder halbwegs mit der Materie vertraute runterbeten, was ist aber mit den weniger prominenten Opfern, egal ob Zivilist oder Uniformträger?

    Es geht mir übrigens auch nicht um den Grundsatz der Rache – auch wenn Aug um Aug, Zahn um Zahn das impliziert, vermutlich wäre DU ODER ICH treffender gewesen – sondern im Wesentlichen darum, dass ein Staat seine Bürger zu schützen hat. Nachhaltig zu schützen hat.

    Helmut Schmidt sagte 1975: „Wer den Rechtsstaat zuverlässig schützen will, der muss innerlich auch bereit sein, bis an die Grenzen dessen zu gehen, was vom Rechtsstaat geboten und erlaubt ist.“

    Die Entführung von Peter Lorenz war die „Generalprobe“ und nachdem diese für die RAF so erfolgreich endete, versuchte man es erst bei Ponto (was im Vorfeld aufgrund beherzter Gegenwehr scheiterte), dann bei Schleyer. Hätte man bei Schleyer wieder nachgegeben, wäre das Entführen/Freipressen dann vermutlich der Regelfall geworden.

    Um weiteren Entführungen vorzubeugen und damit seine Bürger zu schützen, wäre es, streng objektiv gesehen, geboten gewesen, den Grund für Entführungen aus der Welt zu schaffen. Ergo wäre die endgültige Liquidierung aller RAF Mitglieder der Führungsebene eine saubere Lösung gewesen. Ich sage „wäre“ weil ich kein Anhänger der Verschwörungstheorie bin. Eine solch drastische Maßnahme anzuordnen hätte nämlich ein gewisses Maß von „Arsch in der Hose“ erfordert. Und das hatte niemand in Bonn.

  6. MH
    schreibt am 1. November 2012 00:18 :

    An Raymond:
    Ihre Aufzählung der im Dienst getöteten Polizisten ist mir bekannt, diese Morde dürfen nicht vergessen werden. Mir geht es weder um Rechtfertigung, Verharmlosung noch um eine einseitige Betrachtung, sondern um die Frage, ob ein Staat, der die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit außer Kraft setzt, seine Bürger überhaupt noch nachhaltig schützen kann. Nichts ist wichtiger als das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden und in die Justiz. 1977 wurde das staatliche Töten in Deutschland gegen Terroristen eingesetzt, heute sind es auch potentielle Terroristen (Bünyamin Erdoğan) und Zivilisten (Kundus) im Nahen Osten.
    Helmut Schmidt hat 1977 die Grenzen dessen, was vom Rechtsstaat geboten und erlaubt ist, nicht nur erreicht, er hat sie überschritten! Es hätte andere Möglichkeiten gegeben als Schleyer der Staatsraison zu opfern und die zentralen Personen der RAF zu eliminieren, um den Terrorismus zu beenden. Der Staat hat Hanns-Martin Schleyer nicht geschützt, er hat ihn fallen gelassen.
    Warum wird die Aufklärung der Stammheimer Todesnacht nach 35 Jahren noch immer aktiv verhindert, warum wurden Akten gefälscht, Ermittlungen fehlerhaft geführt, Lügen verbreitet? Jeder, der begreift, welche Tragweite die damalige Vorgehensweise hat, jeder, der sieht, dass es heute läuft wie damals (Verstrickung staatlicher Behörden in die NSU-Morde, „Ermittlungspannen“) wird jegliches Vertrauen in diesen Staat verlieren. Ein Rechtsstaat misst sich daran, wie er mit seinen politischen Gegnern umgeht. Nur die vollständige Aufklärung staatlichen Unrechts kann zukünftiges Unrecht verhindern. Sonst wird auch der Widerstand gegen die Folgen der EU-Diktatur bald als zu bekämpfender Aufstand deklariert und gemäß dem Vertrag von Lissabon im Kugelhagel erstickt. Dann wird jeder Kapitalismus- oder Kriegsgegner zum Terroristen erklärt. Das Grundgesetz muss für alle gelten, sonst wird es bald für niemanden mehr gelten, abhängig von der Willkür derer, die die Macht haben, es außer Kraft zu setzen.

  7. Raymond
    schreibt am 2. November 2012 14:44 :

    An MH:

    Darf ich sagen, dass ich Sie für einen unverbesserlichen Weltverbesserer halte?

    „Nichts ist wichtiger als das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden und in die Justiz.“

    In Erstere habe ich recht großes Vertrauen. In letztere eher weniger, speziell was die Objektivität betrifft.

