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Rollnik sagt aus – und die Verteidigung spielt erste Karten

23.01.2012, von

Es war seit längerer Zeit mal wieder ein richtig interessanter Tag im „Buback-Prozess“ gegen Verena Becker. Jedenfalls für Feinschmecker. Wer dagegen nach dem Motto „was mach eigentllich der Prozess?“ nur mal so vorbeikam, fand offenbar eher die Gemüsesuppe der Gerichtskantine interessant, wie dieser Tage auf der Internetseite eines Wochenmagazins nachzulesen ist.

Dabei gab es am Freitag in mehrerer Hinsicht interessante Einblicke in die Gemütslage der Beteiligten, in die Verteidigungsstrategie  – und in „die Bewegung 2. Juni“. Denn eine Ex-Terroristin machte umfangreiche Angaben.

Schon zu Beginn gab es eine interessante Begegnung zwischen Angehörigen der RAF-Opfer und der Bundesanwaltschaft: Ina Beckurts, Witwe von RAF-Opfer Karl Heinz Beckurts, übergab Bundesanwalt Walter Hemberger ihre Karte: „Damit Sie wissen, wo Sie mich finden, wenn Sie die Mörder meines Mannes gefunden haben“, sagte Frau Beckurts mit einem schwer zu deutenden Unterton. Bundesanwalt Hemberger antwortete: „Kommen Sie mal zu uns nach Karlsruhe!“.

Die Stimmung war halbwegs aufgeräumt. Allerdings schwelt nach wie vor der Streit zwischen Michael Buback und dem Senat über die Frage der Entpflichtung seines Beistands Rechtsanwalt Endres (der am vergangenen Donnerstag überraschend an einer Vernehmung in Wiesbaden teilnahm).

Als Zeugin war Gabriele Rollnik geladen, die sich mit Textpassagen eines Buches unfreiwillig als Zeugin empfohlen hatte. Während Frau Rollnik gegenüber der Bundesanwaltschaft noch erklärt hatte, keine Angaben machen zu wollen, hatte sie es sich in der Zwischenzeit offenbar anders überlegt. Mag dabei die harte, wenn auch rechtswidirge Haltung des Senats gegenüber Christa Eckes eine Rolle gespielt haben? Gabriele Rollnik liess sich dazu nichts anmerken. Nach der Belehrung durch den Vorsitzenden Richter Hermann Wieland erklärte sie, sie wolle Angaben machen.

Sie erzählte von ihrer Zeit in der „Bewegung 2. Juni“ und ordnete die Aussagen ihres Interviews ein. Mit dem Ergebnis, dass sie nichts konkretes zur Rolle von Verena Becker bei der Attentatsplanung beitragen konnte und ihre Aussage somit nur indirekt hilfreich war. Doch immerhin äusserte sie sich. Und das durchaus sehr selbstbewusst.

Schon beim Eintreten in den Saal übernahm sie die Regie. Ihr Anwalt wollte sich links neben sie an den Zeugentisch setzen. Doch Gabriele Rollnik beschied kurz: „Nein, andersrum, die Dame sitzt doch links!“. Entsprechend waren ihre Antworten an den Senat. Kurz, manchmal fast barsch, aber immer präzise. Im Laufe der Vernehmung wurde der Ton freundlicher, Rollnik plaudernder. Kernthema waren die Fragen, ob und wann sie Verena Becker im Jemen getroffen habe und wann genau die von ihr geschilderten Treffen mit Verena Becker und Günter Sonnenberg 1976 / 1977 stattgefunden hätten.

Dabei versuchte der Berichterstatter (Richter) Claus-Friedrich Wilke es mit assoziativer Fragetechnik: „Welche Bilder und Eindrücke haben Sie an den Jemen?“, fragte Wilke. „Wer ist das?“ flüsterte Rollnik irritiert ihrem Anwalt zu. „Auch ein Richter“, antwortete dieser. Und Gabriele Rollnik liess sich auf die Frage ein: „Wüste! Heiss! Ein Gebäude!“ kam als Antwort. Wo man den genächtigt habe, wollte Wilke wissen und überprüfte damit offenbar Angaben von Peter-Jürgen Boock. „Im Gebäude aber auch auf dem Gebäude“, kam die Antwort. Doch konkreter erinnerte sich Gabriele Rollnik nicht. Vor allem konnte sie sich nicht daran erinnern, damals, im Jemen, Verena Becker getroffen zu haben.

