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Freispruch für Verena Becker?

27.06.2012, von

Der Antrag hat nicht überrascht: Die Verteidiger von Verena Becker, Rechtsanwalt Walter Venedey (Berlin) und Hans Wolfgang Euler (Frankfurt) beantragten im „Buback-Prozess„, Verena Becker vom Vorwurf des Mordes als Mittäterin oder Helferin sowie wegen der Verabredung einer Straftat freizusprechen. „Juristisch“ sei ihre Mandantin nicht schuldig. Ausführlich begründeten Euler und Venedey diesen Antrag – und übten scharfe Kritik an Nebenkläger Michael Buback und an Rechtsanwalt Matthias Rätzlaff, der den Bruder des ermordeten Generalbundesanwalts vertritt.

„Flucht aus der Realität“, „Lügen“, „verantwortungsloses Handeln“, sogar „Selbstjustiz“ warfen Venedey und Euler Michael Buback vor. Er habe die Fakten der Hauptverhandlung einseitig gewertet, verdreht und ein „Konstrukt“ erstellt, das seinen Vorstellungen entspreche. Dass Verena Becker die Schützin bei den Morden von Karlsruhe gewesen sei, habe für ihn von Anfang an festgestanden. Dass er nun, am Ende des Prozesses sogar angedeutet habe, zur Urteilsverkündung gar nicht zu erscheinen, weil für ihn das Ergebnis ohnehin schon feststehe, nannte Walter Venedey „Selbstjustiz“ und eine Missachtung des Gerichtes. Hans Wolfgang Euler beschrieb aus seiner Sicht die Argumentation der Nebenklage: „Man kommt zum Dann, ohne sich dem Wenn genügend gewidmet zu haben“.

Die Verteidiger wiesen demonstrativ auf viele Gemeinsamkeiten mit der Bundesanwaltschaft hin. So teile man ausdrücklich die „sehr akribischen“ Ausführungen der Anklage zum äußeren Geschehensablauf des Attentats. „Das hätten wir nicht besser machen können“, sagte Venedey. Erhebliche Meinungsverschiedenheiten gab es trotzdem: Aus Sicht der Verteidigung bemüht die Anklage mit Peter-Jürgen Boock einen nach wie vor unglaubwürdigen Zeugen. Ausführlich wurden Widersprüche in seinen Aussagen herausgearbeitet. Spöttisch wurde dabei eine „Kernzeit seiner Glaubwürdigkeitsphase“ definiert – also die Zeit, in der man Aussagen von Boock ernst nehmen könne. Doch auch hier glaubte die Verteidigung Widersprüche zu sehen. 

Ebenso versuchten die Anwälte, die Bewertungen der „Haag-Mayer-Papiere“ (Aufzeichnungen über Planungen der RAF 1976) durch die Bundesanwaltschaft zu entkräften. Sie seien keine Anleitung für die konkrete Tatvorbereitung. Dies ergebe sich unter anderem daraus, dass es in den Papieren einen Punkt „Operationelle Planung“ gebe – genau dies aber doch der Inhalt der ganzen Papiere sein solle. Auch wiesen die Verteidiger darauf hin, dass die Bundesanwaltschaft in ihrer eigenen Anklage den Aussagewert der Papiere relativiert habe. Interessant war die Überlegung von Rechtsanwalt Venedey, dass die Papiere – so man der Interpretation des Generalbundesanwalts folge – keinen Raum für eine Beteiligung von Knut Folkerts an der Tat lassen würden (weil nämlich schlicht kein Deckname mehr für ihn übrig sei): „Wenn „Hans“ in den Papieren Stefan Wisniewski ist, dann taucht Folkerts nicht auf. Wenn der Plan aber stimmt, dann ist das Urteil Folkerts nicht richtig.“

Zwingend ist dieser Schluss nicht. Aber er zeigt, wie viele Fragen wohl auch nach dem Urteil – egal wie es ausfallen mag – noch offen sein werden.

Verena Becker wollte kein letztes Wort. „Vielen Dank“, sagte sie nur. Das Urteil wird am 06. Juli gesprochen.

Nicht unerwähnt bleiben soll noch eine kleine, drollige Begebenheit: Just als im Plädoyer von der Rolle des Verfassungsschutzes gesprochen werden sollte, begann es über der Richterbank zu rumoren. Offenbar schloss sich eine Art automatische Jalousie. „Oha, die schützende Hand!“, kalauerte Rechtsanwalt Venedey.

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