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Wackerer Horst Herold

10.11.2011, von

Man hätte es ihm ersparen sollen: Heute war der ehemalige Präsident des Bundeskriminalamtes Dr. Horst Herold (88) Zeuge im Verfahren gegen Verena Becker. Aufgrund einer Erkrankung wurde Herold in einer Videovernehmung befragt und aus einem bayerischen Behördengebäude zugeschaltet. Die genauen Umstände wurden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Herold bemühte sich nach meinem Eindruck, die Fragen des Senats und der Nebenklage nach bestem Wissen zu beantworten – konnte in der Sache aber nicht wesentlich weiterhelfen. Der hochbetagte ehemalige BKA-Präsident war einerseits deutlich von seiner Erkrankung gezeichnet, bestach aber andererseits durch seine weiterhin klare Analyse dessen, was er von den damaligen Ermittlungen noch erinnerte. Und obwohl Herold ganz offenkundig nicht damit einverstanden ist, wie er von Nebenkläger Michael Buback instrumentalisiert wird, gestand er ihm zu: Die Möglichkeit, Verena Becker könne die „Mordschützin“ gewesen sein, sei „durchaus plausibel“. Ein Schutz von Verena Becker oder eine Vertuschung bei den Ermittlungen seien aber völlig ausgeschlossen.

 

Wer Bilder von Dr. Herold erinnert, hat eine gute Vorstellung, wie er heute in der Videovernehmung aussah: In grauem Anzug mit gestreifter Krawatte und der typischen Horst-Herold Brille sah man ihm sein hohes Alter nicht an. Allerdings steht es um seine Konzentrationsfähigkeit krankheitsbedingt nicht gut. Immer wieder musste er sich sammeln, verlor den Faden und war – verständlicherweise – wenig glücklich darüber: „Sie merken, ich leide unter gelegentlichen Konzentrationsschwierigkeiten“, bekannte Herold gleich zu Anfang. Trotzdem wolle er sich selbstverständlich den Fragen des Gerichts und der Beteiligten stellen. Bitter beklagte sich Herold über die Unterstellung in einem TV-Beitrag in 3Sat, er sei zu einem früheren Termin nicht erschienen: Das sei eine hässliche Formulierung gewesen: „Herold schickte ein Attest und blieb zu Hause“, habe es in dem Beitrag geheißen. „Das hat mich sehr getroffen, ich kann nicht mehr agieren, wie mit 65“, sagte er.

Inhaltlich berichtete Horst Herold zunächst von seinen ersten Eindrücken von Verena Becker:

Als Mitglied des Krisenstabes bei der Lorenz-Entführung habe er erstmals mit ihr zu tun gehabt, da ihr Namen auf der Liste der Freizupressenden stand. Er habe sich damals gefragt: Wie kommt es, dass Verena Becker den gleichen Rang auf dieser Liste erreicht, wie beispielsweise Horst Mahler? Damals habe es dafür zwei Hypothesen gegeben, die immer wieder, aber nicht abschließend diskutiert wurden: Ist sie besonders hervorgetreten in der Vergangenheit oder erwartet man von ihr in der Zukunft etwas Besonderes?

Als einige Tage später sein enger Mitarbeiter Wolfgang Steinke das Lösegeld an die freigepressten Häftlinge übergeben habe, sei dessen Eindruck von Frau Becker überraschend gewesen: „Steinke sagte mir hinterher: die Becker wollte auf meine Aufforderung, das Lösegeld zu quittieren, sofort unterschreiben, aber ein anderer ist ihr in den Arm gefallen und hat gesagt, hier wird nichts unterschrieben“. Steinkes Fazit: „Sie war ein kleines Mädchen“, er habe den Eindruck gehabt, „mein Gott, sie ist ja gar nicht vollzunehmen“.

Deswegen habe es später auch Diskussionen zwischen ihm, Herold, und Steinke gegeben: Er habe Verena Becker immer für eine mögliche Schützin gehalten, Steinke habe das für unmöglich gehalten. „Er war aber auch der Einzige von uns, der sie persönlich erlebt hatte“, resümierte Herold nachdenklich.