Natürlich habe sie Verena Becker gekannt, sie habe ja auch zu denen gehört, die sie gemeinsam mit anderen mit der „Lorenz-Entführung“ freigespresst habe, sagte Rollnik. Doch persönlich sei man sich 1976/1977 erst im Zusammenhang mit Gesprächen zwischen RAF und „2. Juni“ begegnet. Sie habe an diesen Gesprächen für den „2. Juni“ teilgenommen. Für die RAF seien zunächst Verena Becker und Günter Sonnenberg gekommen, danach hätten Stefan Wiesniewski und Rolf Heissler diesen Part übernommen. Aber wann und wo diese Gespräche stattfanden, wisse sie nicht mehr. 

Am Tag des Anschlags auf Siegfried Buback sei sie nicht in Karlsruhe gewesen, sondern „In Westdeutschland, in irgendeiner Stadt. Kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht Düsseldorf“. Unsicher war sie, ob sie in der damaligen Zeit jemals selbst in der Residenzstadt war: „Ich weiß gar nicht, ob ich selbst mal in Karlsruhe war, aber wir waren in dieser Stadt“. Sie habe in ihrem Buch nur ausdrücken wollen, dass Mitglieder des „2. Juni“ damals auch mal in Karlsruhe gewesen seien, aber eben keine Vorwarnung von der RAF bekamen, dass eine „Aktion“ anstand. „Wir haben uns in der gesamten Bundesrepublik bewegt und waren auch in Süddeutschland“ Deshalb sei man wenig begeistert gewesen, als plötzlich (nach dem Mordanschlag) in Süddeutschland mit Hochdruck die Fahndung der Polizei lief.

 Zweimal spielte in der Vernehmung übrigens ein Motorrad eine Rolle: Wurde Motorrad fahren im Jemen geübt? „Nein“, sagte Frau Rollnik. Und dann kam später die Frage, wie denn Verena Becker zu den Gruppentreffen gekommen sei, „mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Motorrad?“ Das wisse sie „natürlich“ nicht, antwortete Gabriele Rollnik.

Michael Buback interessierte sich dafür, warum Frau Rollnik in ihrem Buch auf die Frage nach ihr bekannten ehemaligen RAF-Mitgliedern nicht auch Knut Folkerts und Peter-Jürgen Boock erwähnt habe. Ob beide „bewusst rausgelassen“ worden sein? Nein, sagte Rollnik, sie habe sie einfach vergessen.

Die Verteidigung interessierte sich für das damalige Aussehen von Verena Becker und liess der Zeugin alte Bilder von Verena Becker und Günter Sonnenberg aus Pässen und aus der Fahndung vorhalten. „Nicht im Gammler-Look“ seien beide aufgetreten, Verena Becker habe kurze Haare gehabt, eine Brille erinnere sie nicht, sagte Gabriele Rollnik. Diese Einschätzungen dürften der Verteidigung mit Blick auf manche Zeugen aus Karlsruhe durchaus gefallen haben. Sodann fragte Rechtsanwalt Hans-Wolfgang Euler noch, ob Inge Viett eigentlich Motorrad fahre. „Ich weiss nicht, ob Inge Viett jetzt noch Motorrad fährt“, antwortete Rollnik – und löste damit wahrscheinlich für ihre frühere Genossin ein Ticket nach Stuttgart.

Es war eine der letzten Fragen. Nach fast zwei Stunden war die Befragung beendet und Gabriele Rollnik und ihr Lebensgefährte Karlhein Dellwo, der die ganze Zeit im Zuschauerraum gesessen hatte, konnten die Heimreise antreten.

