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Verena Becker und die Schweiz

04.07.2012, von

Teile der Schweizer Akten

Teile der Schweizer Akten

Am Freitag fällt das Urteil über Verena Becker im „Buback-Prozess“. Höchste Zeit, vorher noch ein paar Details über ihre tatsächlichen und vermeintlichen Verbindungen in die Schweiz zu besprechen. In den vergangenen Monaten war ich mehrfach im Schweizer Bundesarchiv und habe Akten eingesehen.  Sensationen habe ich nicht zu berichten – interessant finde ich die Akten trotzdem. Sie enthalten eine ganze Reihe von Aspekten und Unterlagen, die auch im Verfahren eine Rolle spielten. Sie erzählen aber auch – teilweise recht groteske – Geschichten über das Drumherum. Und nach der Veröffentlichung der „Verena Becker Fiche“, die ich bis dahin nicht einsehen konnte, bin ich nochmals in die Schweiz gefahren und habe auch diese Karteikarten eingesehen. Hier also ein paar Geschichten aus dem Archiv. Ich beginne mit der Tatwaffe.

Verkaufe: Mordwaffe

Verkaufe: Mordwaffe

Woher die Tatwaffe HK 43 stammte, ist offiziell klar: Sie wurde von der schweizer Firma „Grünig & Elmiger“ in Malters bei Luzern an einen „H. Zeidler“ verkauft; gleichzeitig wurde eine weitere baugleiche Waffe verkauft, die im Herbst 1977 bei der Entführung von Hans Martin Schleyer verwendet wurde. Doch diese Geschichte ist nach meinen Recherchen nur ein Teil der Wahrheit. Denn es ist nicht so (wie die bisherigen Urteile und Berichte über den Waffenkauf suggerieren), dass der Käufer (bei dem es sich um den früheren Terroristen Jürgen Tauras aus der „Frankfurter Gruppe“ um Peter-Jürgen Boock gehandelt haben könnte) einfach im Laden in Malters auftauchte und die beiden HKs kaufte. Er meldete sich vielmehr auf eine Privatanzeige in einem deutschen (!) Fachmagazin: Ein Mitarbeiter von Grünig & Elmiger hatte die Waffen 1976 im „Deutschen Waffenjournal“ inseriert („aus Privatsammlung“) und seine private Telefonnummer angegeben. Erreichbar nur am Abend oder samstags. Gewerbeanzeigen sehen definitiv anders aus.

Durch eine aufwändige Recherche gelang es mir zusammen mit meinem Kollegen Tobias Hufnagl, den Mann ausfindig zu machen. Er bestätigte den Verkauf und die Anbahnung über seine Privatnummer. Sein Chef habe ihn damals darum gebeten, die „Ladenhüter“ auf diesem Weg zu Geld zu machen und Platz im Lager zu schaffen, lautete die erstaunliche Erklärung des Mannes. Als Großhändler habe die Firma selbst die Waffen nicht an Privatleute anbieten dürfen. So kaufte der ominöse Herr „H. Zeidler“ für die RAF als Reaktion auf eine Kleinanzeige.

Eine Geschichte, wie im Märchen. Doch sie ist nicht abwegig. Die entsprechende Ausgabe des Waffenjournals ist voll von dubiosen Anzeigen. Nicht wenige von Schweizer „Sammlern“. Verkauft werden Waffen und Devotionalen aller Art, manchmal auch beides: Gleich gegenüber der Buback-Waffe wurde in der besagten Ausgabe sogar ein Gewehr angeboten, dass der SS-Führer Heinrich Himmler einem „verdienten“ Kameraden gewidmet haben soll. Doch warum findet sich nichts über diesen Teil des Waffenverkaufs in deutschen oder schweizer Akten?   

Bemerkenswert ist, dass über Anzeige und Vorgeschichte des Kaufs weder in den Urteilen des Oberlandesgerichts Stuttgart gegen Mohnhaupt, Klar oder Folkerts noch in den Unterlagen der Schweizer etwas zu finden ist. Dort sieht es immer so aus, als sei Herr Zeidler in die Waffenhandlung spaziert, habe gekauft und sei wieder gegangen. Zugegeben, es macht keinen großen Unterschied – wenn man von der Frage absieht, ob und welche Schuldgefühle der Mitarbeiter wohl haben oder gehabt haben mag. Aber es ist interessant, dass diese Geschichte damals offenbar nicht in die Akten kam.

"G. Zeidler"

"G. Zeidler"

Der Verkäufer konnte oder wollte sich uns gegenüber nicht erinnern, ob er denn damals der Polizei die ganze Wahrheit gesagt habe. Dabei war die Polizei mehrfach bei ihm. Denn einige Monate später kam die Polizei erneut und zeigt einen ebenfalls in den Akten befindlichen, verfälschten Ausweis auf „G. Zeidler“ vor. Das Bild zeigt wohl Jürgen Tauras. War er also der Käufer? Laut den schweizerischen Akten konnte das durch die Mitarbeiter des Waffenhändlers nicht festgestellt werden.

Bei Grünig & Elmiger ist man übrigens gar nicht gut auf die Sache zu sprechen. Interviews gibt es nicht. Und das Firmenarchiv ist bedauerlicher Weise vor einigen Jahren bei einem Unwetter vernichtet worden. Eine besondere Form der Schweizer Diskretion?

