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Subjektive Chronik der NSU-Entdeckung

22.11.2011, von

To whom it may concern: Warum ich nicht früher dazu gekommen bin, diesen Blog zu bedienen – und was bisher geschah: Eine kleine, sehr subjektive Chronik.


05. November oder 06. November (Wochenende)
Ich stolpere in der Online-Ausgabe der Bildzeitung über das „Leserfoto“ des brennenden Wohnmobils in Eisenach. Von dem Überfall hatte ich schon am Freitag eine Agenturmeldung gelesen. „Komische Sache“ denke ich. Warum ein solches Fanal nach einem Raubüberfall auf eine Sparkasse? Ich erinnere noch, dass mir ein praktischer Fall aus meiner Zeit bei der Staatsanwaltschaft durch den Kopf ging: Ein Mann hatte hohe Schulden (sechsstelliger DM-Betrag) und versuchte kurz vor dem letzten Zahlungstermin einen Bankraub. Nicht genug damit, dass er geschnappt wurde: die Beute stand auch in krassem Missverhältnis zu den Schulden: Einige Tausender gegen mehr als 100.000 DM. Hatten die Täter sich genauso verkalkuliert und sahen keinen Ausweg? Wenige Minuten später hatte ich den Fall vergessen.

07. November
In Koblenz beginnt das Verfahren gegen Hussam S. (das gezogene Schwert). Ich bin mal wieder am OLG Koblenz. Viele bekannte Gesichter, fast eine Art Klassentreffen: Wachtmeister, Dolmetscher, Staatsanwälte, Richter, Ermittler, viele nette Gespräche. Die Anklage wird verlesen. In einer Pause erhalte ich von jemand, der sich allerbestens auskennt, die Nachricht, dass die Dienstwaffe von Michèle Kiesewetter gefunden wurde. Ich glaube erst, mich verhört zu haben: Doch als ich die Pressestelle des LKA Baden-Württembergs um eine Bestätigung bitte, merke ich an der Reaktion, dass ich sinnbildlich in ein Wespennest gestochen habe. Viele Fragen bleiben an diesem Tag unbeantwortet. Unter anderem die des LKA, woher ich es eigentlich weiß. Die Berichterstattung übernimmt das SWR-Studio Heilbronn. Die Kollegen berichten seit vier Jahren über den Fall und kennen alle Details. Ich halte mich für nicht weiter zuständig 😉

08. November
Es sind weitere Waffen in dem Wohnmobil gefunden worden, nach einer Frau wird gefahndet, seit dem Morgen auch öffentlich. Sie soll die Wohnung in Brand gesteckt haben, in der sie mit den beiden Bankräubern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewohnt haben soll. Es ist der Durchbruch in einem der rätselhaftesten Kriminalfälle Baden-Württembergs in den letzten 20 Jahren. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger ist sich sicher, dass die Gruppe um die toten Sparkassenräuber für den Mord an der Polizeibeamtin verantwortlich ist. „Solche Waffen gibt man nicht weiter“, sagt mir Klaus Pflieger in einem Telefoninterview. Und dann wörtlich: „Die Erkenntnisse, die wir jetzt aus Thüringen und Sachsen haben, haben bei mir die Überzeugung bekundet, dass wir mit den dort befindlichen Personen, insbesondere mit den Männern die Gruppe haben, die für den Mord an Michèle Kiesewetter und dem Mordversucht an ihrem polizeilichen Begleiter verantwortlich ist. Inwieweit wir der Frau, die jetzt sich heute gestellt hat, eine Tatbeteiligung nachweisen können, ist aber zu prüfen, einen dringenden Tatverdacht haben wir jedenfalls bei einer ersten Prüfung nicht bestätigen können.“
Was Klaus Pflieger sagt, gefällt nicht jedem. Aber es hat bis heute Bestand: Der Mord an der Beamtin wird eindeutig der Gruppe zugerechnet – bislang gibt es aber gegen Beate Zschäpe keinen dringenden Mordverdacht.

09. November
Ein relativ ruhiger Tag.

10. November
Horst Herold macht seine Aussage im „Buback-Prozess“. Ich bin dort und berichte. Weitere Details über Funde bei der Zwickauer Gruppe werden bekannt. Persönliche Gegenstände der beiden Heilbronner Polizisten sind dabei.

11. November
Ich fahre wieder nach Stuttgart. Ein Therapeut von Verena Becker soll vernommen werden, am Nachmittag dann der Möchtegern-V-Mann Peter B. Ich erwarte keinen entscheidenden, aber möglicherweise unterhaltsamen Verhandlungstag. In der Mittagspause bestelle ich einen Teller Eintopf in der Cafeteria der Landesbibliothek. Beim ersten Löffel erhalte ich eine kurze, prägnante Info: Der GBA wird das Verfahren übernehmen – und die Ceska ist gefunden worden. Ich bin noch einen Moment skeptisch: Schon einmal habe ich gehört, die berüchtigte Waffe der „Döner-Mordserie“ sei möglicherweise gefunden worden. Damals ging es um eine Schießerei in Rüsselsheim. Doch diesmal geht es nicht um möglicherweise, wie sich schnell herausstellt. Es ist die lange gesuchte Ceska 7,65 mm Browning. Ab diesem Tag nimmt die Berichterstattung rund um die „Zwickauer Zelle“ immer größere Dimensionen an. Ich führe jeden Tag mehrere Dutzend „Kollegengespräche“ (gebe also als Interviewpartner in Hörfunk und Fernsehen Einschätzungen und Sachstandberichte). Die Tage beginnen mit der Welle der öffentlich-rechtlichen Frühsendungen quer durch das Land, über die Mittagssendungen bis zu den Tageszusammenfassungen.

