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Anwalts-Casting: Stand Beate Zschäpe im Erfurter Gericht?

11.01.2012, von

War es dreist – oder vielleicht auch nur hilflos? Wenn sich ein Rechtsanwalt aus der Bodenseeregion richtig erinnert, stand Beate Zschäpe in Erfurt kaum ein Jahr vor ihrer Festnahme „vor Gericht“, wenn auch „nur“ als Zuschauerin eines Rockerprozesses vor dem Landgericht Erfurt. „Sie kam zu mir und wollte meine Karte, sie sagte, sie brauche einen Anwalt“, erinnert sich der erfahrene Strafverteidiger an die Begegnung. Seinen Namen will er derzeit nicht veröffentlicht sehen, „weil ich mich mit dem Hinweis nicht profilieren, sondern wenn, dann nur helfen will“. Gestern habe ich mit dem Anwalt ausführlich gesprochen. Seine Geschichte ist interessant und wirkt auf mich plausibel.

In einer Verhandlungspause sei damals in Erfurt eine Frau auf ihn zugekommen, die er heute „zu fast hundert Prozent“ für Beate Zschäpe hält. Sie sei in Begleitung von zwei Männern gewesen, die Kapuzenpullis getragen hätten. Als die Frau nach seiner Karte fragte, habe er dies zunächst eher als „bedrohlich“ empfunden. Das habe vor allem am Blick der Frau gelegen, „und deswegen ist mir das noch so in Erinnerung“. Zu einem Kontakt sei es später nicht gekommen. Aber er glaube, die Frau auch an anderen Tagen im Gerichtssaal gesehen zu haben. Und einer der beiden Begleiter habe „ziemlich“ so ausgesehen, wie einer der beiden toten Freunde von Beate Zschäpe.

Den Strafverteidiger, der mir das erzählt, habe ich gestern in einem baden-württembergischen Gericht angetroffen. Gute zwei Stunden habe ich auf eine Verhandlungspause warten müssen, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. In dieser Zeit konnte ich erleben, wie er als Strafverteidiger agiert. Für seinen – zweifellos schuldigen – Mandanten hat er nach meinem Eindruck mehr als das Maximum herausgeholt: Mit einer Mischung aus Charme und Frechheit hatte er den Nebenkläger in Widersprüche verwickelt, Zeugen verunsichert und seinen Mandanten am Ende als überarbeiteten Kurzschlusstäter präsentiert. Das Verfahren gegen die drei (überwiegend mehrfach vorbestraften) Angeklagten wurde am Ende des Tages gegen Geständnisse, Geldzahlungen und Entschuldigungen eingestellt. Ich war sehr erstaunt, dass die Staatsanwaltschaft sich dazu hat überreden lassen. Und für mich war es vor allem die Leistung des betreffenden Anwalts. Keine Frage: Wer ihn so vor Gericht erlebt, der kommt schnell auf den Gedanken: „Der kann mir aus einer ausweglosen Situation helfen“ Nur: Ist das die Situation von Beate Zschäpe in Erfurt gewesen? Hat sie den Rocker-Prozess wirklich als Anwalts-Casting genutzt? Völlig abwegig ist das nicht.

Schon einmal, Anfang der 2000er Jahre soll sie sich während ihrer Flucht bei einem Anwalt einen Rat zu ihrer  Situation geholt haben. War es Ende 2010 Anfang 2011 wieder so weit?

Oder irrt der Rechtsanwalt? Derzeit will er anonym bleiben. Er will nicht in den Ruf kommen, mit einer Räuberpistole um Aufmerksamkeit zu buhlen. Aber die Sache bewegt ihn. Immer wieder fragte er mich gestern: „War sie denn in Erfurt?“.

Die Antwort könnte  die Polizei kennen: Es gab bei dem Prozess scharfe Einlasskontrollen. Alle Besucher wurden durchsucht, die Ausweise kopiert. Videoteams der Bereitschaftspolizei filmten die Besucher. Man hatte Angst vor Unterstützern, wollte die Szene im Griff behalten. Marschierte durch all diese Kontrollen eine „Mandy Struck“ (einer ihrer Aliasnamen), eine  „Beate Zschäpe“ oder eine „Susan“? Derzeit wollen die Ermittler dazu nichts sagen. Nach meinem Eindruck ist der Hinweis bis gestern Nachmittag auch nicht besonders ernst genommen worden. Sogar in der Sitzung des Innen- und Justizausschusses des Thüringer Landtages soll es bei der Erwähnung des Hinweises erstaunte Gesichter gegeben haben. Denn bislang gab es keine richtige Vernehmung zu dem Hinweis, sondern nur einen Aktenvermerk des Oberstaatsanwalts, an den sich der Rechtsanwalt gewandt hatte. Nun soll es nach meinen Informationen unverzüglich zu einer „richtigen“ Vernehmung kommen.

Sollte Michael Buback dies lesen, so hätte er dazu bestimmt einen passenden Kommentar parat…

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Kommentare zu „Anwalts-Casting: Stand Beate Zschäpe im Erfurter Gericht?“

Es sind 4 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Andreas
    schreibt am 11. Januar 2012 18:47 :

    Hier mal eine sehr interessante Meinung zum Beitrag: http://www.lawblog.de/index.php/archives/2012/01/11/der-redselige-strafverteidiger/#comments

  2. Todd
    schreibt am 11. Januar 2012 19:45 :

    Hm … Anbahnungsgespräch … anwaltliche Schweigepflicht … doch, da will sich jemand profilieren – gegenüber dem Blogbetreiber!

  3. Ohmpf
    schreibt am 12. Januar 2012 08:56 :

    @andreas
    es ist zwar alles gesagt, aber nicht von jedem

  4. Richard
    schreibt am 13. Januar 2012 01:56 :

    Die Anwesenheit im Gerichtssaal, die Herr Vetter als Anknüpfungspunkt wählt, mag eher ungeeignet sein. Indes ist es vollkommen unstreitig, dass der Tatbestand der Kontaktaufnahme mit einem Rechtsanwalt (in dieser Funktion), wie er hier vorliegt, der Verschwiegenheitspflicht dieses Rechtsanwalts unterfällt. § 203 StGB schützt den Ratsuchenden gegenüber den genannten Berufsgruppen auch generell davor, dass deren Vertreter, mit denen kein Mandats-, Beratungs- oder Behandlungsverhältnis zustande kommt, geschützte Geheimnisse – wie das Ob einer Anfrage – verletzen.
    Das ist im Fall von Rechtsanwälten schon deshalb entscheidend, da es solche geben soll, die Mandate aus moralischen Gründen ablehnen, also prädestiniert sind, im Falle einer anderen Auslegung den Ermittlern helfen zu wollen. Besonders ein Rechtsanwalt sollte in dem Wissen, dass es dem Verletzten einer solchen Situation nicht mehr möglich ist, den erforderlichen Strafantrag zu stellen, ohne den Sachverhalt implizit einzuräumen, diese präventive Funktion achten.

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