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NSU-Waffenlieferant festgenommen

01.02.2012, von

Carsten S: Haftprüfung beim BGH

Carsten S: Haftprüfung beim BGH

Es ist das zwölfte Ermittlungsverfahren gegen einen mutmaßlichen Unterstützer der Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU): Heute Morgen wurde der 31jährige Carsten S. aus Düsseldorf durch die GSG9 festgenommen. Er sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Er soll Beihilfe zu sechs Morden geleistet haben, indem er Anfang der 2000er Jahre in Jena eine Waffe und Munition gekauft haben soll, um sie an die Terroristen im Untergrund weiterzugeben. Dabei soll ihm der bereits inhaftierte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben geholfen haben. Die Bundesanwaltschaft geht zu seinen Gunsten davon aus, dass vier Morde der Gruppe bereits geschehen waren, als Carsten S. die von ihm gekaufte Waffe an die Terroristen übergeben habe. Doch es bleibt auch so ein schwerer Vorwurf gegen den Mann, der von sich selbst sagt, er sei seit dem Jahr 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen.

Zuletzt arbeitete Carsten S. in einer Beratungsstelle für Schwulen und Lesben in Düsseldorf, die auch mit der Aids-Beratung zusammenarbeitet. Das ist alles andere als das typische Millieu, in dem man Unterstützer von Rechtsterroristen vermutet. Und doch sind die Ermittler ihrer Sache sicher. Sie werfen Carsten S. Beihilfe an sechs der zehn Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) vor, darunter die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn im April 2007. Hinzu kommt die Beihilfe am Mordversuch ihres Kollegen.

Carsten S. hatte in der vergangenen Woche durch seinen Anwalt mitteilen lassen, dass er bereits im Jahr 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen sei. Die Ermittler glauben ihm das nicht. Im Gegenteil: Der Kauf der Waffe nebst Munition in der Innenstadt von Jena soll deutlich nach diesem Zeitpunkt passiert sein, Zeugen sagten den Ermittlern, es habe sich definitiv um eine scharfe Waffe gehandelt haben. Doch welche es genau war, ist den Ermittlern noch nicht klar. Die Auswahl ist erschreckend groß. In den Trümmern der Wohnung des Trios sowie in einem ausgebrannten Wohnmobil wurden mindestens elf Waffen gefunden.

Seit dem Nachmittag ist Carsten S. in Karlsruhe. Spezialeinheiten der Polizei brachten ihn von Düsseldorf zum Bundesgerichtshof, der Ermittlungsrichter entscheidet in den kommenden Stunden, ob der 31jährige in Untersuchungshaft genommen wird. Aus Ermittlungskreisen heißt es, die Chancen dafür stünden sehr gut.

Carsten S. wäre der fünfte Unterstützer der Gruppe in Haft. Weitere sieben Unterstützer gelten als Beschuldigte, hinzu kommt die mutmaßliche Gründerin der Gruppe, Beate Zschäpe, die in Köln in Haft sitzt.

Auch wenn mit der neuen Festnahme der Kreis der Unterstützer größer geworden ist, so ist der Kern der Terrorzelle NSU bislang noch immer der gleiche: Die Gruppe soll neben Beate Zschäpe aus den beiden toten Bankräubern Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt bestanden haben. Und auch die Taten, die der Gruppe angelastet werden, sind seit Wochen trotz vieler Spekulationen noch die gleichen: zehn Morde, ein Mordversuch, zwei Sprengstoffanschläge und drei Banküberfälle sind die traurige Bilanz des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

Doch während der Umfang der Taten klar zu sein scheint, sorgen Details aus Verfassungsschutzakten über die Rolle des neuen Beschuldigten Carsten S. für erhebliche Diskussionen: Der Verfassungsschutz Thüringens geht davon aus, dass Carsten S. schon im Jahr 2000 der Gruppe auf der Flucht geholfen haben soll. Dabei geht es unter anderem um die Vermittlung eines Mobiltelefons, mit dem die Flüchtigen ihre Eltern erreichen wollten. Zudem geht es um Kontakte von Carsten S. zum V-Mann Tino Brandt. Diese Verfassungsschutzinformationen aus Thüringen wurden anderen Behörden aber erst 11 Jahre später, im November 2011 bekannt. Weitere Diskussionen um Kommunikationspannen sind also vorprogrammiert.

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