Ein entscheidendes Indiz für Herold ist bis heute die Frage, wo die Tatwaffe gefunden wurde: Bei Becker und Sonnenberg, wie es Herold interpretiert (also nicht zwingend nur bei Sonnenberg). „Die Waffe war ein Kleinod, das unbedingt gesichert werden musste!“, argumentierte Herold. Sie sei panzerbrechend gewesen, man habe beim BKA schon vor dem Attentat damit gerechnet, dass sich die RAF eine solche schwere Waffe besorgt hatte. Herold: „Die Waffe stellte in Frage, was an Personenschutz aufgeboten war“. Auch der „Schutzwert“ der Fahrzeuge wurde fraglich. Da die RAF nicht in einzelnen Straftaten dachte, sondern kontinuierlich, sei es ein bedrohliches Zeichen. Herold wählte eine bezeichnende Formulierung: „Der aufstrebende Fötus des Aufstandes“.

Der „Mitbesitz“ der Tatwaffe sei sein zentrales Indiz gegen die Angeklagte: Es gebe „keine Spuren, keine Hinweise, nur Schlussfolgerungen aus dem Tatverlauf“. Dazu gehöre auch, dass in Singen sofort geschossen wurde. „Die Reaktion muss abgesprochen worden sein“. Für Herold ging die Reise von Becker und Sonnenberg eindeutig in die Schweiz (belegt durch den Koffer im Züricher Schließfach). Außerdem habe Becker nachweislich Folkerts und Heißler von Reisen in die Schweiz gekannt.

Herold skizzierte eine Indizienkette, die für mich durch eigene Recherchen der vergangenen Monate untermauert wird. Dazu alsbald mehr.

Die Bundesanwaltschaft hatte zunächst keine Fragen an Horst Herold.

Michael Buback hingegen wollte einiges wissen, doch es war nicht möglich, die Videokonferenzanlage  so einzurichten, dass auch er von Herold gesehen wurde. Der Berichterstatter Richter Wilke meinte dazu nur lakonisch: „Die Person, die uns das heute Vormittag erklärt hat, ist nun nicht mehr im Dienst“. Während dieser Satz in die Rubrik „flexible Justiz“ zu verbuchen ist, reagierte Michael Buback mit einer Freudschen Fehlleistung erster Güte: „Es muss ja auch nicht sein, dass ich gehört werde“, meinte er. Seine Frau korrigierte natürlich umgehend: „Gesehen!“.

Michael Buback wollte zunächst Details der Ermittlungen wissen: Wurde erfasst, welche Frauen in der RAF Motorrad fahren konnten? Das sei denkbar, aber er erinnere es nicht, so Herold. Habe er von Zeugenbeobachtungen erfahren, die auf eine Frau hindeuteten? „Erst von Ihnen“, antwortete Herold – verwies aber auch darauf, dass er ja kein Ermittler gewesen sei, sondern als BKA-Präsident ganz andere Aufgaben der Koordinierung und Steuerung gehabt habe. Und er meldete prinzipielle Zweifel am Wert von Zeugenaussagen an. Wie subjektiv und unzuverlässig sie seien, habe  er  immer wieder erlebt: „Das Beweismittel Zeuge hat für mich eine noch nicht befriedigende Bewertung gefunden“, sagte Herold. Und er offenbarte seinen eigenen Ermittlungsansatz gegen die Terroristen: „Die Nervenknoten der RAF identifizieren und angreifen“.

Im Kern ging es Michael Buback bei seinen Fragen um mögliche Übereinstimmungen zwischen gefundenen Haaren, entnommenen Haarproben und die entsprechenden Haargutachten des BKA hierzu. Dabei geriet einiges durcheinander – und vor allem in Vergessenheit, das neue Gutachten manche frühere Hypothese über Übereinstimmungen von Haaren über den Haufen geworfen haben. Horst Herold hielt sich tapfer – obwohl er wohl in seiner Amtszeit mit diesen Dingen weit weniger Berührung hatte, als ihm heute abverlangt wurde. Ein Fazit war: Widersprüche rund um ein angebliches Gutachten zu einer Haargleichheit mündeten „in der Feststellung: Es muss ein Irrtum des Dokumentarbeamten gewesen sein und damit ist auch meine ganze Kette illusorisch geworden“, sagte Herold bezogen auf eigene Aufzeichnungen zu den Haarspuren.