    „Helmut Schmidt hat 1977 die Grenzen dessen, was vom Rechtsstaat geboten und erlaubt ist, nicht nur erreicht, er hat sie überschritten!“

    Was erlaubt war vielleicht. Was geboten war, keinesfalls, zumindest aus meiner Sicht. Der Zweck heiligt die Mittel, das wusste schon Macchiavelli.

    „Es hätte andere Möglichkeiten gegeben als Schleyer der Staatsraison zu opfern und die zentralen Personen der RAF zu eliminieren, um den Terrorismus zu beenden.“

    Jetzt bin ich gespannt. Welche Möglichkeiten denn? Den verwirrten Forderungen der RAF nachzugeben und damit immer neuen, noch abstruseren Ansprüchen Tür und Tor zu öffnen?

    Der RAF, dieser selbstgefälligen Truppe aus ideologisch völlig aus dem Ruder gelaufenen und hauptsächlich aus gelangweilten Kindern der behüteten Bürgerschicht rekrutierten Typen, auch nur einen Schritt entgegenzukommen, wäre eine Idiotie ohne gleichen gewesen.

    „Warum wird die Aufklärung der Stammheimer Todesnacht nach 35 Jahren noch immer aktiv verhindert, warum wurden Akten gefälscht, Ermittlungen fehlerhaft geführt, Lügen verbreitet?“

    Gesetzt den Fall, dass dem so ist, ist die Antwort doch sonnenklar: Weil staatliche Stellen, wie der Verfassungsschutz, eben ungestört operieren wollen und sollen. Es ist doch vornehmlichste Aufgabe dieser Dienste, die Stabilität im Staat zu wahren. Und das können Sie nur gewährleisten, wenn man Ihnen nicht ständig auf die Finger schaut und herausposaunt (am Besten noch vor der Operation!), wer was wie und wieso veranlasst hat.

    Was würde es denn ändern, zu wissen, dass Stammheim Mord war und Agent Tallhover (ich hoffe Sie kennen den Roman von H.J. Schädlich) die Liquidierung vollzogen hat? Nichts. Die Erde würde sich weiterdrehen, dem Frühling folgten Sommer, Herbst und Winter und das Gros der Bevölkerung würde sich nach ein oder zwei Tagen intensiver Bombardierung durch die Medien wieder den aktuellen Problemen (Wer wird das nächste RTL Supertalent? Werden die Benzinpreise bald wieder erträglicher? Zahlt die Arbeitsagentur bald mal meine Stütze?) widmen.

    Transparenz in dieser Hinsicht wäre für viele Publizisten oder andere selbsternannte Experten doch gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit. So hingegen, haben selbige ein schönes Auskommen mit dem Schreiben immer neuer Bücher, die von immer den gleichen merkwürdigen Leuten (mit zuviel Zeit) gelesen und diskutiert werden, wie nun z.B. die STASI nach Meinung von Publizist XYZ an 9/11 beteiligt gewesen ist. Mein Mitleid gilt hier den Bäumen, denen für diese Bücher der Garaus gemacht wurde.

    „Ein Rechtsstaat misst sich daran, wie er mit seinen politischen Gegnern umgeht.“

    Nun, politische Gegner haben zumindest ein politisches Konzept (ja sogar die Piraten haben so etwas, irgendwie zumindest). So etwas ließ die RAF Zeit ihrer Existenz vermissen. Außerdem ist es nicht unbedingt Politik, mordend und bombend durch die Republik zu ziehen. Also zumindest nach europäischem Maßstab.

    „Das Grundgesetz muss für alle gelten, sonst wird es bald für niemanden mehr gelten, abhängig von der Willkür derer, die die Macht haben, es außer Kraft zu setzen.“

    Oh, jetzt wird es dramatisch. Kommt jetzt gleich das berühmte Niemöller-Zitat ,,Als sie die Kommunisten holten…“? Ich finde es ziemlich befremdlich, dass sich Leute betrinken können, im Vollrausch jemanden überfahren und Ihnen dann mildernde Umstände eingeräumt werden. Ebenso befremdlich sind für mich dann auch Leute, die mit der Waffe gegen den Staat, seine Gesetze und vor allem seine Bürger vorgehen, dann aber jeden juristischen Schlupfwinkel zu ihren Gunsten nutzen wollen.

    Erstaunlich übrigens, dass es fast immer nur um Stammheim geht. Was ist den mit der Meinhof? Oder mit der Schubert? Auch Selbstmorde. Da geht doch bestimmt noch was, Buchtechnisch.

    Im Großen und Ganzen sind die Diskussionen über die „Mordnacht“ in Stammheim aus meiner Sicht doch eh’ nur Zeittotschläger oder Stammtischgebrabbel (offen gesagt, sind die Leute die damit ihr Geld verdienen wirklich zu beneiden!) ohne jedweden effektiven Nutzen.

