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Schweizer Hafturlaub für Becker und Sonnenberg?

21.06.2012, von

Quasi in letzter Minute des „Buback-Prozesses“ gegen Verena Becker ist eine Karteikarte aufgetaucht, die von der Schweizerischen Bundespolizei stammen soll und Rätsel aufgibt. Dem Anschein nach handelt es sich um eine „Fiche“ (Karteikarte), wie sie in den 70er und 80er Jahren (nicht nur) in der Schweiz zur Systematisierung von Informationen benutzt wurde: Unter einem Stichwort (hier: Verena Becker) sind darauf in chronologischer Reihenfolge die Erkenntnisse und deren Quellen vermerkt.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es in der Schweiz eine solche Karteikarte zu Verena Becker gibt – auch wenn ich diese bei zwei Recherchen im vergangenen Jahr in Schweizer Archiven nicht zu sehen bekommen habe. Die angebliche Becker-Karte, die wohl „BILD“ zuerst veröffentlicht hat, gibt nun manchen Medien Anlass zu Spekulationen: Kann man aus ihr entnehmen, dass Verena Becker 1983 durch die Schweiz gereist ist?

Unter dem Datum 16. April 1984 ist auf der Karte notiert:

„Information/Anfrage betr. der PAPAKYRIAKOU Lena und VOTSIS Georgios 38 – Die beiden sollen sich angeblich im Dezember 1983 mit den deutschen Terroristen SONNENBERG Günther 54 und der B. in der Schweiz getroffen haben. – XX informiert, siehe Beilage.“

Betrachtet man diese Information ganz nüchtern, bedeutet sie folgendes: Bei der Schweizerischen Bundespolizei ist Mitte April 1984 eine Anfrage eingegangen, ob es Erkenntnisse darüber gibt, dass sich die deutschen Terroristen Günter Sonnenberg und Verena Becker mit den Personen Lena Papakyriakou und Georgios Votsis in der Schweiz getroffen haben sollen. Darüber wurde die Abteilung XX informiert.

Woher diese Anfrage kam, beantwortet die Karteikarte ebensowenig, wie die Frage, ob und welche Antwort gegeben wurden. Zwei Wochen später erhält die Schweizer Bundespolizei offenbar noch „Zusatzinformationen“ über Papakyriakou und Votsis – von Becker und Sonnenberg ist aber nicht mehr die Rede. Diese Zusatzinformationen sind der vorletzte Eintrag auf den Fichen. Der letzte Absatz datiert dann vom 09. Dezember 1989: Die FAZ habe gemeldet, Becker sei begnadigt worden. Fünf Jahre lang (zwischen 1984 und 1989) hat es also nichts Neues zu Verena Becker gegeben.

Nun stellen sich eine Reihe von Fragen: Kann es sein, dass sich Verena Becker mit Günter Sonnenberg (dessen Vorname auf der Karte übrigens falsch geschrieben wurde) und zwei dem Anschein nach griechischen Personen 1983 in der Schweiz getroffen haben? Verena Becker sollte zu diesem Zeitpunkt ebenso in Haft gewesen sein, wie Günter Sonnenberg – der zudem durch seine Kopfverletzung nach der Schiesserei in Singen 1977 stark eingeschränkt war. Ein Kollege von mir hat Sonnenberg nach seiner Freilassung (1992) ein Jahr später in Heidelberg bei einer Veranstaltung erlebt. Damals konnte Sonnenberg anscheinend nicht ohne fremde Hilfe laufen und wirkte „stark eingeschränkt“. 1983 dürfte es ihm kaum besser gegangen sein. Und dass Generalbundesanwalt Rebmann Verena Becker und Günter Sonnenberg einen gemeinsamen Hafturlaub in der Schweiz genehmigt haben könnte, klingt eher nach einem Scherz eines gut aufgelegten Ermittlers, als nach einem denkbaren Szenario. 

Über Lena Papakyriakou sind ad hoc keine Informationen aufzutreiben. Bei Georgios Votsis dürfte es sich um einen auch unter den Namen Jorgos und George Votsis bekannten Journalisten aus Griechenland handeln, der (vorsichtig formuliert) „Kontakte“ zur griechischen  Terrororganisation „17. November“ (17N) gehabt haben soll. War es also ein Treffen des internationalen Linken Terrors in der braven Schweiz ? Das ginge nur, wenn Sonnenberg und Becker „Undercover“ für deutsche Behörden dabei waren und dafür beide aus der Haft entlassen worden wären. Reichlich unwahrscheinlich. Selbst die Schweizer notieren den Vorgang höchst vage: „sollen sich angeblich“.

Ich komme deshalb vorerst zu dem Ergebnis „Räuberpistole“.

Interessant ist aber die Frage, wer diese Räuberpistole zückt – und warum das gerade jetzt geschieht. Nach meinem Eindruck liegt die Karteikarte dem oder den Findern bereits seit Ende 2011 vor. Hat man also absichtlich mit der Veröffentlichung auf die Schlussphase des Prozesses gewartet? Und warum werden nur zwei Karten des Vorgangs veröffentlicht – und mehrere weitere Karten unterschlagen? Zumal aller Wahrscheinlichkeit nach auf den anderen Karten die Inhaftierung von Verena Becker vermerkt sein dürfte – was ja den vermeintlichen Sensationseffekt der Fiche durchaus schmälern würde…

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