Diese Diskretion gegenüber Deutschland fand ich auch anderweitig: So begegnete mir in den Akten Jürgen Stoltenow wieder, ein von mir geschätzter, inzwischen pensionierter Pressesprecher des Bundeskriminalamtes, mit dem ich Ende der 1990er Jahre gelegentlich zu tun hatte. Mit seiner Unterstützung habe ich damals für SWR3 meine erste Reportage beim BKA gemacht. Es ging um die neuen Möglichkeiten der DNA-Analyse und ich interviewte damals just jenen Dr. Schmitter beim BKA, der auch im aktuellen Prozess Sachverständiger war. Heute interessiert sich Jürgen Stoltenow (was ihn mir weiterhin sympathisch macht) mehr für provencialische Muschelrezepte, als für Ganoven. Zu Beginn seiner Zeit beim BKA in den 1970er Jahren war er auch in der Terrorismusabteilung, mit dem Fall Buback habe er nie zu tun gehabt, versicherte er mir. Doch als ich ihm den Vermerk aus den Schweizer Akten zeigte, wonach das BKA sich für eine hohe Geldüberweisung (Bareinzahlung) in die Schweiz interessierte, war er erstaunt: Es steht sein Name drunter. Und einen zweiten Stoltenow gab es nicht. Man mag es ihm nicht verdenken. Erinnerungen nach mehr als 30 Jahren sind ja so eine Art Grundthema des Verfahrens.

Interessant war an diesem Vermerk aber nicht nur der Name Stoltenow. Die Sache wirft ein interessantes Licht auf unsere Nachbarn: Die Schweizer überprüften den Vorgang und teilten dem BKA mit, die Sache sei unverdächtig. Intern vermerkten sie aber, dass man sehr wohl wisse, wer hier warum Geld eingezahlt habe. Zwischen den Zeilen lese ich: Die Sache war nicht ganz sauber, hatte aber nichts mit Terrorismus zu tun. Und es war ein Schweizer Staatsbürger. Also war man schweizerisch diskret und schwieg gegenüber dem BKA – das Erfolgsmodell des Schweizer Staates…

Andere Hinweise gingen dagegen sofort nach Wiesbaden zum BKA: Aufgeregte Schweizer wollten nach der Tat RAFler in Restaurants beim Essen gesehen habe. Doch bei näheren Überprüfungen zerbröselten die Hinweise. Dann gibt es in den Akten umfangreiche Vorgänge um die Meldescheine in Schweizer Hotels, die auch im Prozess eine Rolle spielten. Die Doubletten, teilweise sogar die Originale der Meldescheine auf „Telse Pohlmann“ und andere Namen sind in den Akten.

Ebenso ein Beweis, dass es um Verena Beckers Autofahrkünste wohl nicht zum Besten stand: Bei einem Besuch in der Schweiz hatte sie einen Mietwagen beschädigt. Die Vermieterfirma notierte, die dafür dargebotene Erklärung habe man als reichlich abwegig empfunden. Doch da die Dame den Schaden bar in Schweizer Franken beglich, war das keine große Sache. Diskretion ist des Schweizers Sache –  jedenfalls solange, bis die Gendarmen kommen.

Hemberger Wald

Hemberger Wald

Offenbar hat Verena Becker bei ihrer Autofahrt ein Erddepot angelegt oder bedient. Auch dies kam im Prozess zur Sprache. Aus Unterhaltungsgründen bedauerlich zu kurz kam aber der Hinweis, dass dieses Depot wohl in der Nähe von „Hemberg“ lag oder liegt. Zu gerne hätte ich erfahren, zu welchen Wortwitzen Ulrich Endres,  Walter Vendey oder Hans Wolfgang Euler gegenüber Bundesanwalt Walter Hemberger fähig gewesen wären. Walter Hemberger hätte als Hemberger jedenfalls in Hemberg bestens „undercover“ ermitteln können.

Bevor ich ins Unernste abgleite, erwähne ich noch kurz, dass schweizer Jugendliche ausweislich der Archivunterlagen – ebenso wie zur gleichen Zeit in Stuttgart der heutige Punksänger Axel Kurth von Wizo – „RAF“ statt „Räuber und Gendarm“ gespielt haben. Denn es fand sich ein Foto in den Akten, das einen Jungen zeigt, der in bedauerlicher Kopie der Bilder von Hans Martin Schleyer ein RAF-Schild in der Hand hielt. Das Bild fand ein Passant in einem Passbildautomat und verständigte die Kantonspolizei. Diese ermittelte: Die Jugendgruppe war der Meinung, man müsse den Kindern etwas Besonderes bieten.

Und dann also die Karteikarte zu Verena Becker: Sie ist echt. Allerdings aus mehreren Gründen wohl doch unbeachtlich: Wie ich schon vermutetet, weil ich ähnliche „Fiche“ schon gesehen habe, enthält sie auf acht Doppelseiten zahlreiche Hinweise auf Erkenntnisse über Verena Becker und den Ort oder die Behörde, wo diese Erkenntnisse zu finden sind. Darunter sind viele Presseartikel, aber auch BKA-Rundschreiben etc. Aber es gibt keine Bewertung der Informationen, es ist nur eine Sammlung. Wird dort auf einen Artikel verwiesen, so wird auch nicht gesagt, ob sein Inhalt richtig ist oder nicht. Die Karte zeigt also nur, das es 1984 eine Anfrage gab, wonach Becker „angeblich“ 1983 mit Sonnenberg in der Schweiz gewesen sei. Zudem gibt es neben der „Verena Becker Fiche“ auch eine „RAF Fiche“. Sie enthält alle relevanten RAF-Informationen der Schweizer und umfasst mehr als 30 Doppelkarten. Doch 1983 oder 1984 findet sich kein Hinweis auf die angebliche Becker-Sichtung. Diese wurde also offenbar schon damals nicht so ernst genommen, dass sie es in die Zentralkartei geschafft hätte.

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