Zwiespältig war Herolds Fazit über seine Kontakte mit Michael Buback in den vergangenen drei Jahren: „Ich war eigentlich enttäuscht, dass Herr Buback ein Buch schrieb und mich als Kronzeuge benannte“, sagte Herold. „Aber in der Aussage habe ich ihm Recht gegeben“.

Er habe Michael Buback geholfen, weil er sich dessen Vater, dem ermordeten Generalbundesanwalt, verpflichtet gefühlt habe. Das gelte aber auch für die Bundesanwaltschaft. Und er habe den Eindruck gehabt, dass für Michael Buback die Gefahr bestand, „sich zu verrennen“, bilanzierte Herold den Kontakt diplomatisch. Dabei hatte er lange gezögert, sich mit Michael Buback zu treffen. Im Rahmen meiner Recherche für das Feature „Verschlusssache Buback“ hatte ich Horst Herold 2007 zu Hause besucht und bei Butterbrezeln und Kaffee lange mit ihm über den Fall diskutiert. Damals war er sehr zögerlich, ob er mit Michael Buback sprechen sollte. Und schon damals wurde mir klar, dass der ehemalige BKA-Chef zwar ein ungeheures Wissen über die RAF und die damaligen Ermittlungen hatte, dass er aber gleichzeitig als Behördenchef und konzeptioneller Vordenker nicht in allen Details der Ermittlungen steckte. Natürlich auch, weil er dafür – von ihm sehr geschätzte – Abteilungsleiter und Ermittlungsführer hatte.    

Rechtsanwalt Hans-Wolfgang Euler (Verena Becker) fragte Herold, ober er Kontakt zum Hamburger Verfassungschef Christian Lochte gehabt habe und sich mit ihm ausgetauscht habe. Herold beantwortete beide Fragen mit Ja. Euler fragte weiter: Hat Lochte ihnen jemals etwas unterschlagen? Ja, antwortete Herold: Es habe eine Lauschoperation des Hamburger Verfassungsschutzes in einem Kaffee gegeben. Dabei sei das Amt zufällig auf einen Quartierbeschaffer von Christian Klar gestoßen. Ein Glückstreffer sei das gewesen, doch Lochte habe nur einen einzigen Hamburger Polizisten eingebunden, weder dessen Vorgesetzte, noch das BKA. Prompt sei die Sache schief gelaufen. Lochte habe wohl die romantische Vorstellung eines Treffens der RAF in Hamburg „wie bei den Räubern im Wirtshaus im Spessart“ gehabt. Doch die Sache flog auf. Lochtes Begründung sei gewesen: „Das hätte man Herold nicht geben können, der hätte sofort zugegriffen“. Dr. Herold dazu lakonisch: „Und das hätte ich auch tatsächlich sofort gemacht.“

Gegen Ende wurde es dann überraschend noch kontrovers zwischen Bundesanwaltschaft und dem ehemaligen BKA-Chef. Herold war so verstanden worden, dass die Ermittlungen im Mordfall Buback im Sog der weiteren Vorfälle im Jahr 1977 eine ganze Zeit geruht hätten. Bundesanwalt Hemberger fragte Herold in scharfem Ton nach Ermittlungen zu Motorradhelmen, Spiegeln, Anmietung des Motorrads, etc. Ob man da von ruhenden Ermittlungen sprechen könne? Herold gab wacker Contra: Er habe das Ruhen auf Verena Becker bezogen. Nur auf diese habe sich ja auch der Einstellungsvermerk der Bundesanwaltschaft bezogen. Für mich war diese Episode ein weiterer Beleg dafür, dass die Konstruktion der Videovernehmung wenig geeignet ist, eine so kontroverse Vernehmung durchzuführen. Selbst wenn die Technik durch den Senat beherrscht worden wäre.

„Bewunderungswürdig“ fand der Vorsitzende Richter Hermann Wieland die Aussage Herolds: „Wir wären froh, wenn wir in Ihrem Alter noch so dastehen“, sagte Wieland zum Abschied zu dem ehemaligen BKA-Chef.

Es gab trotz aller Meinungsverschiedenheiten in den vorangegangenen dreieinhalb Stunden wohl niemand im Saal, der das anders sah.

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