Sodann stellte die Verteidigung Beweisanträge. Offenbar haben die Strafverteidiger Walter Vendey und Hans-Wolfgang Euler im Bundesarchiv recherchiert und aus ihrer Sicht interessante Details zu einem Banküberfall in Köln gefunden, der wenige Tage nach dem Buback-Attentat passierte und an dem auch eine Frau – möglicherweise Verena Becker – beteiligt gewesen sein soll. Aus den Akten ergebe sich, wie die These „Frau am Tatort“ damals in die Ermittlungen gekommen sei und das dies manipulativ gewesen sei. Deshalb wolle man zwei der damals zuständigen Polizisten hören. Die Bundesanwaltschaft widersprach: Es sei egal, ob Verena Becker damals beteiligt gewesen sei, weil es so oder so nichts für die Frage bedeute, ob sie am 07. April bei der Tat in Karlsruhe dabei war.

Doch die Verteidigung möchte Verena Becker wohl über einen langen Zeitraum in den Jahren 1976 und 1977 aus Deutschland herausargumentieren. Denn in einem weiteren Beweisantrag, mit dem unter anderem Klaus Pflieger (der damalige Oberstaatsanwalt beim BGH und heutige Generalstaatsanwalt in Stuttgart) erneut gehört werden soll, geht es der Verteidigung um die Glaubwürdigkeit von Sigrid Sternebeck und gefälschte Pässe: Grob vereinfacht will die Verteidgung beweisen, dass Verena Becker mit einem verfälschten Pass von Sternebeck und einem totalgefälschten Pass („Stella Radson“) im Nahen Osten unterwegs war. Und zwar, so darf man vermuten, auch am 07. April 1977. Nach meinem Eindruck bereitet die Verteidigung damit an mehreren Fronten das klassische „Alibi“ vor: Verena Becker soll danach am Tattag wohl „anderswo“ gewesen sein. Ob sie sich dazu auch selbst noch äussern wird? Nach meinem Eindruck hat die Verteidigung jedenfalls am Freitag erstmals offensiv Karten ausgespielt, die auf die Richtung ihres Plädoyers deuten. Es wird also spannend.

Das übersieht man aber leicht, wenn man nur kurz mal auf eine Gemüsesuppe vorbeikommt 😉

 

 

 

 

 

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Kommentare zu „Rollnik sagt aus – und die Verteidigung spielt erste Karten“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. L. Neumann
    schreibt am 24. Januar 2012 00:03 :

    Eigentlich ist es doch ganz einfach: Würde es nach den „Damen“ Rollnik oder Viett gehen, würden wir in einem Land leben, das nicht annährend so demokratisch wäre wie die BRD. Mörder (wenn sie die „richtige“ Gesinnung haben) dürften schweigen. Wir können doch nur froh sein, dass unser Staat das Gegenteil von deren Menschenbild ist. Und sie können froh sein, dass sie in einem demokratischen Staat leben. Deren politische Meinungen sind wirklich weniger interessant als Gemüsesuppe. Jetzt werden die Ex Terroristen selber alt und evtl. verstehen sie erst beim eigenen Sterben wasein menschenleben wert ist.

  2. Andrea
    schreibt am 27. Januar 2012 16:38 :

    @L.Neumann
    Das Problem liegt wohl eher darin, dass es keine Einsicht gibt etwas falsches getan zu haben.
    Das gleiche Phänomen haben wir doch nach 1945 erlebt. Auch da hatten die verantwortlichen Mörder keine Reue oder Einsicht gezeigt.
    Mit dem Unterschied bzw. Resultat, dass einige von denen später wieder in hohen Staatsämtern unsere „demokratische Ordnung“ geschafft haben.
    Die Frage ist: Wie demokratisch wurde das wohl seinerzeit von Meinhof und Co gewertet und wie konnte daraus die RAF entstehen?

    Danke Herr Schmidt für Ihre Berichterstattung und liebe Grüße!

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