12. / 13. / 14. / 15. / 16. / 17. November
Beate Zschäpe und Holger G. (als mutmaßlicher Unterstützer) werden dem Haftrichter in Karlsruhe vorgeführt, Haftbefehle werden erlassen. Das Bekennervideo taucht auf. Weitere Taten werden der Gruppe zugeschrieben, V-Mann-Verwicklungen vermutet. Es fällt schwer, diese Entwicklungen im Nachhinein zu sortieren. Meine Familie fragt, wer ich bin. Dafür lerne ich innerhalb der ARD neue Kollegen kennen: Wir bilden kurz entschlossen einen virtuellen Recherchepool: Dokumentare, Hörfunker und Fernsehleute aus BR, MDR, NDR und SWR arbeiten seit diesen Tagen vertrauensvoll und so effektiv zusammen, wie ich es noch nie erlebt habe. Nur ein Beispiel: Aus dem Bereich des Bayerischen Rundfunks kommt der Name eines mutmaßlichen Unterstützers ins Spiel. SWR-Kollegen ermitteln den genauen Namen und die Adresse. Ein Fernsehteam des BR fährt dorthin, später tauchen auch Kollegen des Spiegels und wohl die Polizei dort auf. Es handelt sich um André E., über dessen mögliche Beteiligung in den kommenden Tagen andere Medien spekulieren. Wir sind defensiver – und fragen uns Tag für Tag, ob das eigentlich unsere Hörer / Zuschauer anerkennen. Aber auch wenn nicht: Besser sauber recherchieren, als schnell auf die Nase fallen… Am 12. November lege ich hier die Kategorie „Zwickauer Zelle“ an und kommentiere den Fall: Der Begriff „Braune Armee Fraktion“ ist falsch. Dabei bleibe ich nach wie vor.

18. November
Seit Monaten habe ich mir diesen Tag aus privaten Gründen frei genommen und verzichte auch auf die Aussage von Winfried Ridder im Buback-Prozess. Doch aus dem freien Tag wird durch den NSU nicht wirklich was. Und dann muss auch noch mein neues Radio-Feature „Die RAF-Gespenster“ fertig werden, das in dieser Woche produziert und am 04. Dezember gesendet wird. Zwischendrin immer wieder Gerüchte über weitere Festnahmen. Sie bestätigen sich nicht.

19. / 20. November
Das Wochenende verläuft erstaunlich ruhig. Für den Montag sind in Berlin diverse Sitzungen anberaumt – darunter die des Innenausschuss des Bundestages. Vermutlich will kurz vor dieser wichtigen Sitzung niemand in den Ermittlungsbehörden etwas an der offiziellen Darstellung des Sachstandes ändern.

21. / 22. November
Es gibt neue Erkenntnisse und viele Spekulationen über den Tod der Polizistin Michèle Kiesewetter. Es könnte – im erweiterten Sinne – eine Beziehungstat gewesen sein: Täter und Opfer sind sich möglicherweise schon früher begegnet. Gab es also noch andere Motive, als den Raub der Dienstwaffen oder den Hass auf die Polizei? Quasi nebenbei mache ich die Sprachaufnahmen für mein Feature. Und beginne wieder, hier zu schreiben 😉

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Kommentare zu „Subjektive Chronik der NSU-Entdeckung“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. HW
    schreibt am 23. November 2011 02:02 :

    Vielen Dank dafür, denn der handwerkliche Einblick ist großartig.

  2. Martin Riedt
    schreibt am 5. Dezember 2011 23:36 :

    Unabhängig des menschlichen Leids der betroffenen Familien der Mordopfer stellt sich mir die Frage nach dem Zeitpunkt der Aufdeckung und politischen Aufarbeitung der Verbrechen an den Mordopfern des „Zwickauer Trios“ bzw. der NSU. Just in den Tagen und Wochen wichtiger nationaler Weichenstellungen und des drohendem Souveränitätsverlust Deutschlands –Stichwort Euro-Bonds und Einbeziehung deutscher Gold-Reserven zur Euro-Rettung – geraten die Verbrechen an die Öffentlichkeit. Das Thema dominiert seit Tagen die Medienberichterstattung. Der Euro und der damit verbundene Vermögens- und Demokratieverlust der Deutschen tritt hintan. Kritische, auf nationale Handlungsfähigkeit bedachte Stimmen, sind lange nicht mehr so in den Talk-Shows präsent wie noch vor Monaten.

    Warum läuft das Thema NSU gerade jetzt, wo doch alles seit mehr als 10 Jahren bekannt sein dürfte? In einer ganz und gar vom Verfassungsschutz durchdrungenen Szene kann ich nicht an Zufälle glauben.

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