    Liebe VT’ler, schon mal über ein schönes, ernsthaftes Hobby nachgedacht, so etwas wie Briefmarken sammeln? Beruhigt ungemein und man ist davor gefeit, abgeholt zu werden, weil man „der Wahrheit“ irgendwo da draußen zu nahe kommt.

    Abschließend: Für mich sind es Selbstmorde gewesen. Und wenn nicht? Wayne interessiert`s!

    Gruß

    RAYMOND

  8. MH
    schreibt am 4. November 2012 18:26 :

    Hey, Raymond, schreiben Sie die Kommentare in Ihrer Arbeitszeit?
    Sie haben richtig erkannt: Ein verirrtes Schaf ließe sich vielleicht wieder zur Herde zurückführen…
    Sie wissen genauso wie ich, dass Stammheim nur Mord gewesen sein kann, wobei ich die Ermordung von Ulrike Meinhof 1976 als ersten Versuch ansehe, einen neuen Zulauf von Sympathisanten und Unterstützern für die RAF zu verhindern und die noch bestehenden Gruppierungen ohne geistige Führung und Weiterentwicklung der Ideologie zur Aufgabe zu bewegen. Dieser Versuch zeigte nicht den gewünschten Effekt…
    Die Diskussion über die „Mordnacht“ in Stammheim ist nicht geeignet, jemandem zu Reichtum zu verhelfen. Sie ist bedeutend, weil sie am Heiligenschein von großen „Vorbildern“ der Politik kratzt, die durch ihr „Wirken“ in den siebziger Jahren nach wie vor die Rechtfertigung politischen Handelns beeinflussen. Sie zitieren Machiavelli, die Basis der Machtpolitik und der Umsetzung der egoistischen Weltsicht. Unsere Standpunkte können sich nicht annähern. Der Zweck heiligt niemals alle Art von Mitteln, nur eine Gesellschaft, die auf ethischen Wertvorstellungen basiert, kann auf die Dauer Stabilität garantieren. Wir müssen nach Ursache und Wirkung fragen. Die Entscheidung für den bewaffneten Kampf wäre ohne die Ermordung des Demonstranten Benno Ohnesorg und die staatliche Verhinderung der Bestrafung des Täters aus den Reihen der Polizei vielleicht nie gefallen. Die Hilfe bei der Beschaffung von Waffen und Sprengstoff durch Geheimdienstmitarbeiter in Berlin in den Anfängen des Terrors blieb ebenfalls nicht ohne Folgen, man beachte die Parallelen zu den NSU-Morden.
    Ich bin beeindruckt, wie detailliert sie diesmal versuchen, auf meine Äußerungen einzugehen, um diese ins Lächerliche zu ziehen und wie einen emotional gesteuerten Irrweg aussehen zu lassen. Gilt hier auch: der Zweck heiligt die Mittel? Wie stoppt man Kritiker der bestehenden Verhältnisse? Wie macht man Menschen mundtot, die die Lügen offizieller Stellen nicht zu akzeptieren bereit sind und sich nicht dem Recht des Stärkeren beugen?
    Sie praktizieren die Antwort! Bei vielen Menschen mag Ihre Taktik erfolgreich sein. Ich hoffe auf diejenigen als Multiplikatoren, die selbständig denken, Fragen stellen und sich weder einschüchtern noch von plumper Propaganda lenken lassen.
    Alles hat seine Zeit, Unterdrückung, völkerrechtswidrige Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Widerstand, Revolutionen. Letztere lassen sich jedoch nicht von einer Schicht von abgehobenen Intellektuellen verordnen, das war der größte Denkfehler der RAF, wie auch die Problematik, dass die RAF-Mitglieder dachten wie Sie, Raymond: der Zweck heilige die Mittel.

  9. Andrea
    schreibt am 5. November 2012 15:56 :

    Auge um Auge – Zahn um Zahn… Wenn ich so etwas schon lese….
    Einige Leute haben offensichtlich bis heute nicht verstanden worum es geht und machen sich statt dessen mit der Aufzählung der RAF Opfer ein ruhiges Gewissen.
    Wenn man Raf Opfer und Raf Täter jedoch mal gegenüber stellt wird auch dieser Mann erkennen, dass es mehr RAF Opfer gab als beispielsweise tote Polizisten. Mal ganz abgesehen davon das letztere den Konflikt ja erst begonnen haben und auch vermeintliche Mitglieder der RAF abgeknallt wurden die mit Terror null und nix zu tun hatten.
    Abschließend: Terroristen fallen nicht vom Himmel. Und das gilt auch für unsere Terroristen.
    Aber ich befürchte ich betreibe hier mit meinen Ausführungen reine Energieverschwendung.
    Schade!

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